Erinnerung

Der Opfer des Grauens wird heute still gedacht

Rund 3000 Ohligser Bürger wohnten auf Anweisung der US-Truppen der Beisetzung der Wenzelnberg-Opfer am 1. Mai 1945 vor dem Ohligser Rathaus bei. Foto: Stadtarchiv Solingen
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Rund 3000 Ohligser Bürger wohnten auf Anweisung der US-Truppen der Beisetzung der Wenzelnberg-Opfer am 1. Mai 1945 vor dem Ohligser Rathaus bei.

13. April 1945: Gestapo richtete 71 Häftlinge am Wenzelnberg hin. Heute werden Kränze niedergelegt.

Von Philipp Müller

Solingen. Heute legen Vertreter der Städte Langenfeld, Leverkusen, Remscheid, Solingen und Wuppertal an der Gedenkstätte Wenzelnberg Kränze nieder. Sie erinnern an ein grausames Gestapo-Massaker am 13. April 1945. 71 zumeist politische Häftlinge wurden getötet und verscharrt. Die seit 1965 übliche große Gedenkfeier entfällt wegen der Kontaktbeschränkungen durch die Corona-Pandemie. Der 75. Jahrestag an die grausame Tat der Gestapo findet somit besonders still statt.

„Wir haben Schüsse gehört und Schreie.“ Daran erinnerte sich eine im Jahr 1945 19-jährige Walderin 2014. Ihr Mann, er war als verwundeter Fallschirmjäger bei einer Familie in Rupelrath untergebracht, habe die Leichen am nächsten Tag in der Schlucht am Wenzelnberg gesehen. Sie waren nicht die einzigen Zeugen des Massakers. Der frühere Solinger Oberbürgermeister Gerd Kaimer schrieb in seinen Erinnerungen, dass er als Soldat ins Oberbergische abkommandiert wurde und auf dem Weg in Landwehr Ohrenzeuge von Schreien und Schüssen wurde. Er hielt es damals für eine Übung der Hitlerjungend. Später erfuhr er, was er genau gehört hatte.

In den letzten Wochen des Dritten Reichs gab es den Führerbefehl, vor allem politische Gefangene zu töten. Sie sollten keinesfalls an einem Wiederaufbau eines besiegten Deutschlands teilnehmen dürfen. Im April wurde das auch im Bergischen umgesetzt. Es ist unklar, warum die Gefangenen aus Remscheid und Wuppertal ausgerechnet nach Langenfeld gebracht wurden. Das mag mit der gesamten Situation in den Apriltagen 1945 zusammenhängen. Solingen gehörte zum Ruhrkessel, der von US-Truppen umschlossen war und der immer enger wurde. Befehlshaber war Generalfeldmarschall Walter Model. Er hatte seine Kommandantur, so berichten es Quellen, im Schloss Hackhausen und in Wiescheid. Model war die oberste Instanz, ihm war alles untergeordnet. Am 7. April begann er damit, Gefangene einer „sicherheitspolizeilichen Überprüfung“ zuzuführen.

Die Zeit drängte, die US-Truppen standen bereits kurz vor Remscheid und Solingen. So ist wahrscheinlich die räumliche Nähe zum Hauptquartier Models für das Geschehen erklärbar. Zwangsarbeiter hatten für die Erschießung bereits am 10. April einen Graben auszuheben.

Vor diesem als Panzergraben getarnten Loch wurden am 13. April in aller Frühe die 71 Häftlinge (" Kasten), die per Lkw angekarrt worden waren, paarweise zusammengebunden und mit einem Genickschuss hingerichtet. Anschließend wurden sie verscharrt.

US-Army lässt die Leichen vor dem Rathaus Ohligs begraben

Nur drei Tage später befreite die US-Army Solingen. Model zog sich nach Ratingen zurück, wo er sich am 21. April in einem Waldstück das Leben nahm. Schon am 27. April nahmen die US-Soldaten mit Hilfe von Solinger Widerstandskämpfern die Aufarbeitung der Tat auf. 40 NSDAP-Mitglieder mussten die Leichen dann am 30. April 1945 ausgraben.

Nur einen Tag später wurden sie auf Veranlassung der US-Truppen vor dem Ohligser Rathaus beerdigt. Als Strafmaßnahme haben die Ohligser auf Anweisung der Besatzungsbehörde daran teilnehmen müssen, erinnerte sich 2016 der Solinger Hans Werner Scherf. „Etwa 3000 Männer, Frauen und Kinder folgten am 1. Mai 1945 dem Aufruf. Ich begleitete als Neunjähriger meine Mutter.“ Das beobachtete auch Günter Hindrichs aus dem Dachfenster des Rathauses. Er hatte dort als 14-Jähriger eine Verwaltungslehre begonnen. Als Mitglied des Betriebsluftschutzes musste er dort Nachtwache schieben. Dazu hatte er ein Feldbett im Raum unter der Rathausuhr.

„Ich wurde von meinem Amtszimmer aus Augenzeuge der Bestattung der NS-Opfer – ein Anblick, den man nicht vergisst. NS-Parteifunktionäre mussten die Gruben ausheben und die ermordeten Häftlinge beisetzen.“

Dort blieben die 71 Opfer bis 1965 begraben. Am 19. Januar 1965 wurden sie exhumiert und am 23. Januar 1965 in zwölf Särgen an der heutigen Gedenkstätte zur letzten Ruhe gebettet. Einige der Täter, darunter Gestapo- und Kripobeamte, waren früh namentlich bekannt. Verurteilt wurden sie nach dem Krieg nie.

CHRONOLOGIE

7. April 1945 Generalfeldmarschall Walter Model erlässt den Befehl, politische Gefangene und solche, dennen die Todesstrafe droht, der Sicherheitspolizei zu übergeben.

12. April 1945 Mit zwei Lkw werden 55 Häftlinge aus dem Zuchthaus Remscheid-Lüttringhausen abtransportiert.

13. April 1945 In der Frühe wurden die Gefangenen zum Wenzelberg gekarrt. 16 weitere aus Wuppertal. Alle werden mit Genickschuss getötet.

16. Apil 1945 US-Army befreit Solingen. Die Toten werden am 1. Mai in Ohligs begraben.

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