Vor Ort nachgefragt

So ist aktuell die Lage auf den Intensivstationen in Solingen

Eine Patientin auf der Operativen Intensivstation des Städtischen Klinikums Solingen (SKS). „Wir schaffen es noch, jeden Patienten zu versorgen“, betont Prof. Thomas Standl, Medizinischer Geschäftsführer und Ärztlicher Direktor des SKS. Foto: Tim Oelbermann
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Eine Patientin auf der Operativen Intensivstation des Städtischen Klinikums Solingen (SKS). „Wir schaffen es noch, jeden Patienten zu versorgen“, betont Prof. Thomas Standl, Medizinischer Geschäftsführer und Ärztlicher Direktor des SKS.

In den Kliniken führt Corona wieder zu einer angespannten Lage. Solingen nimmt Patienten aus Bayern auf.

Von Philipp Müller und Björn Boch

Solingen. Trotz einer steigenden Zahl an Corona-Fällen gibt es aktuell noch keine Überlastung der drei Solinger Intensivstationen. Prof. Thomas Standl, Medizinischer Geschäftsführer des Städtischen Klinikums, betont deshalb: „Wir schaffen es noch, jeden Patienten zu versorgen.“

Und er appelliert an jeden, der eine Behandlung im Krankenhaus benötigt, dieses auch aufzusuchen. Zu schlimm waren die Spätfolgen verschleppter Krankheiten, die in den vorherigen Corona-Wellen zu beobachten waren.

Standl geht allerdings davon aus, dass sogenannte elektive Eingriffe – also planbare Operationen – bald wieder in größerem Umfang verschoben werden müssen, um Ressourcen zu haben für die Betreuung von Covid-Patienten auf der Normal- und der Intensivstation. Und betont: „Wir werden keinen Ungeimpften abweisen, der als Notfall ins Klinikum angeliefert wird.“

Das gelte auch für Bethanien, sagt Prof. Winfried Randerath, Chefarzt der Lungenfachklinik. Bethanien ist zugleich die Anlaufstelle, wenn Covid-19-Patienten infolge einer Virus-Infektion beatmet werden müssen. Für akute Notfälle ist in Aufderhöhe sogar noch Platz: Zwei Patienten aus Bayern wurden jetzt aufgenommen. „Wir sind noch nicht in der Überlastung, die Intensivmedizin ist aber sehr stark gefragt. Wir haben geplante Aufnahmen für die Entwöhnung von Langzeitbeatmeten ausgesetzt, damit wir Kapazitäten für Corona-Patienten haben“, so Randerath.

Wie schnell eine Intensivstation bei einer steigenden Zahl an Covid-19-Patienten überlaufen kann, zeigt das Beispiel der St. Lukas Klinik in Ohligs. Die Klinik gehört zur Kplus Gruppe, und deren Sprecherin Cerstin Tschirner berichtet, dass am vergangenen Freitag neun von zehn Intensivplätzen mit „normalen“ Patienten belegt waren. Vier Covid-19-Fälle wurden auf der Infektionsstation behandelt. Das Problem des Überlaufens erklärt Tschirner so: Müsse ein Covid-19-Patient beatmet werden, bleibe er bis zu drei Wochen auf der Intensivstation, andere Akutfälle dagegen manchmal nur 24 Stunden.

„Niemand wird in der Priorität der Behandlung heruntergestuft.“

Prof. Thomas Standl, Klinikum

Das spielt sich in einer Situation ab, in der die Inzidenz – vor allem bei den Ungeimpften im Vergleich zu den Geimpften – deutlich ansteigt. Das ST hatte am Samstag berichtet, dass sich Mitte November ein Drittel weniger Geimpfte ansteckten als Ungeimpfte – und das, obwohl es deutlich mehr Geimpfte als Ungeimpfte gibt. Außerdem steigen die Infektionsfälle bei den Ungeimpften exponentiell an.

Das Klinikum sieht sich trotzdem gerüstet. Auch wenn Prof. Standl berichtet, dass die Lage seit Ende August dieses Jahres wieder angespannter sei. „Wie seit Jahren verzeichnen wir auch in diesem Herbst eine deutliche Zunahme von Akuterkrankungen, die intensivmedizinisch behandelt werden müssen.“ Er nennt Herzinfarkte, Schlaganfälle oder innere Blutungen und Fälle, „die vermehrt in der dunklen Jahreszeit auftreten“.

Im Städtischen Klinikum gibt es auf der Operativen Intensivstation 16 Betten, zwei davon waren vorige Woche mit Corona-Fällen belegt. Jedoch können nicht alle der 16 Betten betrieben werden, erfuhr das Tageblatt bei einem Besuch auf der Station. Dort gebe es zwischen 35 und 40 Pflegende, 10 davon seien ausgebildete Intensivkräfte – mindestens eine braucht es pro Schicht. „Dreimal so viele“, antwortete Pfleger Pascal Marseille auf die Frage, wie viele Kollegen er sich wünscht, um seinen Job gut machen zu können.
Hier geht es zur Reportage Corona: So erleben Pflegende in Solingen die vierte Welle

 „Der limitierende Faktor liegt nicht in Betten oder Beatmungsgeräten, sondern in der Anzahl an zur Verfügung stehenden qualifizierten Pflegekräften.“

Karin Morawietz

Karin Morawietz, Sprecherin des Klinikums, berichtet: „Der limitierende Faktor liegt nicht in Betten oder Beatmungsgeräten, sondern in der Anzahl an zur Verfügung stehenden qualifizierten Pflegekräften.“ Notfalls könne geschultes Personal aus anderen Klinikbereichen hinzugezogen werden, die dann dort aber fehlen würden. „Um die hohen Anforderungen und Kapazitäten in der Intensivmedizin im Klinikum betreiben zu können, werden Freelancer beschäftigt.“

Thomas Standl sagt, deshalb werde auch niemand in der Priorität der notwendigen Behandlung gegenüber Covid-19-Patienten heruntergestuft.

In Bethanien gibt es gleich 22 moderne Beatmungsplätze, um die Atemnot der Covid-19-Patienten auszugleichen. Carla Miltz, Referentin von Prof. Randerath in Bethanien, berichtet, auch in Aufderhöhe werde niemand abgewiesen. Bethanien setzt ebenfalls Freelancer ein – freiberufliches Fachpersonal.

Die Aufnahme der beiden Patienten aus Bayern habe ihren Grund in einer bundesweiten Vereinbarung, Fälle aus Kliniken zu übernehmen, deren Intensivstationen bereits über der Kapazitätsgrenze liegen. Alle, mit denen das Tageblatt sprach, berichten, dass einiges bereits am Anschlag läuft, von einer Überlastung aber noch keine Rede sei. „Das liegt sicher auch daran, dass Solingen durch Bethanien eine sehr hohe Zahl an Beatmungsplätzen auf Intensivstationen hat. Das ist im Vergleich mit anderen Städten fast einmalig in Deutschland“, erklärt die Sprecherin der St. Lukas Klinik, Cerstin Tschirner.

Personal-Engpass

In allen drei Solinger Kliniken hat nach deren Angaben niemand aus dem medizinischen oder pflegerischen Bereich pandemiebedingt gekündigt. Aktuell gelinge es – durch Umschichtung mit anderen Abteilungen und den Einsatz freiberuflicher Kräfte (Freelancer) – den Arbeitsanfall abzufedern.

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