Analyse

Ein Jahr nach Car Kult – Aufarbeitung bleibt aus

Tristesse auf dem Omega-Gelände und den angrenzenden Evertz-Hallen. Die Verheißung, dass dort ein Oldtimer-Zentrum entstehen würde, vernebelte vielen den Blick. Fotos: Christian Beier
+
Tristesse auf dem Omega-Gelände und den angrenzenden Evertz-Hallen. Die Verheißung, dass dort ein Oldtimer-Zentrum entstehen würde, vernebelte vielen den Blick.

Im Februar 2015 war Solingen im Oldtimer-Fieber. Doch das Projekt erwies sich als Blase. Versäumnisse wurden nie geklärt.

Von Jörn Tüffers

Es war im Februar. Es herrschte Euphorie. Solingen würde zu einem Mekka der Oldtimer-Fans werden. Stefan Petermann heißt der Mann, der diese ungewohnten Glücksgefühle auslöste. Schon im Sommer werde er auf dem früheren Omega-Gelände und in den Evertz-Hallen ein Dorado für Liebhaber alter Autos eröffnen, kündigte er an: mit Oldtimer-Ausstellung, Einstellplätzen für historische Fahrzeuge, einem Bistro und einer Spezialwerkstatt. 40 Arbeitsplätze werden entstehen, kündigte der Mann an, der Referenzen als Kfz-Meister und als Mechaniker im Rennsport angab.

Bei der Präsentation des ehrgeizigen Projekts strahlen der damalige Oberbürgermeister Norbert Feith (CDU), Wirtschaftsförderer Frank Balkenhol und Mitglieder der Unternehmer-Familie Evertz (ihr gehören die Hallen) um die Wette: Nicht allzu oft konnten sich in jüngerer Vergangenheit die Verantwortlichen in dieser Stadt über einen solchen Coup freuen. Petermann verspricht bis zu 80 000 Besucher im Jahr – Car Kult sollte das strahlende Tor zur Innenstadt werden.

Solingen hat sich bis auf die Knochen blamiert

Zwölf Monate später. Es ist wieder Februar. Es herrscht Ernüchterung. Das einzige, was an der Ecke Kölner Straße /Birkenweiher prächtig gedeiht, ist das Unkraut. Das Schild, auf dem das Entwicklungspotenzial der Brachfläche gezeigt wird, verblasst.

Der OB und der Investor: Norbert Feith und Stefan Petermann (links) zeigten sich mit Beteiligten wie der Evertz-Familie (rechts).

Solingen hat sich bis auf die Knochen blamiert. Der vermeintliche Investor hat nicht einen einzigen Euro gebracht. Egon Evertz ist immer noch darum bemüht, die mit Petermann geschlossenen Verträge zu lösen. Still ist es um diejenigen geworden, die sich im Februar 2015 im Licht des vermeintlichen Erfolges sonnten und Kritiker angingen.

Es ist die Geschichte eines geplatzten Traumes, unerfüllter Wünsche und der kollektiven Verblendung der Entscheidungsträger dieser Stadt:

Feith hatte von einer „großen Chance für die Stadt“ gesprochen, von einer „tollen Aufwertung für das Eingangstor zur Innenstadt“. Er hatte Wirtschaftsförderer Balkenhol und Stadtdirektor Hartmut Hoferichter als Planungsdezernent bedingungslos vertraut, dass das Projekt auf sicheren Beinen stehen würde.

Gereizt reagierte er, als durch eine ST-Berichterstattung Zweifel an Petermanns Seriosität und Finanzkraft aufkamen. Zehn Tage nach der auch überregional beachteten Präsentation des Oldtimer-Projekts in den Evertz-Hallen deckte das Tageblatt auf: Der Kfz-Mechaniker hat eine kriminelle Vergangenheit. Er war wegen Diebstahl verurteilt worden. In Nürnberg hatte er eine Frau um ihr Erspartes gebracht. Das dortige Amtsgericht hatte im Januar 2013 eine Haftstrafe von einem Jahr und neun Monaten verhängt – sie wurde für vier Jahre zur Bewährung ausgesetzt.

Petermann ignorierte Fristen und erhielt dennoch den Zuschlag

Im Dezember 2014, als Petermanns Verhandlungen mit Evertz und der Wirtschaftsförderung in die entscheidende Phase traten, ignorierte der Lörracher zwei Ladungen des Vollstreckungsgerichts am Amtsgericht Solingen. Er war Gläubigern Geld schuldig geblieben. Daher hatten diese vollstreckbare Titel gegen ihn erwirkt. Der 57-Jährige sollte entweder die Summen sofort begleichen oder schriftlich eine Vermögensauskunft (Offenbarungseid) leisten.

