Montagsinterview

Kanute Thomas Becker: „Vermisse Rückendeckung der Stadt“

Die Wupper ist das zweite Zuhause des Solinger Kanuten Thomas Becker.
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Die Wupper ist das zweite Zuhause des Solinger Kanuten Thomas Becker.

Kanute Thomas Becker über notwendige Verbesserungen, die Flut und den tödlichen Unfall in den Niederlanden.

Von Kristin Dowe

Herr Becker, der Sommer hielt schon einige sonnige Tage bereit. Wie groß ist die Nachfrage nach Kanutouren auf der Wupper?

Thomas Becker:Wir können uns nicht beschweren. An den Wochenenden veranstalten wir beispielsweise sogenannte Sammeltouren. Wenn Pärchen oder Familien kommen, sind wir ungefähr mit zehn Booten unterwegs. Normalerweise bieten wir das nur an den Wochenenden an, jetzt in den Ferien fahren wir auch unter der Woche. Firmen kommen verstärkt zurück, die sich wegen Corona in den vergangenen drei Jahren komplett zurückgehalten haben. Bei Betriebsausflügen ist es beliebt, zum Beispiel zuerst eine Kanutour zu machen und anschließend im Haus Müngsten oder im Haus Rüdenstein essen zu gehen. Hinzu kommen in den Ferien zwei Touren, die wir gemeinsam mit dem Ferien(s)pass machen.

Wie stark haben die Einschränkungen der Corona-Pandemie Ihr Unternehmen Wupper-Touren getroffen?

Becker: Die Firmenausflüge sind zeitweise weggefallen. Als touristisches Angebot, das überwiegend draußen stattfindet, waren wir weniger betroffen – auch, weil jede Familie ihr eigenes Boot hat. Firmen, die trotz der Einschränkungen zu uns kamen, haben vorher ihre Mannschaft getestet. Auch die Sitzordnung im Boot haben wir gelegentlich verändert, so dass einer vorne und einer hinten saß und anderthalb Meter dazwischen lagen. So konnten sogar im Boot Abstände eingehalten werden. Die Saison begann wegen Corona später. Im April und Mai war die Pandemie noch beherrschendes Thema, dann hat sich die Situation etwas entspannt. Nachdem die Touren im Sommer 2021 wieder gut anliefen, kam die Hochwasserkatastrophe, die uns das Jahr gründlich verhagelt hat.

Wie hat sich die Hochwasserkatastrophe am 14. Juli 2021 für Sie ausgewirkt?

Becker: Kurz danach sind wir fast vier Wochen gar nicht gefahren. Als ich aus dem Urlaub zurückkam, sind wir tagelang die Wupper abgefahren und haben Wege freigeschnitten. Aber in der Situation waren natürlich weniger Menschen daran interessiert, auf der Wupper zu paddeln. Die hatten andere Sorgen. So lief das Jahr eher schleppend aus.

In den Niederlanden wurde kürzlich eine Familie aus Wuppertal in einen tragischen Unfall bei einer Kanutour verwickelt. Die Eltern und ein Kind der Familie kamen dabei ums Leben. Wie ordnen Sie den Vorfall ein?

Becker: Ich habe das auch nur in den Medien verfolgt. Solche schlimmen Vorfälle werfen auch ein schlechtes Licht auf den Kanusport insgesamt. So viel ich weiß, hat die Familie keine Schwimmwesten getragen – das ist sehr gefährlich. Auch ich trage eine Schwimmweste, wenn ich zum Beispiel in Italien auf dem Gardasee eine Runde drehe. Dort bin ich mal in ein Unwetter hineingeraten und hatte selbst als erfahrener Kanute Mühe, wieder ans Ufer zu kommen. Wenn dort jemand ohne Erfahrung gekentert wäre, wäre er elendig ertrunken. So ein Kanadier kann durch Wellen oder eine unaufmerksame Bewegung des Fahrers leicht kentern.

Welche Sicherheitsvorkehrungen gibt es da bei Ihrem Unternehmen?

Becker: Wir geben immer Westen an unsere Gäste heraus und lassen sie sonst auch gar nicht mitfahren. Zudem bieten wir nur geführte Touren mit Fachpersonal aus dem Kanusport an. Wenn ein Boot kentert oder irgendwo ein Kind schwimmt, habe ich immer noch genügend Zeit, einzugreifen. Ich würde niemals das Risiko eingehen, dass mir dort jemand ertrinkt. Eine Schwimmweste sollte im Verleih immer Pflicht sein.

Was gehört zu einem verlässlichen Sicherheitskonzept noch dazu?

Becker: Die Gäste sollten immer eine umfassende Einweisung und genaue Informationen darüber bekommen, wohin sie eher nicht fahren sollten – gerade, wenn sie auf einem See unterwegs sind. Auch ist es für Anfänger ratsam, erst mal in der Nähe des Ufers zu bleiben, so dass man es noch erreichen kann, falls das Boot kentert.

Auf welche Schwierigkeiten müssen sich Anfänger beim Kanusport einstellen?

Becker: Viele haben am Anfang Steuerprobleme und müssen erst mal ein Gefühl für das Boot bekommen. In der Einweisung versuchen wir, das unseren Kunden in der Kürze zu zeigen. Das ist nicht einfach. Da gibt es schon mal Kandidaten, die voreilig behaupten, dass sie das könnten. Wenn man sie dann auf dem Wasser erlebt, merkt man, dass sie gar nicht wissen, wovon sie reden. Wenn jemand für zwei oder drei Stunden auf Tour geht, muss er in der Lage sein, den Weg auch wieder nach Hause zu finden. Dann darf einem nicht vor lauter Steuern die Kraft ausgehen. Darüber hinaus spielen Winde eine wichtige Rolle. Gerade bei Unerfahrenen kann hier der Spaß schnell enden.

