Digitale Zeitreise

Historischer Ticker: Heute vor 82 Jahren brannte die Synagoge

Seit einigen Jahren stellen die Solinger am 9. November Kerzen an den rund 100 Stolpersteinen in Solingen auf. damit Gendenken sie der Opfer der NS-Diktatur (Archivbild).

Die Pogromnacht 1938 in Solingen: Ein historischer Liveticker in die Zeit vor 82 Jahren – archiviert zum Nachlesen.

+++19 Uhr+++Die aktuelle Berichterstattung zum digitalen Gedenken sowie zur Eröffnung von "7places.org" finden Sie hier.

+++18.05 Uhr+++ Hier endet der historische Ticker

Solingen. Nach sechs Stunden Zeitreise in die Geschichte Solingens und dem Blick über die Stadtgrenzen hinaus und der Ausstellung „7Places.org“ endet der historische Livestream des Solinger Tageblatts zum Gedenktag der Opfer der Pogromnacht 1938. Es tickerte: Philipp Müller. Redaktionelle Betreuung: Verena Willing, Johanna Heckeley

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+++17.45 Uhr+++ Die Solinger werden am Abend selbst aktiv – „Ein Licht für Stolpersteine“ 

Die Aktion des Künstlers Gunter Deming, mit Stolpersteinen auf den Bürgersteine an die NS-Opfer zu erinnern, startete bereits 2004. In Solingen sind mehr als 100 verlegt.

Am Abend sind alle Bürger eingeladen, an den Solinger Stolpersteinen Kerzen aufzustellen, um der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. Dazu gib es eine Übersicht zu den Solinger Stolpersteinen mit zahlreichen Informationen über die Solinger Opfer des Nationalsozialismus. Auf der Seite des Max-Leven-Zentrums ist dazu ein Podcast des Humboldtgymnasiums zu hören. Daniela Tobias vom Unterstützerkreis Stolpersteine erklärt: „Der Podcast wurde von ihrem Reli-Kurs 9a/c zusammen mit dem WDR-Journalisten Niklas Schenk erstellt, der nach einem Praktikum am Humboldtgymnasium zukünftig zwei Tage in der Woche mit Schülern an Medienprojekten arbeiten wird.“

+++17.30 Uhr+++ Franz Haug, der frühere OB, erinnert an Bedeutung der Städtepartnerschaft mit Ness Ziona in Israel

Der frühere Oberbürgermeister Franz Haug verlegte den ersten Stolperstein. Im Interview mit dem Zentrum für verfolgte Künste erinnert er sich an das Ereignis und erklärt, warum die Stolpersteine und die Städtepartnerschaft mit Ness Ziona in Israel wichtige Instrument der Erinnerungskultur sind.

+++17.20+++ Außenminister Heiko Mass: „Erinnern bedeutet, aus dem Gestern die richtigen Schlüsse für Heute und Morgen zu ziehen.“ 

Zur Ausstellungseröffnung haben das Tageblatt erste Reaktionen und Erklärungen zu den Hintergründen von „7Places.org“ erreicht, die der Verein „1700 Jahre jüdisches Leben“ aus Köln gesammelt hat. 

„Erinnern bedeutet, aus dem Gestern die richtigen Schlüsse für Heute und Morgen zu ziehen“, betonte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) zur Wichtigkeit der heute eröffneten Schau mit sieben Orten jüdischen Lebens in Deutschland. 

„Wir wissen, wohin Hass und Hetze führen können.“ 

Melissa Fleming , Untergeneralsekretärin für globale Kommunikation der Vereinten Nationen

Die Generalsekretärin des Vereins „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland, Sylvia Löhrmann, erklärte, die Ausstellung umfasse „den Zeitbogen auch die Verfolgung und Ermordung der Juden Europas im 20. Jahrhundert – bis hin zur globalen Erinnerungsarbeit der Gegenwart“. 