Verheißungsvoll: die Oltimer-Welt.

Feith stellte dem vermeintlichen Investor eine Frist, in der er seine Zahlungsfähigkeit beweisen sollte. Eine zweite folgte – und obwohl Petermann nichts auf den Tisch legen konnte, empfahl der OB den Politikern den Verkauf des Grundstücks – unter Vorbehalt dessen, dass im März Geld für die Evertz-Hallen fließen würde. Die Politik ignorierte den fehlenden Nachweis von Petermanns Zahlungskraft. Jeder habe eine zweite Chance verdient, forderte die FDP. Die Grünen und die Linken votierten gegen den Verkauf des Omega-Grundstücks.

Auch als Petermann nach Monaten immer noch kein Geld gezahlt hatte, berührte dies die Verantwortlichen im Rathaus und Wirtschaftsförderer Balkenhol nicht. Es sei doch nichts passiert, das sei eine Sache zwischen Petermann und Evertz. Die teuren Folgen dieser Gelassenheit: 660 185 Euro weniger auf dem Konto der Wirtschaftsförderung.

Gäbe es auf lokaler Ebene einen Untersuchungsausschuss, so hätte er einberufen werden müssen. Aber von wem? Mittlerweile ist es den Parteien unangenehm, dass sie hinter diesem windigen Projekt standen. Die Politiker haben sich naiv verhalten, und ob der Aufsichtsrat der Wirtschaftsförderung seiner Verantwortung gerecht geworden ist, darf hinterfragt werden. Eine dürre, vierseitige Beschlussvorlage, die Balkenhol präsentierte, und umso imposantere Animationen von Petermanns Car Kult (ließ die Wirtschaftsförderung fertigen) reichten als Entscheidungsgrundlage.

„ Stadt muss über anspruchsvoll gestaltete Grünfläche nachdenken“
Ein Gutachter

Balkenhol selbst trat gegenüber seinen Kritikern die Flucht nach vorne an: Dem ST warf er vor, es wolle ein Leuchtturmprojekt für Solingen kaputtschreiben. Von der Verantwortung der lokalen Tageszeitung war da die Rede. Auch Feith beschwor die „gemeinsame Verantwortung für Solingen“. Hinweise, dass es auch Aufgabe der Medien sei, Schaden von der Öffentlichkeit abzuwenden, verhallten.

Das ST hatte bei Gerichten und der Creditreform recherchiert – und über Petermanns Vorleben erfahren. Lagen der Wirtschaftsförderung diese Informationen ebenfalls vor, stellt sich die Frage, warum sie diese den Gremien vorenthalten hat. Wurde Petermanns Bonität nicht geprüft und hat man sich möglicherweise auf Evertz verlassen, handelte die Wirtschaftsförderung zumindest fahrlässig.

IM WORTLAUT

WIRTSCHAFTSFÖRDERUNG Aus der Beschlussvorlage für den Verkauf: „Der Investor besitzt selbst mehr als 50 entsprechende Fahrzeuge und kennt persönlich allein über seine Netzwerke aus mehr als 20 Jahren beruflicher Erfahrungen im Automobilrennsport, von der Formel 1 bis zu Oldtimerrennen, viele Interessenten für sein Angebot.“

Wie es weitergeht? Das steht in den Sternen. Was schrieb ein Gutachter über das Omega-Areal: „. . . aufgrund der komplex schwierigen Situation für entsprechende Nutzungen (müsse) eventuell über eine öffentliche und anspruchsvoll gestaltete Grünfläche von Seiten der Stadt als Alternative nachgedacht werden“. Genügend Gras gedeiht dort ja schon.

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Schloss Grünewald: Familie übernimmt Weihnachtsmarkt
Schloss Grünewald: Familie übernimmt Weihnachtsmarkt
Schloss Grünewald: Familie übernimmt Weihnachtsmarkt
Planschbecken wegen Legionellen gesperrt
Planschbecken wegen Legionellen gesperrt
Planschbecken wegen Legionellen gesperrt
Dürpelfest: Stadt sieht zwei Alternativen
Dürpelfest: Stadt sieht zwei Alternativen
Dürpelfest: Stadt sieht zwei Alternativen
Busse fahren in Solingen auf Straßenbahnlinien
Busse fahren in Solingen auf Straßenbahnlinien
Busse fahren in Solingen auf Straßenbahnlinien

Kommentare