Entgegen des Verbots gehen auch immer wieder Leute in der Wupper schwimmen. Was halten Sie davon?

Becker: Meiner Meinung nach ist das kein Problem, so lange sich die Leute im Flachwasser aufhalten. Die Städte wollen sich absichern, so dass sie ein generelles Badeverbot aussprechen. Wenn dann etwas passiert, wird immer schnell ein Schuldiger gesucht. In dem Falle die Stadt. Ich persönlich halte das Schwimmen im Rhein für deutlich gefährlicher, denn da es sich um eine Schifffahrtsstraße handelt, können dort sehr leicht Unterströmungen entstehen. Diesen Effekt hat man bei der regelmäßigen Strömung auf der Wupper nicht. Dennoch möchte ich niemanden ermutigen, sich über das Schwimmverbot hinwegzusetzen.

„Kanufahren ist ein tolles touristisches Angebot in Solingen, das immer noch stiefmütterlich behandelt wird.“

Kanute Thomas Becker

Welche Voraussetzungen bietet die Wupper mit ihrem momentanen Pegelstand zum Kanufahren?

Becker: Seit den letzten zwei trockenen Jahren haben wir ein Problem mit den unteren Strecken. Das bedeutet, wir konnten die Strecken ab Müngsten und ab Wupperhof fast drei Jahre nicht fahren. Ab Müngsten beginnt ja das Naturschutzgebiet, dort müssen wir gewisse Pegelstände einhalten, weil speziell die Angler früher behauptet haben, dass wir mit unseren Booten die Natur dort zerstören würden. Wir haben dann irgendwann eine Einigung gefunden. Somit können wir zurzeit nur den oberen Teil der Wupper anbieten – wir fahren eine Strecke bis Müngsten sowie verschiedene Strecken in Wuppertal. Für diese Feierabendtouren in Wuppertal haben wir uns spezielle Boote, offene Zweierkajaks, angeschafft, so dass wir auch bei wenig Wasser starten können. Die regelmäßigen Touren laufen aber von Burgholz bis nach Müngsten. Dort oben ist das Flussbett schmaler, und wir haben einen ausreichenden Wasserstand, um fahren zu können.

Ende August stehen die Feiern zum 125-jährigen Bestehen der Müngstener Brücke an. Sind Sie mit den Wupper-Touren auch dabei?

Becker: Wir haben eher zufällig von den Betreibern des Müngstener Brückensteigs davon erfahren, die Stadt hatte uns nicht über die Feierlichkeiten informiert. Auf Nachfrage teilte uns OB Tim Kurzbach dann mit, dass da offenbar etwas schiefgelaufen sei und wir versehentlich überhaupt nicht in die Planung eingebunden wurden. Jetzt haben wir der Stadt vorgeschlagen, dass wir oberhalb des Schaltkottens, im Staubereich vor dem Wehr, ein Angebot einrichten könnten. Dort gibt es eine Stahltreppe, und der Ort würde sich gut eignen, um ein Schnupperpaddeln anzubieten. Nun fängt aber ab der Napoleonbrücke das Naturschutzgebiet an. Die Untere Naturschutzbehörde hat deshalb abgelehnt. Ich möchte das aber nicht am Parkplatz an der L 74 machen, weil sich dort eine marode Treppe befindet. Das wäre mir zu gefährlich. Auf meine Bitte hin, für diesen Tag eine Ausnahmegenehmigung zu erteilen, habe ich nichts mehr von der Stadt gehört. Die Fahrer machen in der Natur nichts kaputt. Leider steckt diese Annahme immer noch in den Köpfen der Menschen drin. Es wird deshalb wohl darauf hinauslaufen, dass wir in Müngsten kein Angebot für den Kanusport machen können. Da vermisse ich die Rückendeckung der Stadt.

Welche Rolle spielt Kanufahren inzwischen im touristischen Gesamtkonzept des bergischen Städtedreiecks?

Becker: Kanufahren ist eigentlich ein tolles touristisches Angebot für Solingen, das aber immer noch sehr stiefmütterlich behandelt wird. Zwar haben wir unsere Sehenswürdigkeiten wie die Müngstener Brücke oder Schloss Burg. Im Outdoor-Bereich haben wir aber – abgesehen vom Müngstener Brückensteig, der neu dazugekommen ist – nicht viel zu bieten. Wenn man die Müngstener Brücke als Welterbe will, muss man sich Gedanken machen, wie man die ganzen Menschen in Müngsten unterbringen will. Dort ist die Parkplatzsituation jetzt schon katastrophal. Das ist auch für den Kanusport ein wichtiger Faktor. Wir haben Straßen NRW gebeten, uns zwei oder drei Parkplätze zu schraffieren, damit wir in Müngsten problemlos aussteigen können. Dies wurde abgelehnt. Wir haben Schwierigkeiten, überhaupt einen Parkplatz zu bekommen und unsere Boote auf den Hänger zu laden. Ein anderes Beispiel ist die Holztreppe in Müngsten, die zur Regionale 2006 gebaut wurde und die wir jedes Jahr reparieren müssen. Zu solchen Dingen fände ich einen Runden Tisch sinnvoll, wie Solingen sich künftig touristisch aufstellen will. Da wünsche ich mir mehr Unterstützung von der Stadt.

Persönlich

Der Solinger Kanute Thomas Becker (55) kann auf viele sportliche Erfolge zurückblicken – unter anderem wurde er 1996 Olympiadritter im Kanuslalom. Über sein Unternehmen vermittelt er geführte Kanutouren über die Wupper.

wupperkanutouren.de

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