Melissa Fleming, die Untergeneralsekretärin für globale Kommunikation der Vereinten Nationen, dankte bei ihrer Eröffnung der Ausstellung ausdrücklich dem Verein „321–2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ für die konsequente Unterstützung dieser Bildungs- und Erinnerungsarbeit: „Wir wissen, wohin Hass und Hetze führen können.“ 

Jürgen Kaumkötter und sein Team vom Zentrum für verfolgte Künste stellte die Ausstellung „7Places.org“ als mehrsprachige Internetausstellung zusammen.

Solingens Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD) erklärte: „Ich habe mich immer dafür eingesetzt, die Vielfalt der Gesellschaft zu betonen.“ Auch habe Solingen eine besondere Verantwortung seit dem „schwärzesten Tag der Solinger Nachkriegsgeschichte, als 1993 beim Brandanschlag fünf Menschen ihr Leben verloren haben. Wir müssen immer wieder mahnen, dass Worten keine Taten folgen“, sagte er. Das sei nicht nur Aufgabe der Stadtgesellschaft Solingens, sondern aller Menschen, die sich gegen Rassismus und Antisemitismus einsetzten. 

Jürgen Kaumkötter, Direktor des Museums Zentrum für verfolgte Künste, machte noch einmal den Sinn von 7Places.org deutlich: „Die Ausstellung bietet einen vertiefenden Einblick in die Geschichte der sieben dargestellten Orte jüdischen Lebens, wie sie entstehen, sich verändern, wie sie beim Novemberpogrom von 1938 zum Teil zerstört und später erneut mit Leben erfüllt werden.“ 

Nambowa Mugalu, die Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Vereins „321–2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ berichtet, die Ausstellung falle mit einem besonderen Ereignis zusammen. Denn die jüdische Gemeinde Köln und das geplante LVR-Jüdische Museum im Archäologischen Quartier Köln „MiQua“ seien Teil der Bewerbung um das UNESCO-Weltkulturerbe, wozu sich der Landschaftsverband Rheinland (LVR) und die Stadt Köln vor einer Woche beim Land NRW um Aufnahme auf die Vorschlagsliste beworben hätten. 

MiQua-DirektorDr. Thomas Otten erläuterte dazu: „Vis à vis des Kölner Rathauses wurden bei den Ausgrabungen bereits die historische Mikwe, Grundmauern der über 1000 Jahre alten Synagoge sowie einzelner Wohnhäuser freigelegt, die der jüdischen Gemeinde in der Kölner Altstadt zwischen 1016 und 1424 ein Zuhause boten, bevor sie erneut ausgewiesen wurde.“ 

Zugleich berichtet Abraham Lehrer, Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, dass der Bund eine millionenschwere Förderung für die Renovierung und Modernisierung der Kölner Synagoge in Aussicht gestellt hat. Das sei ein „deutliches Zeichen der Solidarität in diesen besonderen Zeiten“.

+++16.50 Uhr+++ Außenminister Heiko Maas und die Untergeneralsekretärin der UNO für globale Kommunikation, Melissa Fleming, eröffnen um 17 Uhr „7Places.org“ 

Die Künstlerin Tatiana Feldman moderiert den Eröffnungsfilm zu „7Places.org“. Hier ist sie vor dem Bunker zu an der Malteserstraße zu sehen, der auf dem Ort der 1938 niedergebrannten Synagoge zu sehen ist.

In zehn Minuten, pünktlich um 17 Uhr, wird die Ausstellung „7Places.org“ eröffnet. Im Zentrum für verfolgte Künste erwartet das Team um Direktor Jürgen Kaumkötter die Weltpremiere bereits mit großer Spannung. Kaumkötter erklärt, dass er mit der Künstlerin Tatiana Feldman aus Wuppertal eine Moderatorin gewonnen habe, die mit ihm zusammen durch den Eröffnungsfilm führen werde. 

