Menschen im Fadenkreuz

Jede Nacht klingelt das Telefon

Solinger Frank Knoche wird seit Jahren von Rechts bedroht

Von Verena Willing

Als Frank Knoche am 29. Mai 1993 von dem Brandanschlag auf das Haus der Familie Genç erfährt, wird er gleich nach dem ersten Schock tätig. Er fährt nach Wald, wo gerade der Pfingstochse über die Bühne geht. Knoche erzählt den Veranstaltern von den Geschehnissen der Nacht und drängt sie, das Fest abzubrechen.

Viele Türken fühlten sich plötzlich nicht mehr angenommen

Mit einigen Mitstreitern organisiert Frank Knoche eine der ersten Demos. Denn ihm ist schnell klar, dass es nun auch in seiner Heimatstadt einen rassistischen Anschlag gegeben hat. „Solingen hat eine lange Arbeitertradition. Es war ein Schlag, dass das in dieser Stadt passiert“, sagt Knoche.

Diese Gefühle teilt auch Anne Wehkamp vom Stadtdienst Integration. Sie hat Anfang der 1990er Jahre bei der Caritas im sozialpädagogischen Dienst für Migranten gearbeitet. In Solingen habe es immer eine starke türkische Community gegeben, sagt sie. „Nach dem Brandanschlag war das sehr deutlich zu sehen, dass sich eben diese Leute teilweise zurückgezogen haben“, erinnert sich Anne Wehkamp. Die Menschen hätten sich verändert, weil sie sich plötzlich nicht mehr angenommen fühlten. Und sie hätten Angst gehabt. „Ich habe damals gehört, dass darüber nachgedacht wurde, sich Strickleitern anzuschaffen. Aus Angst, dass auch die eigenen Wohnungen in Brand gesteckt werden.“

Was Frank Knoche und Anne Wehkamp verbindet: Beide engagieren sich seit Jahren gegen Rechts. Und beide mussten schon mit Bedrohungen umgehen. Anne Wehkamp erzählt von einer Situation, die sich vor dem Brandanschlag ereignet hat: Aufgrund einer Schlagzeile im ST in Zusammenhang mit der damaligen Asylpolitik schrieb Wehkamp einen Leserbrief. Nachdem dieser in der Zeitung erschienen war, bekam auch sie Post: „Dich kriegen wir auch noch, du verdammte Ausländersau“. Es blieb bei der einen Drohung.

Das sieht bei Frank Knoche anders aus. Jede Nacht bekommt er Drohanrufe. Anfangs hat er sich noch einen Spaß erlaubt und eine Hupe neben das Telefon gestellt. Inzwischen fühlt er sich bedroht. „Das zermürbt einen“, sagt er. Die Polizei könne nichts machen, weil die Anrufe aus dem Internet kämen. In Bezug auf sein Engagement sagt er: „Wenn man sich einmal zurücknimmt, ist das der Anfang vom Ende.“

Hintergrund

Das Projekt: „Menschen – Im Fadenkreuz des rechten Terrors” ist eine Kooperation elf renommierter Regionalmedien – darunter auch das Solinger Tageblatt – in Zusammenarbeit mit dem Weissen Ring e.V., unter Leitung des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv.

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Die Ausstellung: Bis Freitag, 2. Juli, war die Ausstellung „Menschen – Im Fadenkreuz des rechten Terrors“ am Fronhof zu sehen. Von dort aus geht es nach Dortmund, Köln, Kassel, Schorndorf, Winnenden, Waiblingen, Nürnberg, München, Rostock/ Greifswald und Berlin.

Die Autorin: Verena Willing arbeitet seit 2012 als Redakteurin beim Solinger Tageblatt. Mit den Recherchen für dieses Projekt war sie viele Monate befasst.

Rubriklistenbild: © Correctiv

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