Interview: Einzelhandel rettet die City nicht

Der Abfluss der Kaufkraft aus Solingen ist noch nicht umgekehrt. Die Stadt will den äußeren Rahmen setzen, damit Kunden zurückkommen. Foto: Bodo Marks/dpa

STADTENTWICKLUNG Planungsdezernent Hartmut Hoferichter sieht die Grenzen für Läden erreicht. Geschäfte werden zu Wohnungen.

Das Gespräch führte Jörn Tüffers

Die zurückliegenden zwölf Monate waren kein gutes Jahr für die Stadtplanung: Die Politik hat den geplanten Abbau der Treppe vor P&C gestoppt, die Theatertreppe wurde verhindert, und zuletzt äußern Bürger immer offener Kritik an der Entwicklung der Einzelhandelsflächen und der daraus resultierenden Leerstände. Sind Sie davon unbeeindruckt?

Hartmut Hoferichter: Man muss eine mehrjährige Entwicklung betrachten. Ein Jahr ist sehr kurz, und die wichtigen Themen der Stadtentwicklung entwickeln sich meistens über viele Jahre. Das lässt sich am Hofgarten festmachen, der jetzt von vielen als Auslöser für die Aufgabe oder Verlagerung etlicher Geschäfte betrachtet wird, Das stimmt aber so nicht.

Bitte erläutern Sie das!

Hoferichter: 2009 waren sich alle Beteiligten, dazu zähle ich Verwaltung, Politik und Handel – weitgehend einig darin, dass am früheren Karstadt-Standort wieder Einzelhandel angeboten werden sollte. Der sollte in der Summe möglicherweise etwas größer ausfallen. Dabei sollte selbstverständlich die Chance genutzt werden, Angebote und Segmente nach Solingen zu holen, die es bisher nicht gab. Alle waren sich auch bewusst, dass eine Karstadt Ruine am Neumarkt schädlich für das geschäftliche Umfeld sein würde und für den Standort ein Investor gefunden werden sollte.

Ist die Rechnung aufgegangen?

Hoferichter: Ja, aber wir hatten mehr erhofft. Es war auch den meisten klar, dass sich durch die Ansiedlung eines neuen Einkaufszentrums die Gewichte zwischen Clemens-Galerien, Neumarkt und Entenpfuhl verschieben würden. Außerdem zeichnete es sich -- ab, dass Geschäfte verlagern würden. Beispielsweise konnte Saturn seine Verkaufsfläche im Kaufhof wegen baulicher Grenzen nicht erweitern, benötigte aber mehr Fläche.

Mittlerweile sind es sechs Filialisten, die ihren ursprünglich ersten Standort aufgeben, weil sie in den Hofgarten gezogen sind. War auch das abzusehen?

Hoferichter: In dem Maße war das nicht zu erwarten. Aber man muss auch deutlich machen: die Stadt ist weder Investor noch Eigentümer von Flächen. Wir als Stadt können auch keine Einzelhandelsflächen vermieten. Wir können die Rahmenbedingungen für privatwirtschaftliches Handeln schaffen. Wir haben da unsere Hausaufgaben z.B. mit dem Konzept City 2013 gemacht, um den öffentlichen Raum in der Innenstadt zu attraktivieren: Ich denke an den Umbau des Alten Markts, der Kölner Straße und der unteren Hauptstraße.

Wirken diese Maßnahmen?

Hoferichter: Sie erzielen noch nicht die Wirkung, die wir uns davon versprochen haben. Das können sie auch zum Teil noch nicht. Auch von der Eröffnung des Hofgartens profitiert der Handel als Ganzes noch nicht, aber im engeren Umfeld wirkt sich das schon positiv aus. Ich höre beispielsweise von Geschäftsleuten am Alten Markt, dass sich die Passanten-Frequenz erhöht hat. In anderen Bereichen ist das nicht so, oder noch nicht so. Erkenntnisse erhoffen wir uns von einer Passantenzählung im Herbst.

Das bedeutet aber für viele Geschäftsleute, dass sie einen langen Atem haben müssen. Besteht nicht die Gefahr, dass der Leerstand eher größer als kleiner wird?

Hoferichter: Nun muss man berücksichtigen, dass von der Planung am Neumarkt bis zur Eröffnung des Hofgartens vier Jahre vergangen sind. In dieser Zeit ist die Entwicklung im Einzelhandel gewiss keine einfache gewesen, ich nenne da nur den steigenden Online-Handel. Das ist aber kein Phänomen, das Solingen allein betrifft. Die Veränderungen sind in vielen vergleichbaren Großstädten zu beobachten und zeigen sich im schlechtesten Fall durch leerstehende Ladenlokale. Positive Veränderungen brauchen ihre Zeit – das kann durchaus zwei oder drei Jahre dauern.

Sind Sie sicher, dass die Solinger wirklich wieder in ihrer Stadt einkaufen werden, nachdem sie sich nach Hilden, Wuppertal oder Düsseldorf verabschiedet haben?

