Montagsinterview

Hans-Werner Bertl: Hohe Mieten sorgen für Verdrängung

Hans-Werner Bertl setzt sich als Aufsichtsratsvorsitzender im Spar- und Bauverein Solingen für soziales und bezahlbares Wohnen ein. Foto: Christian Beier
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Hans-Werner Bertl setzt sich als Aufsichtsratsvorsitzender im Spar- und Bauverein Solingen für soziales und bezahlbares Wohnen ein.

Hans-Werner Bertl, Aufsichtsratsvorsitzender des Spar- und Bauvereins Solingen, zur Wohnungssituation

Von Simone Theyßen-Speich

Als Aufsichtsratsvorsitzender des Spar- und Bauvereins (SBV) Solingen haben Sie einen guten Überblick über die Wohnungssituation in Solingen. Wie viele Wohnungen hat der SBV?
Hans-Werner Bertl: Rund 6900 Wohnungen des Spar- und Bauvereins verteilen sich im Solinger Stadtgebiet, etwa im Weegerhof, am Wasserturm, am Weyersberg und in weiteren Siedlungen. Insgesamt leben in den Wohnungen unserer Genossenschaft etwa 16 000 Menschen. Das sind rund 10 Prozent der Solinger Bevölkerung. Die fünf Wohnungsbaugenossenschaften in der Stadt haben insgesamt über 9700 Wohnungen mit über 20 000 Mitgliedern, die im genossenschaftlichen Wohnen zu Hause sind.
Wie ist aus Ihrer Sicht die derzeitige Lage auf dem Wohnungsmarkt mit Blick auf Wohnraummangel?
Bertl: Die Lage ist angespannt, insbesondere im Bereich der öffentlich geförderten Wohnungen. Die 2018 gegründete „Allianz für Wohnen in Solingen“ kommt zu dem Ergebnis, dass es aktuell einen zusätzlichen dringenden Bedarf von 1300 bis 1500 öffentlich geförderten Wohnungen gibt. Es wird ja gebaut, aber es gibt eine stärkere Bautätigkeit im oberen Preissegment. Beim Verkauf sind wir mittlerweile bei bis zu 4000 Euro Kaufpreis pro Quadratmeter, für Mieten werden schon mehr als 12 bis 13 Euro pro Quadratmeter verlangt. Wer das nicht zahlen kann, der hat ein Problem. Und Verdrängung der Menschen aus Wohnquartieren ist häufig die Folge.+
Wie liegen die Mieten beim Spar- und Bauverein?
Bertl: Wir haben einen großen Bestand an Wohnungen, die eine Durchschnittsmiete von 5,86 Euro haben, damit liegen wir sogar unter den Mieten, die im sozialen Wohnungsbau möglich sind. Wenn wir frei finanziert neu bauen, kommen wir allerdings auch auf Mieten von 8 bis 10 Euro pro Quadratmeter. In Solingen spiegelt sich die Situation wider, die in ganz Deutschland feststellbar ist. Deutschlandweit fehlen 6,3 bis 6,5 Millionen öffentlich gefördert Wohnungen. Deshalb baut der Spar- und Bauverein Solingen ein Drittel bis 50 Prozent öffentlich geförderte Wohnungen für Menschen mit Wohnberechtigungsschein. Da liegt die Miete derzeit bei 6,30 bis 6,50 Euro pro Quadratmeter.
Welche Auswirkungen haben die teuren Mieten auf die Stadt?
Bertl: Man darf sich nicht nur Bautätigkeit anschauen, sondern muss hier auch Stadtentwicklung betrachten. Wenn wir im Innenstadtbereich Wohnungen bauen, die 13 bis 15 Euro Miete pro Quadratmeter kosten, dann gibt es häufig eine Verdrängung von Menschen, die sich das nicht leisten können. Solingen hat einen Ratsbeschluss, dass ein Drittel der zu bauenden Wohnungen öffentlich gefördert sein müssen. Das ist gut. Eine Stadt muss sich aber auch fragen, wie sie ihre Zentren entwickeln will, welche Menschen wie dort leben wollen und können, welche Freiräume und welche ökologischen und sozialen Konzepte für eine zukünftige Stadtentwicklung nötig sind.
Sind eher größere oder kleinere Wohnungen gefragt?
Bertl: Es werden derzeit überwiegend kleine Wohnungen nachgefragt, etwa 50 Prozent suchen eine Wohnung für eine oder zwei Personen. Das liegt daran, dass wir sehr viele Singlehaushalte haben. Auf der anderen Seite ist das auch eine Frage der Mietpreise. Wenn die Wohnung acht oder neun Euro pro Quadratmeter kostet, dann nehmen viele Menschen eine kleinere Wohnung, damit sie mit der Miete besser wegkommen. Auf der anderen Seite fehlen aber auch Wohnungen für größere Familien.
Welche Aufgabe hat die Stadt beim Thema Wohnungsmarkt?
Bertl: Die „Allianz für Wohnen“, die in Solingen gegründet wurde, muss sich fragen, wie die Stadt entwickelt werden soll. Auf der einen Seite explodieren die Baupreise derzeit. Aber auch die hohen Grundstückspreise sind ein wichtiger Faktor. Da sind die Kommunen gefragt, um zu klären, wie die Stadt gestaltet werden soll und wo Menschen wohnen sollen. Ich verstehe, dass Grundstücke im städtischen Besitz auch Geld bringen müssen. Aber all diese Faktoren erhöhen die Preise, ebenso wie die Grundsteuer und die Grunderwerbssteuer.