In dem Film werden die sieben Orte vorgestellt, die sich später auch in einem Zeitstrahl auf der Seite der Ausstellung wiederfinden werden. Das sind die sieben Orte: Neue Synagoge Berlin, Alte Synagoge Essen, Gedenkstätte der Landjuden an der Sieg, Gedenkort in Halle an der Saale, ehemalige Synagoge Norderney, ehemalige Synagoge Solingen und LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln.

Im Anschluss an den Film folgen die Eröffnungsreden von Außenminister Heiko Maas (SPD) als Videostream. Außerdem wird die ranghohe UN-Diplomatin Melissa Fleming, die Untergeneralsekretärin für globale Kommunikation, zum Start sprechen. Film und Reden starten um 17 Uhr unter: www.7places.org

+++16.15 Uhr+++ST-Interview mit Zentrumsdirektor Jürgen Kaumkötter live aus dem Kunstmuseum

Um 16.30 Uhr startet aus dem Zentrum für verfolgte Künste ein Liveinterview mit dem Direktor des Museums, Jürgen Kaumkötter. ST-Reporter Philipp Müller wird mit Kaumkötter die Ausstellung „7Places.org“ vorstellen und erklären, wie es dazu kam. Einer der sieben deutschen Orte der Ausstellung ist Solingen mit dem Schwerpunkt des heutigen Gedenktags.

+++16 Uhr+++Jürgen Hardt (CDU): „7Places.org“ ist der Höhepunkt der deutschen Zugehörigkeit zum UN-Sicherheitsrat

Das Zentrum für verfolgte Künste setzt für „7Places.org“ auf sein nationales und internationales Netzwerk. Rund 20 Partner waren dabei mehr oder weniger intensiv in die Vorbereitung eingebunden. Ein ganz wichtiger Partner ist dabei die UNO, deren Gründung in diesem Jahr das 75-Jährige feiert. Die UNO hat ein eigenes Programm aufgelegt, dass Staaten dabei unterstützt, die Aufarbeitung des Holocaust als Teil der gesellschaftlichen und kulturellen Bildung zu fördern.

Der außenpolitische Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion, Jürgen Hardt, setzte sich hinter den Kulissen für das Gelingen der Ausstellung ein, wo es abseits diplomatischer Kanäle sinnvoll war. Er erklärte bei der Vorstellung der Ausstellung, „7Places.org“ sei der Höhepunkt in der zweijährigen Zugehörigkeit Deutschlands zum UN-Sicherheitsrat. Auch Hardt äußerte sich im Gespräch mit der Kuratorin des Zentrums, Birte Fritsch, bei der Vorstellung des Ausstellungsprogramm in Köln via Zoom:

+++15.30 Uhr+++ Die Ausstellung „7Places.org“ ist auf vielen Kanälen im Internet unterwegs 

Keine Ausstellung kommt heute ohne die Sozialen Medien im Internet aus - gerade auch, wenn sie nur dort stattfindet. Das Solinger Tageblatt ist dabei ein wichtiger Medienpartner des Zentrums für verfolgte Künste. Das Museum in Gräfrath selbst setzt aber längst auch für die in einer guten Stunde beginnende Ausstellung auf Social Media: Facebook, @7places.org Instagram, @remembranceisvividTwitter, @7places_org.

Zur Ausstellung hat das Zentrum eine eigene Grafik erstellt. 

+++15.15 Uhr+++ Sylvia Löhrmann: "Die Pogromnacht 1938 war der Beginn der institutionellen Vernichtung der Juden." 

Um 17 Uhr wird die Ausstellung des Zentrums für verfolgte Künste als Kooperationsprojekt unter anderem mit der UNO eröffnet. Das Programm für heute wurde vergangenen Woche in Köln vorgestellt. Einer der vielen Partner ist der Verein "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland". Deren Generalsekretärin ist Sylvia Löhrmann, die frühere stellvertretende Ministerpräsidentin von NRW. Die Politikerin erklärte bei der Vorstellung der Ausstellung, wie wichtig sie auch in einer Zeit sei, in der durch die Corona-Pandemie die Museen generell geschlossen seien. Löhrmann sagte zum Gedenktag: "Die Pogromnacht 1938 war der Beginn der institutionellen Vernichtung der Juden."