PERSÖNLICHGEBOREN 31. Juli 1954 in Hamm FAMILIE Verheiratet WOHNHAFT in Ohligs PARTEI Parteilos IN SOLINGEN Seit 2001 Planungsdezernent in Solingen, als Erster Beigeordneter auch Stellvertreter des Oberbürgermeisters; außerdem verantwortet er das Schulressort.Hoferichter: Ja, das erwarte ich. Wir haben gerade beim Hofgarten darauf gesetzt, dass das Angebot im Bereich Textilien und Sportartikel größer wird. Denn da ist in der Vergangenheit viel Kaufkraft abgeflossen. In diesen Segmenten des Handels ist schon einiges hinzugekommen, aber das reicht noch nicht. Bei allen Überlegungen zur Schaffung von Einzelhandelsflächen in den vergangenen Jahren hat natürlich die Überlegung eine Rolle gespielt, dass das zur Verfügung stehende Einkommen der Bevölkerung eher weniger als mehr werden wird – allein schon, weil Solingen weniger Einwohner haben wird als jetzt. Damit will ich sagen: Dass das Volumen insgesamt nicht wächst, war klar, aber Ziel war und ist es, einen Teil des Geldes durch interessante Angebote in der Stadt zu binden.

Gibt es dennoch nicht zu viele Verkaufsflächen? Kritiker bezweifeln, dass die Leerstände, beispielsweise an der Hauptstraße, wieder durch Einzelhandelsgeschäfte belegt werden.

Hoferichter: Es reicht auch nicht mehr zu glauben, dass man diese Lücken mit Einzelhandel füllt, und schon sind alle Probleme behoben.

Was ist die Alternative? Dienstleister oder Gastronomie heißt oft die Zauberformel. Die Nachfrage danach ist aber auch überschaubar.

Hoferichter: Es gibt ab und an Nachfrage nach Büros, aber das alleine ist nicht die Lösung. Was zunehmend eine Rolle spielt, ist die Umwandlung von Geschäftshäusern in Wohnhäuser – jedenfalls in den Obergeschossen. Das liegt auch daran, dass das Wohnen in der Stadt zunehmend nachgefragt wird. Es muss ein Zusammenwirken der Bereiche Einzelhandel, Gastronomie, Dienstleister und Wohnraum sein, das z.B. mit dem Innenstadtbüro schon sehr intensiv ist.

Das setzt Hauseigentümer voraus, die bereit sind, auf höhere Mieteinnahmen zu verzichten.

Hoferichter: Das geschieht nicht von heute auf morgen. Aber die Bereitschaft dazu wächst. Denn, was ist die Alternative: ein dauerhafter Leerstand. Das zeigt sich ja auch in dem Existenzgründer-Wettbewerb, zu dem wir als Stadt mit anderen Partnern aufgerufen haben: Immobilieneigentümer stellen Ladenlokale zur Verfügung und verzichten für mindestens ein Jahr auf Miete.

Dass sich nur zwölf Existenzgründer daran beteiligt haben, ist enttäuschend.

Hoferichter: 20 wären noch schöner gewesen, das stimmt. Aber wenn ich sehe, wie reserviert die Situation im Einzelhandel ist, muss man damit zufrieden sein. Es muss sich vor allem auswärts erst einmal herumsprechen, dass sich in Solingen wieder viel Positives entwickelt.

Wenden wir den Blick nach Westen: Hat die Stadt beim O-Quartier noch die Fäden in der Hand oder ist sie nicht schon längst eine Getriebene?

Hoferichter: Ich fühle mich nicht als Getriebener: Wir haben verbindliches Baurecht. Ich sehe da keinen Anlass, daran etwas zu verändern. Die Flächen, die wir fürs O-Quartier zugrunde gelegt haben, hatten ja ihren Sinn. Der Wohnungsbau geht in Kürze los, ich rechne damit, dass Olbo im September abgerissen wird. Natürlich ist das O-Quartier längst überfällig, da gibt es keine zwei Meinungen. Der Eigentümer hat für den Einzelhandel schon etliche Chancen verpasst.

Die Investorin Dr. Jeannine Gräfin von Thun und Hohenstein Veit hat im Gespräch mit dem ST gesagt, sie werde nur bauen, wenn die Stadt von der zweigeschossigen Bauweise abrücke. Für die im Obergeschoss geplanten Räume für Dienstleister gebe es keine Nachfrage. Das könnte zur Konsequenz haben, dass gar nichts gebaut wird.

Hoferichter: Diese Äußerungen waren für die Gesamtprojektentwicklung nicht hilfreich. Aber unter Druck hat uns das nicht gesetzt. Ich kann mir vorstellen, dass der Teilabriss für den Wohnungsbau durch plan 8 bei ihr dazu führt, dass sie den Rest auch anpackt. Ich kann mir gleichwohl vorstellen, dass der Bereich des Wohnungsbaus etwas größer werden kann und wir Abstriche bei den Verkaufsflächen machen. Aber ein solcher Plan ist uns noch nicht vorgelegt worden. Fest steht: Wir müssen uns mit der Eigentümerin und der Politik alsbald wieder an einen Tisch setzen.

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