Mitte-Studie

Jeder Vierte meint: Es gibt zu viele Fremde in Solingen 

1600 Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt Solingen wurden befragt. Archivfoto: Christian Beier
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1600 Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt Solingen wurden befragt.

Mitte-Studie hat den gesellschaftlichen Zusammenhalt der Klingenstadt untersucht

Von Philipp Müller

Solingen. Schonungslos legt die Mitte-Studie der Stadt Solingen und des Diakonischen Werks offen, woran es in Solingen an vielen Stellen hakt. Es gibt Fremdenfeindlichkeit mitten in der Stadtgesellschaft. Jeder Vierte glaubt, es gibt zu viele Solinger, die „von woanders herkommen.“ Aber der Zusammenhalt der Solinger Stadtgesellschaft ist dann in der Tiefe doch stärker, als man vielleicht bei der ersten Zahl denken möchte. Immerhin glauben 55 Prozent nicht an zu viele Fremde und möchten zu 63 Prozent in Solingen alt werden. Jeder Zweite glaubt, er erfahre die gleiche Anerkennung in Solingen, wie die anderen. 16 Prozent fühlen sich aber ausgegrenzt. In der Konsequenz kommt die Studie zum Ergebnis: Nur der gegenseitige Dialog über alle Grenzen hinweg verbessert die Situation.

Im Rahmen einer Zusammenhaltskonferenz mit 60 Teilnehmenden stellten Michael Roden für den Stadtdienst Integration und Anno Kluß für die Firma Context, die die Studie durchführte, die Ergebnisse vor. 1539 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren per Online-Fragebogen und per Zoom-Interviews eingebunden. 10 000 Personen aus der Bürgerschaft waren angesprochen worden. In der Summe sei das aber repräsentativ, erklärte Prof. Dr. Andreas Zick vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung in Bielefeld. Er begleitet die Solinger Studie und führt eine gleiche auf Bundesebene durch, deren Ergebnisse in Kürze erwartet werden.

Auf 143 Seiten gibt es Hunderte Einzelergebnisse der Studie (| Kasten), die einen tiefen Einblick in die Befindlichkeit der Solinger zulassen. Daher sind die anfangs genannten Zahlen auch nur ein Bruchteil der gesamten Studie. Die Analyse teilt in zwei große Gruppen auf: Da ist auf der einen Seite die „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“. Sie untersucht das Thema sehr individuell nach allen Altersstufen, Einkommensgruppen, Bildungsniveau und ethnischer Herkunft sowie religiöser Zugehörigkeit. Dagegen stehen Ergebnisse, die generell unter dem Stichwort „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ auflisten, wie die Solinger die Harmonie im Zusammenleben empfinden – natürlich auch wiederum individuell auf die oben genannten Kategorien heruntergebrochen.

„Die Befragten haben ehrlich Auskunft gegeben.“

Ulrike Kilp, Diakonie Solingen

Anno Kluß und Prof. Zick verwiesen darauf, dass Fremdenfeindlichkeit oft auch mit dem Glauben an Verschwörungstheorien zusammenhänge. So sind sich jede fünfte Solingerin und Solinger sicher, dass die Bundesrepublik von geheimen Mächten gesteuert wird. Zugleich gibt es Deckungsgleichheit bei ablehnenden Haltungen gegenüber Schwulen und Lesben oder auch gegenüber Behinderten.

Auch all diese und jeden der Fremdenfeindlichen müsse man im Gespräch überzeugen, in die Mitte der bunten Gesellschaft zurückzufinden, erklärte Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD) in seinem Grußwort. Ulrike Kilp, Leiterin des Solinger evangelischen Diakonischen Werks merkte an: „Die Befragten haben ehrlich Auskunft gegeben.“ Das sei eine gute Basis, Lehren aus der Studie für die Praxis zu ziehen.

Diese Basis ist das Gespräch über die gesellschaftlichen Unterschiede und alle Hürden hinweg. Dazu nennt die Studie das Ergebnis der Befragungen aus den Interviews: „Viele sagen, dass gegenseitiger Wille im Kontakt der Menschen aus verschiedenen sozialen Gruppen nötig ist, damit Maßnahmen nachhaltig gelingen und zum gesellschaftlichen Zusammenhang beitragen.“ Einfach wird das nicht, denn es gelte dies, erklären die Solinger in der Studie: „Es ist Mut, Aktionismus und Eigeninitiative gefragt, offen auf Menschen zuzugehen. Dafür benötigt es Neugierde, Interesse und den Willen, andere Menschen kennenzulernen.“ | Standpunkt

Studie untersucht Zusammenhalt

Die Ergebnisse der Studie stehen den Solingern online zu Verfügung. Zunächst gibt es einen groben Überblick über die wichtigsten Ergebnisse in einer übersichtlichen Animation mit Video-Erklärung der Studien-Macher:

https://zusammen-solingen.de

Dies gesamten 143 Seiten der Studie stellen Stadt, Diakonie und Context dort vor:

https://t1p.de/6vo9

Standpunkt

philipp.mueller@solinger-tageblatt.de

Kommentar von Philipp Müller

Wer seine Stadt verstehen will, der muss wissen, wie sie tickt. Da ist die Mitte-Studie mehr als hilfreich. Der Blick in das Zahlenwerk lohnt. Vorurteile mögen bestätigt sein, manches überraschen. Einige wenden sicher ein: Wie kann man nur die Zahl veröffentlichen, dass jeder vierte Solinger glaubt, es gibt zu viele Menschen, die „von woanders herkommen“. Das spiele den Rechten in die Hände. Ja, die Gefahr besteht. Aber wir leben in der Demokratie. Die hält das immer dann aus, wenn man miteinander spricht. Das gelingt umso besser, je größer der vorurteilsfreie Respekt dem Gegenüber schon zu Beginn des Dialogs ist. Dafür braucht es keinen Mut. Das ist eine Sache der Einstellung. Es braucht aber offenbar Mut, die Einstellung zu ändern. Machen wir das einfach.

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