+++15 Uhr+++ Ein Rundgang zu den Tatorten der Pogromnacht 

Zum 80. Jahrestag der Novemberpogrome in Solingen hatte die Solingerin Daniela Tobias einen Rundgang zu den Orten veranstaltet, an denen die Pogromnacht stattfand. Die freie Journalistin und Fotografin hat diesen Rundgang jetzt für das Internet neu aufbereitet. Tobias gehört zur Gruppe der Solinger, die sich für die Errichtung eines Max-Leven-Zentrums einsetzt, das im Neubau der Sparkasse am Neumarkt - auf dem Grundstück des ermordeten Max Leven - seinen Platz finden wird. 

Der Rundgang findet sich auf der Seite des Max-Leven-Zentrums und der für die Solinger Stolpersteine. Infos zur Pogromnacht veröffentlicht auch der Verein für das geplante Max-Leven-Zentrum in seiner Serie "#closedbutopen" und nennt dabei die Schicksale der Opfer der Nacht, die in "Schutzhaft" genommen worden waren.

+++14.30 Uhr+++ "Armin, was machst du da?" - Der Mord an dem jüdischen Kommunisten und Journalisten Max Leven

In den Nachstunden des frühen 10. Novembers drangen fünf Männer aus den Reihen der NSDAP und der SA in das Wohnhaus der Familie Leven ein. Es lag an der heutigen Max-Leven-Gasse in der Innenstadt. Dennis Mühlsiegl und Dieter Nelles haben Dokumente rund um die Tat und die Pogromnacht gesammelt. Unter anderem die Aussage von Artur Bolthausen zum Mord an Max Leven vor Gericht: "Wer den Gedanken aussprach, zur Wohnung des Leven zu fahren, kann ich mit dem besten Willen nicht sagen. Was wir eigentlich bei Leven wollten, ist im Einzelnen überhaupt nicht besprochen worden." An einen Mord habe man nicht gedacht. 

Doch es sei anders gekommen: "Als ob ich etwas Böses ahnte, weil Ritter nicht bei uns war, schaute ich von der Küche durch die geöffneten Türen zum Wohnzimmer und sah in diesem Augenblick, wie Ritter in Richtung Schlafzimmer eine Pistole hielt. Ich sprang unverzüglich mit dem Ruf ,Armin was machst du da' auf Ritter zu, konnte aber das inzwischen Geschehene nicht mehr verhindern, denn im selben Augenblick krachten ein oder zwei Schüsse." 

Max Leven mit seiner Familie.

Das Stadtarchiv bietet die Sammlung der Dokumente als kostenlosen Download auf seiner Seite an.

+++14.20 Uhr+++ Stadt gedenkt der Opfer der Pogromnacht in Solingen mit einer Liveveranstaltung am Bunker Malteserstraße 

Von Philipp Müller

Vor dem Bunker, der auf dem Platz der 1938 niedergebrannten Synagoge an der Malteserstraße in Solingen steht, fand um 13.30 Uhr die zentrale Gedenkveranstaltung statt. Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD) erklärte, das er trotz aller Corona-Einschränkungen unbedingt an der Gedenkfeier festhalten wollte: „Ich hätte mir nicht denken können, diesen Tag nicht zu begehen.“ Er führte anhand vieler Fakten und historischer Daten in die Zeit vor 82 Jahren ein. Zum 9. November sagt er: „An dem Tag ging der NS-Staat zum offenen Terror gegen die jüdische Bevölkerung vor.“ 

Solingen: Gedenken zur Pogromnacht: Aktuelle Gewalt gegen Juden nicht unterschätzen

