Hilfe in Not- und Krisensituationen

Telefonseelsorge: Einsamkeit ist das große Thema

Vier Stunden lang war Dr. Rudolf Christ am ersten Weihnachtsfeiertag für die Telefonseelsorge am Hörer. Seit zehn Jahren geht der Mediziner im Ruhestand diesem Ehrenamt nach. Archivfoto: Anja Kriskofski
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Vier Stunden lang war Dr. Rudolf Christ am ersten Weihnachtsfeiertag für die Telefonseelsorge am Hörer. Seit zehn Jahren geht der Mediziner im Ruhestand diesem Ehrenamt nach.

Auch an den Feiertagen stehen Ehrenamtler Menschen in Not- und Krisensituationen rund um die Uhr zur Seite.

Von Manuel Böhnke

Solingen. Eine Zeit lang konnte sie der Versuchung widerstehen. Doch als sie die Flasche Sekt, ein Geschenk der Nachbarin, entsorgen wollte, wurde die trockene Alkoholikerin rückfällig. Hörbar angetrunken wählte sie die Nummer der Telefonseelsorge. Dort landete sie bei Dr. Rudolf Christ. „Ich habe sie ermutigt, einen Bekannten anzurufen und Kontakt zu den Anonymen Alkoholikern aufzunehmen“, berichtet er. Doch dann geschah, was der Mediziner im Ruhestand den „schlimmstmöglichen Fall“ nennt: Die Verbindung brach ab. Wie es der Frau seit dem Telefonat ergangen ist, weiß er nicht. Und wird es wohl niemals erfahren.

Bei dem geschilderten Fall handelt es sich um eines der Telefonate, die Christ am ersten Weihnachtsfeiertag führte. Vier Stunden lang saß er in der Dienstwohnung der Telefonseelsorge am Hörer. Einmal wöchentlich versucht der 78-Jährige ehrenamtlich, Menschen in emotionalen Notlagen zu unterstützen.

„Es wäre nicht gut, sich nur noch um sich selbst zu kümmern.“
Dr. Rudolf Christ, Ehrenamtler der Telefonseelsorge Solingen

Das große Thema dabei war schon vor Beginn der Corona-Krise die Einsamkeit. Die Pandemie hat das Problem noch verstärkt. „Ältere und Alleinstehende haben ohnehin nicht viele Kontakte. Die wenigen müssen sie momentan noch einschränken“, erklärt Christ. Das machte sich insbesondere an Weihnachten bemerkbar: „Normalerweise sucht man an diesen Tagen ganz besonders die Nähe seiner Liebsten.“

Eine Stunde lang hat Dr. Rudolf Christ am ersten Weihnachtsfeiertag mit einer alleinstehenden Frau telefoniert, die seit 40 Jahren an Depressionen leidet. Heiligabend war sie bei einer Bekannten eingeladen. Dort traf sie unerwartet auf ein gutes Dutzend weiterer Gäste. Sie machte wegen der Corona-Lage kehrt und verbrachte den Heiligabend doch alleine.

In solchen Fällen ist es vor allem an Christ und seinen Mitstreitern, zuzuhören und Trost zu spenden. Durchaus beziehen sie aber auch Stellung zu den Problemen der Anrufer, versuchen weiterzuhelfen. Wie dem jungen Mann, der sich nicht traut, seine Homosexualität zu offenbaren. „Auch wenn er Freunde und Familie hat, ist er in dieser Lage sehr einsam“, sagt der 78-Jährige.

Immer wieder kommt es vor, dass Christ und seine Kollegen nach einschneidenden Telefonaten selbst Redebedarf haben. „Ich war als Arzt 30 Jahre lang mit dem Schicksal meiner Patienten konfrontiert“, sagt der Mediziner, dessen Praxis am Grünewald war. Deshalb falle es ihm leichter, auch nach schwierigeren Gesprächen abzuschalten. Doch das gelingt nicht immer: „Wenn jemand anruft, der einen Suizid plant, ist das sehr belastend.“ Einmal monatlich tauschen sich die Telefonseelsorger in einer Supervision mit Experten aus.

Im Normalfall sind die Ehrenamtler acht Stunden pro Monat im Einsatz. Hinzu kommen Fortbildungen. 30 Mitglieder zählt das Team momentan, berichtet Vorsitzender Hans Frantzen. Im März erwartet er zehn neue Mitstreiter – sie schließen im Frühjahr ihre rund einjährige Ausbildung ab. „Neue Leute können wir immer gebrauchen.“ Im Sommer 2021 soll der nächste Lehrgang beginnen.

Die Pandemie spiele zwar in vielen Telefonaten eine Rolle – die Anruferzahlen sind allerdings nicht erheblich angestiegen. Denn hoch sind sie immer. Bereits vor Corona berichteten immer wieder Menschen, erst nach mehreren Versuchen durchgekommen zu sein. Und das, obwohl die hiesige Telefonseelsorge, die unter anderem auch für Burscheid, Leichlingen, Wermelskirchen, Haan, Langenfeld und Remscheid zuständig ist, einem Verbund angehört. Ist die Leitung in Solingen besetzt, klingelt das Telefon in Wuppertal, Neuss oder Düsseldorf – und umgekehrt.

Dr. Rudolf Christ ist im Team der Telefonseelsorge Solingen beinahe ein Exot – zum Großteil sitzen Frauen am Hörer. Der 78-Jährige ist froh, sich vor zehn Jahren für dieses Ehrenamt entschieden zu haben: „Es wäre nicht gut, sich nur noch um sich selbst zu kümmern.“

Kontakt

Die Telefonseelsorge Solingen ist rund um die Uhr kostenfrei unter Tel. 0 80 01 11 01 11 oder Tel. 0 80 01 11 02 22 erreichbar.

www.telefonseelsorge-solingen.de

Ein wichtiges Mittel gegen die Ausbreitung des Coronavirus ist Abstand halten. Es hat aber erhebliche Nebenwirkungen, vor allem für ältere Menschen. Der Hamburger Zukunftsforscher Horst Opaschowski warnt vor einer "Epidemie der Einsamkeit".

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