Serie: Das Solingen-Gesetz

Jagd auf Messerfälscher und Markenplagiate

2008 vernichtete eine tonnenschwere Straßenwalze Fälschungen eines Hubertus-Rettungsmessers. Foto: Uli Preuss
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2008 vernichtete eine tonnenschwere Straßenwalze Fälschungen eines Hubertus-Rettungsmessers.

Solingenverordnung und -gesetz schützen Hersteller von Schneidwaren im umkämpften Markt.

Von Uli Preuss

Original und Fälschung gehören zur langen Geschichte der Solinger Schneidwarenindustrie wie Schwarz zu Weiß.

Beispiel gefällig? Es ist kaum zehn Jahre her, da stand der Gräfrather Firmenchef Henning Ritter neben einer tonnenschweren Straßenwalze und sah zu, wie der Koloss über 600 gefälschte Rettungsmesser rollte. Die Originale, hochwertige Produkte seiner Traditionsmarke Hubertus, waren Monate vorher an die Luxemburger Feuerwehr ausgeliefert worden. Von dort kam der Hinweis, dass es dieses Messer billiger im Internet gäbe. „Statt mit 80 Euro wurden unsere Messer bei Ebay für 16 Euro angeboten“, erinnert er sich. Sein unfairer Konkurrent war ein Unternehmen aus Fernost, die Messer im Design identisch, die Qualität dagegen minderwertig. Der europäische Händler, der die Messer aus Asien bezogen hatte, gab bereitwillig die Plagiate heraus und zur Vernichtung frei.

Henning Ritter ärgert sich: „Jährlich haben wir es drei bis vier Mal mit Fälschern zu tun“, sagt er und erzählt vom jüngsten Fall. Da tauchte aus Fernost ein täuschend ähnliches Taschenmesser seiner Firma auf – als „Hubertus Colingen“.

Lesen Sie auch: Solingen ist geschützte Marke seit 1938

Susanne Abendroth von der IHK Remscheid-Solingen-Wuppertal weiß, was ihre Kammer dagegen tut. „Immerhin“, sagt sie, „ sind wir die einzige Handelskammer, die eine Stadt als Marke schützt.“ Und das mit mäßigem Erfolg, trotz großem Aufwand. Anwälte in der Türkei, China, Vietnam und anderen asiatischen Staaten arbeiten ebenso für die bergische IHK wie Kollegen in den USA, Europa und halb Südamerika. Wenn dort Markennamen angemeldet werden, die den Namen „Solingen“ tragen, werden sie tätig. Aber auch, um etwa den chinesischen Zoll zu schulen. So wird neuerdings bereits bei der Ausfuhr auffällige Ware zurückgehalten. Rutscht dennoch was durch, wird es vom Zoll in Europa erkannt. Bei China etwa sei das eigentlich ganz einfach, sagt Susanne Abendroth. Kämen von dort Klingen mit dem Aufdruck „Solingen“, könne man sofort einschreiten. Denn Solinger Produkte können nun mal nur aus Solingen kommen.

Fälschern sonst das Handwerk zu legen, ist schwer. Zu perfide die Tricks, zu kriminell die Vorgehensweisen.

Deshalb wird beschlagnahmte Ware zur Abschreckung oft medienwirksam vernichtet. „Das kann man dann nicht den Zoll bezahlen lassen“, sagt die IHK-Fachfrau. Bergische Firmen zahlen deshalb eigens in einen Fonds ein. Aus ihm werden Grenzbeschlagnahmungsverfahren finanziert. 2017 zahlten 37 hiesige Firmen 19 450 Euro ein.

Aus Fernost kommen die meisten Plagiate. Und die Fälscher lassen sich immer wieder etwas Neues einfallen. Das ging so weit, dass die IHK juristisch dagegen vorging, als 2011 eine chinesische Firma den Produktnamen „Suo Lin Gen“ in chinesischer Schreibweise anmelden wollte, was phonetisch wie „So-lin-gen“ klingt. Drei Jahre später wurden in China fast 100 000 Küchenmesser beschlagnahmt. Sie trugen den kuriosen Namen „Solingen Kwikki“.

Aber auch EU-Anrainer oder türkische Firmen sind aktiv. Dort wollte jemand die Namen Solingenstore und Solingen-Premium anmelden. Und 2017 wurden in Griechenland 1660 Besteckkoffer mit jeweils 100 Teilen beschlagnahmt.

Von „Made in Solingen“ profitiert ein ganzer Standort

80 Jahre nach Inkrafttreten des Solingen-Gesetzes ist klar: Gäbe es das Gesetz und später die Solingenverordnung nicht, sie müssten dringend erfunden werden. Denn der weltweite Markt ist bei Herstellern brutal umkämpft. Besonders in Asien und Südamerika schert man sich den feuchten Kehricht darum, wenn Solinger Produkte durch Norm, Tradition und Innovation zu hoher Qualität gereift sind, um ehrliches Geld damit zu verdienen.

MUSEUM PLAGIARIUS

MUSEUM Im Frühjahr 2007 eröffnete das Museum Plagiarius im Südpark. Aktuell sind etwa 350 Originale und Fälschungen aller Art zu sehen. Darunter klassische Fälschungen Solinger Schneidwaren.

MARKENFÄLSCHUNG Immer dabei Rescuetools, Taschenmesser und Küchenmesser, Kochtöpfe, aber auch Taschenlampen aus Solingen.

DER PREIS PLAGIARIUS Alljährlich wird der Negativpreis „Plagiarius“ für die dreisteste Fälschung verliehen. 2018 Jahr ging der Preis an ein Küchenschneidegerät aus Limburg.

Alles andere sind Fälschungen, die über jeden Verdacht erhaben zu sein scheinen und deren Hersteller nur durch anwaltliche Meisterleistung oder Materialstichproben zu überführen sind. Nicht zu verwechseln mit den schrulligen Fälschungen in orientalischen Basaren, wenn auf angeblich Solinger Klingen der Aufdruck „Mad in Sulinken“ oder „Handmade by Sollingen/Duisland“ steht.

Beide Seiten erlebt Jens-Heinrich Beckmann, Geschäftsführer des Industrieverbands Schneid- und Haushaltswaren (IVSH), immer wieder. Der 61-Jährige vertritt seit 1995 die 82 Mitgliedsfirmen seines Verbandes.

„Made in Solingen“, das sei eine Kollektivmarke, von der ein ganzer Standort profitiere, so Beckmann. Das Gesetz von 1938 und die ersetzende Verordnung von 1995 hätten zudem die Stadt weltweit bekannt gemacht. Sie würden vor allem den kleinen Firmen nutzen, die über keine Rechtsabteilungen verfügen. Beckmann weiß, dass der Name unermüdlich verteidigt werden muss. „Das ist wie gegen den Strom rudern, hörst du mit dem Paddeln auf, treibst du wieder zurück“, sagt er. Intensive Arbeit also, die da von Verband und IHK geleistet wird. Aber es gibt auch die andere Seite der Medaille, wenn wie im Falle Solingen ein Name allen gehört. „Dann“ so Beckmann, „tut man womöglich zu wenig und jeder verlässt sich auf den anderen.“ 

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