Die Woche

Kampf gegen das Virus vom Kopf auf die Füße stellen

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stefan.kob@solinger-tageblatt.de

Entscheidungsträger in Städten und Gemeinden werden von der NRW-Landesregierung wie ungezogene Kinder gerügt, obwohl ihnen Lob zusteht.

Von Stefan M. Kob

Streit gibt es in der besten Familie. Er darf aber nicht zum Dauerkonflikt mutieren. Leider ist das gerade in unserem Land der Fall. Man spricht gerne heimelig von der kommunalen Familie, wenn vom Verhältnis der NRW-Landesregierung zu „ihren“ Städten die Rede ist. In dieser Familie hängt der Haussegen zurzeit mächtig schief. Das liegt aus Sicht der Gemeinden daran, dass sie vom Land nicht wie erwachsene Familienmitglieder wertgeschätzt, sondern wie unmündige, nichtsnutzige und vor allem aufmüpfige Gören behandelt werden, denen man nur beikommt, indem man ihnen ordentlich hinter die Löffel gibt.

Beispiele dafür gibt es leider viele in der Krise. Der Landrat, der gerüffelt wird, weil er abends übriggebliebene Impfdosen nicht vernichtet, sondern sinnvoll verimpft hat. Ein Leitender Impfarzt aus Wermelskirchen, der problemlos, aber ohne Landessegen, eine Dose mehr aus den aufbereiteten Fläschchen ziehen konnte. Die Solinger, die mit ihrem Weg des Wechselunterrichts so lange wie möglich Schulen offenhalten wollten. Die Bürgermeister von Duisburg und Dortmund, die angesichts der eskalierenden Inzidenzzahlen Schulen und Kitas wieder schließen wollten, weil es nach wie vor nicht genügend der versprochenen Tests gab. Die Wuppertaler, die 2000 Dosen übrig hatten, aber nicht mit der nächsten Gruppe beginnen durften, obwohl es kaum noch unversorgte 80-Jährige gab.

Teilweise wurden die Verantwortlichen vor Ort von Düsseldorf so rüde in den Senkel gestellt, dass diese sich vorkommen mussten wie ungezogene Kinder. Dabei steht nicht die Ministerialbürokratie in vorderster Front der Pandemiebewältigung. Sondern die Macher vor Ort mit ihren Krisenstäben, Impfzentren, Gesundheitsämtern, Schulen, Kitas und Ordnungsdiensten. Man sollte sie loben, nicht maßregeln. So ist es kein Wunder, dass NRW im Schneckentempo bei der Impfquote hinterher kriecht. Und auch kein Wunder, dass die von der Kanzlerin lobend genannten Modellstädte Tübingen und Rostock bekanntlich andere Familienoberhäupter haben.

Dass unsere Form der Krisenbewältigung nach dem Modell von oben nach unten komplett gescheitert ist, wusste man nicht erst seit der krachend gescheiterten „Osterruhe“. Die deutsche Angst, irgendetwas falsch zu machen, lähmt uns. Daher verwalten wir seit einem Jahr die Krise, statt sie zu bekämpfen. Während sich beispielsweise andere Länder auf dem Weltmarkt in Windeseile mit Masken eindeckten, druckten wir erstmal für Millionen Euro fälschungssichere Bezugsscheine.

Die Liste des Bürokraten-Wahns ließe sich fortsetzen. Offenbar will NRW jetzt Einsicht zeigen und zumindest unter strenger Aufsicht einigen Städten erlauben, ihren eigenen Weg zur Pandemiebewältigung auszuprobieren. Unsere Stadt möchte da gerne mitmachen – trotz oder gerade wegen steigender Infektionszahlen. Höchste Zeit, die Pandemiebekämpfung vom Kopf auf die Füße zu stellen. Es geht nicht darum, wer Recht hat. Oder welche politische Farbe am kräftigsten leuchtet. Es geht um Menschenleben. Denn jede Spritze, die nicht oder zu spät gesetzt wird, ist tödlich.

TOP Vorbildlich: Walder Stadtsaal wird Testzentrum.

FLOP Flickenteppich: Frisch sanierte Eschbachstraße wird unseren anderen Rumpelstraßen optisch angeglichen.

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