Bedrohung

Im Jugendamt geht die Angst um

Mitarbeiterinnen des Jugendamtes werden auf das Übelste beschimpft und bedroht. Archivfoto: Uli Preuss
+
Mitarbeiterinnen des Jugendamtes werden auf das Übelste beschimpft und bedroht.

Die Mitarbeiter der Solinger Behörde werden bedroht. Die Verwaltung hat die Polizei eingeschaltet.

Von Stefan Prinz

Es geht um ein kleines Kind: Vor wenigen Wochen hat das Jugendamt die Entscheidung getroffen, dass ein Baby in die Obhut von Pflegeeltern gegeben wird. „Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes und des Datenschutzes kann zu dem konkreten Fall nicht öffentlich Stellung genommen werden“, heißt es aus dem Rathaus.

Nach unbestätigten Informationen unserer Zeitung steht der Verdacht im Raum, dass das Kind misshandelt wurde und deshalb in die Obhut von Pflegeeltern gegeben wurde. Das Familiengericht hat vergangene Woche beschlossen, das Kind bis auf weiteres bei diesen Pflegeeltern zu lassen. Die leiblichen Eltern sehen in der Wegnahme ihres Kindes ein schwereres Unrecht und bestreiten jede Misshandlung.

„Die Mitarbeitenden sind in Sorge vor weiterer Eskalation.“
Lutz Peters Stadtsprecher

Sie haben den Fall insbesondere auf Facebook öffentlich gemacht. Seither erreicht die Mitarbeiter des Jugendamtes eine Welle von Beleidigungen und Bedrohungen. Der aktuelle Fall ist nach Einschätzung des Stadtdienstleiters Rüdiger Mann außergewöhnlich. „Das Ausmaß der Beleidigungen ist erschreckend.“

Standpunkt von Stefan Prinz

In einer E-Mail an eine schwangere Mitarbeiterin des Jugendamtes heißt es: „Vorerst möchten wir sie beglückwünschen zu Ihrem privaten Glück. Denken Sie daran, Sie sind nie allein. Es wird überall geschaut, sei es in Ihrem privaten oder dienstlichen Umfeld. Sie sind nicht allein und auch Ihre Kollegen sollten sich vor uns in Acht nehmen. Wir hacken alles und jeden, haben keine Scheu, noch weiter zu gehen.“

Die betroffenen Mitarbeiterinnen haben sogar Drohbriefe an ihren Autos gefunden. Ihnen werden „Nazimethoden“ und „Kinderklau“ vorgeworfen. Im Internet wurde mittlerweile sogar eine Petition gegen „die rechtswidrige Inobhutnahme“ gestartet, dem sich zwischenzeitlich 340 Nutzer angeschlossen haben. In diesem Aufruf sind Kommentare zu lesen wie: „Weg mit den Kriminellen im deutschen Jugendamt & Co.“ In einem anderen Kommentar heißt es: „Ich drehe einen vierten Teil von Hostel (Horrorfilm). Mit dabei, das Solinger Jugendamt & das Krankenhaus. Oder alle direkt lebendig in den Ofen.“

Die Behörde nimmt die Drohungen sehr ernst. „Die Mitarbeitenden sind in Sorge vor weiterer Eskalation“, sagt Lutz Peters. Die Stadtverwaltung habe zum Schutz der Kolleginnen bereits Maßnahmen zur Gefahrenabwehr getroffen, berichtet der Stadtsprecher weiter. Dazu gehöre, dass besonders schutzbedürftige Kolleginnen in Konfliktfällen nicht mehr eingesetzt würden. „Außerdem werden Gespräche nur noch in Anwesenheit mehrerer Kollegen geführt.“

Beleidigungen und Bedrohungen gegen Mitarbeiter des Stadtdienstes Jugend kommen nach Auskunft des Rathauses nicht sehr häufig vor. „Es kann aber schon passieren, dass Eltern aufgrund des Tätigwerdens des Jugendamtes aufgebracht sind“, heißt es. In der Regel gelinge es, die Situation zu beruhigen. Die Mitarbeiter seien hierzu aufgrund ihrer Ausbildung in der Lage. Zudem schule die Stadt ihre Beschäftigten regelmäßig. Strafanzeigen erfolgten im Schnitt drei bis fünf Mal im Jahr.

INOBHUTNAHME

VORAUSSETZUNG Jugendämter müssen unter bestimmten Voraussetzungen eine Inobhutnahme von Kindern und Jugendlichen durchführen. Dies ist nach Ansicht von Experten zum Beispiel dann der Fall, wenn das Kind oder der Jugendliche darum bittet oder wenn eine dringende Gefahr für das Wohl des Kindes dies erfordert. 

GERICHT Findet eine Inobhutnahme gegen den Willen der Sorgeberechtigten statt, schreibt das Gesetz vor, dass das Jugendamt eine Entscheidung des Familiengerichts einholen muss, wenn es von einer Gefahr für das Kind ausgeht.

Für die Polizei ist das kein Einzelfall: „Anzeigen wegen Bedrohungen nehmen wir regelmäßig entgegen“, berichtet Polizeisprecher Stefan Weiand. Strafrechtlich liege eine Bedrohung vor, wenn der geschädigten Person mit einem Verbrechen gedroht wird.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

2G: Gäste und Passanten üben Kritik an Restaurant-Kontrolle
2G: Gäste und Passanten üben Kritik an Restaurant-Kontrolle
2G: Gäste und Passanten üben Kritik an Restaurant-Kontrolle
31-Jähriger fährt Porsche zu Schrott und flüchtet zu Fuß
31-Jähriger fährt Porsche zu Schrott und flüchtet zu Fuß
31-Jähriger fährt Porsche zu Schrott und flüchtet zu Fuß
Pläne für Neubau zwischen Fronhof und Clemens-Galerien werden konkret
Pläne für Neubau zwischen Fronhof und Clemens-Galerien werden konkret
Pläne für Neubau zwischen Fronhof und Clemens-Galerien werden konkret
Hängepartie um Stadtdirektoren-Posten
Hängepartie um Stadtdirektoren-Posten
Hängepartie um Stadtdirektoren-Posten

Kommentare