Holocaust

Jede Generation findet ihre eigene Kunstsprache zum Massenmord

Häftlingskunst aus Auschwitz – dazu gehört auch „Aus deutschen Konzentrationslagern“ von Leo Haas. Foto: Zentrum für verfolgte Künste
+
Häftlingskunst aus Auschwitz – dazu gehört auch „Aus deutschen Konzentrationslagern“ von Leo Haas.

Kunst in Auschwitz – ein Vortrag von Jürgen Kaumkötter, Direktor des Zentrums für verfolgte Künste.

Von Jutta Schreiber-Lenz

Solingen. Jane Korman und ihre Familie, nämlich ihr 89-jähriger Vater Adolek (Adam) Kohn, ein Überlebender von Auschwitz, und seine fünf Enkelkinder tanzen zu Gloria Gaynors bekanntem Hit aus den 1970er Jahren. „I will survive – dancing Auschwitz“ nennt die australische Künstlerin diese Video-Installation, deren Dreh unter anderem vor dem Stammlager entstanden ist.

Jürgen Kaumkötter, Leiter des Zentrums für verfolgte Künste, zeigte bei seinem VHS-Vortag am Donnerstagabend unter anderem ein Foto dieser Performance, getanzt auf den Bahnschienen der „Rampe“ vor dem heute weltbekannten Vernichtungslager. Damit nahm er mit ins Thema des 90-minütigen Vortragsabends im VHS-Forum, der als Hybridveranstaltung auch bis zu 40 digitale Zuschauer anlockte.

„Kunst in Auschwitz, damals und heute“ war er überschrieben. Die Bahnschienen vor dem Tor mit dem schmiedeeisernen „Arbeit macht frei“ berühren heute unzählige Besucher dieses geschichtsträchtigen Ortes, an dem weit über eine Million Häftlinge umgekommen sind: bei der Shoah, dem Holocaust, dem bürokratisch durchbuchstabierten Massenmord des NS-Regimes an den Juden Europas.

Seit der Befreiung durch die Russen bringt die Auseinandersetzung mit diesen Verbrechen Kunst hervor. Kaumkötter erläuterte viele dieser kreativen Werke eindringlich und anschaulich in Wort und Bild und erzählte von Ausstellungen im Berliner Reichstag, in Krakau und im heutigen Auschwitz-Museum.

Einen Großteil der ihm zur Verfügung stehenden Zeit widmete er aber der Kunst, die damals, in der Lager-Zeit von 1940 bis 1945, von Häftlingen gemalt oder gezeichnet wurde. „Zu 80 Prozent Porträts“, so Kaumkötter. Selbstporträts, wie etwa das von Marian Wanski – in dem eine Gesichtshälfte hoffnungslos, die andere wütend dargestellt ist – , seien angesichts ihrer Unmittelbarkeit unglaublich berührend. „Hunger, Schmerz, Angst, Demütigung und den Tod vor Augen zu haben, entwickelt einen unverkennbaren Stil.“

Simson-Comics standen in der Kritik

Kaumkötter lieferte anhand vieler Beispiele Geschichten von Schicksalen, die immer noch tief berührten. Fesselnd auch die Frage nach dem heutigen Umgang mit dem Ort Auschwitz, der längst zum Touristenort geworden sei. Das ist ja nicht negativ gemeint“, war allgemeiner Tenor, auch in der Gesprächsrunde nach dem Vortrag. „Interesse ist gewünscht und notwendig, um für die Zukunft zu mahnen.“ Dennoch sieht auch Kaumkötter in dem Massentourismus die Gefahr, dass „Auschwitz zum Disneyland of Horror“ werden könnte, weil Kommerz die Oberhand gewinnen könnte. In der Tat sei der Grad schmal, auf dem man wandle, wenn man jeder neuen Generation zubillige, ihre eigene Kunstsprache zu „Auschwitz“ zu finden so Kaumkötter. „Auch viele Kunstprojekte wie Simson-Comics oder Nackt-Performances wurden intensiv diskutiert, weil man ihnen vorwarf, zu stark eigene Befindlichkeiten in den Vordergrund zu stellen und zu wenig Demut vor den Opfern zu zeigen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Streit um Öffnung von „Martinas Lädchen“
Streit um Öffnung von „Martinas Lädchen“
Streit um Öffnung von „Martinas Lädchen“
Pkw-Fahrer erfasst Radfahrer-Gruppe - Frau wohl außer Lebensgefahr
Pkw-Fahrer erfasst Radfahrer-Gruppe - Frau wohl außer Lebensgefahr
Pkw-Fahrer erfasst Radfahrer-Gruppe - Frau wohl außer Lebensgefahr
S1-Ausfall trifft auf genervte Pendler
S1-Ausfall trifft auf genervte Pendler
S1-Ausfall trifft auf genervte Pendler
Feuerwehr löscht Garage in Mitte
Feuerwehr löscht Garage in Mitte
Feuerwehr löscht Garage in Mitte

Kommentare