Es erfülle ihn mit Freude und vor allem Genugtuung, dass die Nationalsozialisten es nicht erreicht hätten, das jüdische Leben auszulöschen. Sichtbares Zeichen sei die Synagoge in Wuppertal. „Wir können aber keinen Schlussstrich unter die Zeit des Dritten Reiches ziehen.“ Deshalb erinnere die Stadt auch heute an die Geschehnisse vor 82 Jahren. Er wies auf die Eröffnung der Ausstellung des Zentrums für verfolgte Künste, die als Projekt gemeinsam mit den Vereinten Nationen eröffnet wird. Es erfülle ihn mit Stolz, dass dies von Solingen aus geschehe. „Das ist für mich eine große Herzensangelegenheit.“ Kurzbach mahnte Wachsamkeit gegenüber den rechtsextremistischen Strömungen an, die es auch im Untergrund Solingens gebe.

„Zeigen sie Zivilcourage.“

Leonid Goldberg, Jüdische Kultusgemeinde Wuppertal

Leonid Goldberg von der jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal mahnte, man dürfe die Folgen der aktuellen Gewaltwelle gegen jüdischen Menschen in Deutschland nicht unterschätzen. Gemeindemitglieder würden die Kippa verstecken, Sicherheitsschleusen an Synagogen und jüdischen Schulen seien eine enorme psychologische Belastung. Gerade Kinder würden sich von der Umwelt abschotten. „Die Juden wollen aber immer ein Teil unserer Gesellschaft sein.“ Und er fragte: „Können wir nicht einfach Juden mitten in der Gesellschaft sein?“ Er forderte alle auf, auf antisemitische Äußerung zu achten, solche Menschen zurechtzuweisen. „Zeigen sie Zivilcourage.“

Die Synagoge an der Malteserstraße wurde in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 niedergebrannt.

Für den Arbeitskreis Christlicher Kirchen sprach die evangelische Superintendentin Dr. Ilka Werner. Seit Jahren stehe man an diesem Ort, sage die richtigen Worte und bewirke doch so wenig. „Mich macht das traurig und beschämt.“ Es herrsche weiter ein Klima der Angst im Land. Aber sie wolle weiterhin eine „Angstverjagerin“ sein, es gebe keinen anderen Weg. „Niemand soll glauben, er dürfte jüdische Einrichtung angreifen.“ Leider sei Antisemitismus wieder salonfähig geworden. Das müsse man ständig anprangern, auch wenn es leiser nicht reichen werde. Wenn die Ängste verjagt seien, der Antisemitismus verschwinde, sei das ein Wunder.

Finn Grimsehl-Schmitz vom Jugendstadtrat betonte, wir würden in einer Gesellschaft leben, in der jüdische Menschen gefährdeter seien als christliche. Nichts sei gegenüber der Gedenkfeier vor einem Jahr besser geworden: Im Gegenteil, die Hemmschwelle der Gewalt sei gesunken. Er warf in Sachen historischer Aufarbeitung und der Vermittlung von aktuellem, religiös motiviertem Terror einen Blick nach Frankreich. Dort mahne ein Lehrer, man müsse sich offen mit den Tätern und ihren Motiven auseinandersetzen, um ein Umdenken auslösen zu können. Grimsehl-Schmitz sagte, Reisen zu Konzentrationslagern, zu Orten der Taten könnte viel Wissen vermitteln und die jungen Menschen über Emotionen erreichen, da setze er auch auf das geplante Max-Leven-Zentrum in Solingen.