Wo investiert der Spar- und Bauverein derzeit?
Bertl: Wir haben in Bereich unserer Siedlungen noch Grundstücksreserven, wo wir bauen können. Aber die Baupreisentwicklung treibt uns im Moment natürlich auch um. Bei frei finanzierten Neubauten kommen wir auf 8 bis 10 Euro Miete. Im letzten Jahr flossen fast 21 Millionen Euro in den Bestand für Neubau, Modernisierung und Gebäude- und Wohnungsmodernisierung. Nächstes Jahr wird der SBV 125 Jahre alt, seit dieser Zeit bauen wir Wohnungen. Bestand erhalten und immer wieder den neuen Anforderungen zu entsprechen, ist dabei unser Ziel.
Wo wird gerade neu gebaut?
Bertl: Das Neubaugebiet am Wasserturm ist ja fertiggestellt. Derzeit bauen wir am Böckerhof, dort entstehen auch ein Drittel öffentlich finanzierte Wohnungen sowie eine Kita. Dort am Argonnerweg und an der Wittekindstraße investieren wir im ersten Bauabschnitt 5,9 Millionen Euro, im nächsten 2,5 Millionen und im dritten 6,7 Millionen Euro.
Worauf achtet der Spar- und Bauverein bei seinem Wohnungskonzept?
Bertl: Wir möchten die unterschiedlichen Lebensbedürfnisse von Menschen im Laufe ihres Lebens abdecken. Das Generationenwohnen etwa ist eine spannende Geschichte, damit Menschen in ihren Wohnungen bleiben können, wenn sie älter werden. Wir modernisieren den Bestand nicht nur einfach durch, sondern schauen nach wohnbegleitenden Maßnahmen. Die Genossenschaft ist schließlich ihren Mitgliedern verpflichtet. Am Weegerhof gibt es 79 behindertengerechte Seniorenwohnungen und 28 Appartements mit betreuten Angeboten. Auch am Böckerhof entsteht Generationenwohnen mit 33 Wohnungen, davon neun öffentlich gefördert, inklusive Räumen, die gemeinschaftlich genutzt werden können. Barrierefreie Wohnungen sind für den Rollator genauso wichtig wie für den Kinderwagen.
Worin sehen Sie die größte Herausforderung beim Wohnungsbau?
Bertl: Wir müssen aufpassen, dass wir keine Gentrifizierung bekommen, dass in den Stadtteilen nicht durch Sanierung und Umbau ansässige Bevölkerung mit weniger Einkommen verdrängt wird. Das ist in Solingen noch überschaubar, aber auch hier sind die meisten Wohnungen, die entstehen, im hochpreisigen Bereich. Deshalb erwartet die Stadt von jedem Investor, dass er mindestens ein Drittel öffentlich geförderten Wohnraum baut. Sonst erlebt man eine verheerende Situation mit sozialen Umwälzungen in den Stadtvierteln.
Zur Miete kommen auch die Nebenkosten hinzu – mit derzeit steigenden Energiekosten.
Bertl: Das Thema Energie wird für Wohnungen, Gebäude und mit Blick auf die künftige Energieerzeugung immer wichtiger. Die Energiekosten steigen, dabei sind auch die CO2-Bepreisung und das Erreichen der Klimaziele große Herausforderungen. Wir müssen jetzt schnell und konsequent veränderte Energiekonzepte entwickeln und hoffen, im besten Fall die Ziele für den Klimawandel noch zu erreichen – und dass die Kosten für Energie noch in bezahlbaren Dimensionen bleiben.
Kann das gesetzlich verankerte Recht auf Wohnen noch erfüllt werden?
Bertl: Das ist ein Menschenrecht, das nach dem Beschluss der Vereinten Nationen 1966 von mittlerweile über 170 Staaten unterzeichnet wurde. Der Staat ist verpflichtet, dieses anerkannte Menschenrecht auf Wohnen für seine Bürger auch umzusetzen. Das geschieht durch öffentlich geförderte Angebote wie den Wohnberechtigungsschein oder Mietunterstützung. Aber noch immer werden zu wenig öffentlich geförderte Wohnungen gebaut, dadurch ist Wohnungsnot entstanden. Ein anderes Problem ist, wenn zu viel Geld vom Einkommen für die Miete bezahlt werden muss, dann ist gesellschaftliche Teilhabe den Betroffenen oft auch nicht mehr möglich.

Zur Person

Persönlich: Hans-Werner Bertl ist 77 Jahre alt und verheiratet.

Beruflich: Bertl war drei Legislaturperioden von 1994 bis 2005 mit einem Direktmandat Mitglied des Bundestages für die SPD. Seit 2006 ist er im Aufsichtsrat des Spar- und Bauvereins Solingen eG, seit Juni 2009 ist er dessen Vorsitzender.

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