+++14 Uhr+++ Blick ins Tageblatt-Archiv

Das Tageblatt berichtet 2018: 80 Jahre Pogromnacht, viele Veranstaltung umranken den Gedenktag 9. November 1938 Ein Blick ins Tageblatt-Archiv sei an dieser Stelle gestattet. Zum 80. Jahrestag der Pogromnacht in Solingen hatte sich das ST vielfältig mit dem Thema auseinandergesetzt. Anhand von fünf Beispielen können die ST-Leser jetzt den Blick zurückwerfen. Mit Gedenkstunde, Trauermarsch und Kultur gedachte die Stadtgesellschaft der Nazi-Gräueltaten

Eine Kunstaktion des Solinger Kunstvereins lässt die Synagoge neu erstehen. Daniela Tobias erstellte einen Rundgang zu acht Tatorten. Dazu ein Bericht zum Rundgang. Eine Exkursion führte entlang des Geschehens von 1938.

Francis Schott ist Solinger Zeitzeuge. Er emigrierte in die USA. Anti-Semitismus von heute erschreckt ihn.

+++13.15 Uhr+++ Stadt Solingen lädt zum Livestream zum Gedenktag der Opfer der Pogromnacht um 13.30 Uhr ein

Um 13.30 Uhr beginnt der Livestream der Stadt Solingen als Ersatz für die zentrale Gedenkfeier am Standort der ehemaligen Synagoge an der Malteserstraße. Zum Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht sprechen Oberbürgermeister Tim Kurzbach, Superintendentin Dr. Ilka Werner für die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, Leonid Goldberg von der Jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal. Goldberg hatte zuletzt im Tageblatt-Interview erklärt: „Antisemitismus war nie wirklich weg.“ Außerdem wird Finn Grimsehl-Schmitz für den Jugendstadtrat sprechen.

+++13 Uhr+++ OB Kurzbach: „Leider brechen uns die Zeitzeugen weg“ 

Mit dem Gedenktag 9. November ist um 17 Uhr auch die Eröffnung der Ausstellung „7Places.org" verbunden. Sie bildet in einem Zeitstrahl 1700 Jahre jüdisches Leben ab. Ein Punkt ist dabei die Pogromnacht in Solingen. Im Interview mit dem Direktor des Zentrums für verfolgte Künste, Jürgen Kaumkötter, erklärt Oberbürgermeister Tim Kurzbach die Bedeutung des Gedenktags für sich selbst und für Solingen. Der heutige Gedenktag findet dann als Livestream um 13.30 Uhr statt – gleich auch hier zu sehen. 

Das Interview von Jürgen Kaumkötter mit Tim Kurzbach:

+++12.35 Uhr+++Mit Hobelspänen und Benzin zur Synagoge – Ein Überblick über die Pogromnacht in Solingen 

Der Historiker Stephan Stracke hat unter dem Titel „Der Novemberpogrom 1938 in Solingen im Spiegel der Justiz“ Darstellungen und Dokumente zusammengetragen. Das Buch bietet einen geschichtlichen Abriss über die Zeit nach der Machtübernahme der Nazis 1933 und die Auswirkungen auf das jüdische Leben in Solingen bis hin zu den Prozessen nach der Befreiung 1945 gegen die Täter der Reichspogromnacht 1938. Es beschreibt sehr ausführlich die Abläufe vom 9. auf den 10. November und wie die Brandstiftung der Synagoge an der heutigen Malteserstraße vorbereitet wurde. 

So wird der Amtmann zitiert: „Soweit ich mich erinnere, haben wir einen Sack mit Hobelspänen und auch Benzin bei Tönges abgeholt. Mit diesem Material fuhren wir zur Synagoge, wo zu gleicher Zeit als wir dort ankamen, ein Trupp SA-Leute in Stärke von 20-30 Mann erschien. Mit diesen gemeinsam sind wir dann erst über einen Zaun und dann durch ein Fenster in die Synagoge eingedrungen.“ Nachdem das erste Feuer aufgeflackerte sei, „haben wir alle die Synagoge verlassen“.

Das Stadtarchiv bietet das Buch „Der Novemberpogrom 1938 in Solingen im Spiegel der Justiz“ als kostenlosen Download auf seiner Seite an.

+++12.15 Uhr+++ Der 9.November und ein Attentat in Paris als Vorwand für die Pogromnacht

Aber warum kam es am 9. November 1938 überhaupt zur Pogromnacht? Das hat zwei Gründe. Am 7. November verübte Herschel Grynszpan, ein in der Weimarer Republik geborener und aufgewachsener polnischer Staatsbürger jüdischen Glaubens, in der deutschen Botschaft in Paris ein Attentat auf den Botschaftsmitarbeiter Ernst vom Rath. Die tödlichen Schüsse auf vom Rath wurden am 9. November im gesamten Dritten Reich bei Nazi-Veranstaltungen verurteilt. 

Ausschnitt aus dem Solinger Tageblatt vom 11. November 1938.

Darin liegt der zweite Grund: Der 9. November war für die Nationalsozialisten ein Feiertag. Die Revolution des 9. November 1918 zum Ende des Ersten Weltkriegs wurde verurteilt, der gescheiterte Putschversuch von München am 9. November 1923 glorifiziert. In dieser Gemengelage entstand eine Stimmung, längst geplante Pogrome unter dem Motto „Rache für den Mord an vom Rath“ gegen die jüdische Bevölkerung anzuzetteln. So auch in Solingen. Unabhängige Zeitzeugen, gar Kritiker der Pogromnacht, konnten sich damals in Deutschland nicht laut zu Wort melden. Auch das Solinger Tageblatt nicht. Es war „gleichgeschaltet“ und unterlag der Zensur durch das Hitlerregime. Trotzdem an dieser Stelle einmal die Sicht des Tagblatts vom 11. November 1938 auf die Geschehnisse der Vortage:

„Wie in anderen Städten Deutschlands kam es auch in Solingen, als am Mittwoch die Nachricht von dem Tod des Gesandtschaftsrates Pg. [Parteigenosse] vom Rath bekannt wurde, in allen Stadtbezirken zu Kundgebungen und Demonstrationen gegen das Judentum. Nach Beendigung der Feiern aus Anlaß des 9. November zogen größere Menschenmengen durch die Straßen der Stadt vor die Wohnungen der hier ansässigen Juden, um ihre Empörung über die Bluttat des Juden Grünspan zum Ausbruch zu bringen. 

Dabei wurde die Synagoge an der Malteserstraße gestürmt und nach Zerstörung der gesamten Inneneinrichtung in Brand gesetzt. Das Feuer griff so schnell um sich, daß Rettungsmöglichkeiten des Gebäudes nicht bestanden und sich die Feuerlöschpolizei auf den Schutz der Nachbarhäuser beschränken mußte. Es blieben lediglich die Grundmauern stehen, mit deren Niederlegung man auf Anweisung der Baupolizei aus Sicherheitsgründen am gestrigen Tage bereits begonnen hat. Zerstört wurden in Alt-Solingen weiter auf der Ufergartenstraße die Einrichtungen des Geschäftes Giesenow, in unmittelbarer Nachbarschaft an der Tivolistraße das Möbellager von Taback, am Wehrwolf das Manufakturengeschäft von Wolkenfeld, auf der Malteserstraße die Stahlwarenfabrik von H. Michelsohn [Michelson] & Co., in Ohligs auf der Düsseldorfer Straße das Textilwarenunternehmen von H. Meyerhoff, die Schuhwarenhandlung A. Rosenbaum und das Kaufhaus Wertheim, in Wald auf der Göringstraße das Herrenbekleidungsgeschäft A. Tobias, auf der Karl-Almenröder-Straße die Büroeinrichtungen der Stahlwarenfabrik Max Sommer. 

Auf dem Verschönerungsweg bei Widdert ging das Wohnhaus des in Düsseldorf wohnenden Juden Pinkus in Flammen auf, nachdem das Mobilar gleichfalls zertrümmert war. Außerdem wurde bei allen im Solinger Stadtgebiet wohnenden Juden die Privatwohnungen aufgesucht und deren Einrichtungen zerstört. Die Aktionen der Kundgeber beschränkten sich auf Zertrümmerung von Mobilar und sonstiger Gegenstände. Von den in Solingen noch wohnhaften männlichen Juden wurden im Laufe des gestrigen Tages 32 in Schutzhaft genommen.“

Wer mehr Interesse an alten Tageblatt-Ausgaben hat, findet einige Jahrgänge bereits digitalisiert auf der Seite zeitpunkt.nrw hier.

+++9. November, 12 Uhr+++ Der Schicksalstag der Deutschen

Von Philipp Müller

Der 9. November wird oft als der Schicksalstag der Deutschen bezeichnet. An diesem Tag fiel 1989 die Mauer. 1918 gab es die Revolution gegen das Kaiserreich, ausgehend von einem Matrosenaufstand in Kiel. 1923 versuchte Adolf Hitler mit seinen Getreuen einen Putsch in München. Der geplante „Marsch auf Berlin“ endete nach wenigen Metern im Kugelhagel. Aber der 9. November ist auch der Tag der reichsweiten Pogromnacht im Jahr 1938. In Solingen brannte die Synagoge, der jüdische Kommunist und Journalist Max Leven wurde vor den Augen seiner Familie in seiner Wohnung erschossen und stadtweit gab es Terror gegen jüdische Einwohner, ihre Geschäfte und Wohnungen. 

Da wegen der Corona-Pandemie die zentrale Gedenkveranstaltung der Stadt Solingen am früheren Standort der Synagoge ausfällt, wandert diese als Livestream ins Internet. Dort findet sich aber auch sehr viel mehr an aktuellen Ereignissen. Bis ca. 18 Uhr wird das Solinger Tageblatt daher hier einen historischen Liveticker zu den heute stattfindenden Veranstaltungen schalten. Angereichert mit vielen kurzen Texten zu den Hintergründen des 9. November 1938. 

Digitaler Gedenktag zur Pogromnacht in Solingen: Das Programm

Um 13.30 Uhr wird der Livestream der Stadt ausgestrahlt. 

Um 16.30 Uhr erklärt der Direktor des Zentrums für verfolgte Künste, Jürgen Kaumkötter, wie das Zentrum zur Ausstellung „7Places.org“ kam. Einer dieser Places, Orte ist Solingen und das Geschehen am 9. Und 11. November 1938. Die Ausstellung, die ausschließlich im Internet stattfindet, entstand als Projekt des Zentrums mit der UNO, vielen weiteren Partnern und wird um 17 Uhr eröffnet. 

Um 17 Uhr startet die Ausstellung des Zentrums für verfolgte Künste dann mit einem Film und der Eröffnungsansprache durch den deutschen Außenminister Heiko Maas (SPD). Die mehrsprachige Online-Ausstellung „7 Places – Sieben Orte in Deutschland“ greift dabei weitere historische Ereignisse auf: Vor 75 Jahren endeten der Holocaust und der Zweite Weltkrieg. Am 25. Juni 1945 nahmen zunächst 50 Staaten in San Francisco die Charta der Vereinten Nationen einstimmig an. Das Solinger Tageblatt ist Medienpartner des Zentrums für verfolgte Künste für die Ausstellung „7Places.org“. 

Um 18 Uhr endet der Ticker und die Solinger sind aufgerufen an den Stolpersteinen in der Stadt, die an die Opfer des NS-Regimes erinnern, Kerzen aufzustellen. 

Zum Einstig aber ein Film, den Peter Holtfreter und Herbert Schurig aus Filmmaterial des Solinger Stadtarchivs erstellte haben. Er zeigt das Solingen der 20er und 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts und gibt so ein Gefühl dafür, wie Solingen aussah in der Zeit, als sich der schreckliche 9. November ereignete.

Unser Vorbericht: Heute vor 82 Jahren brannte die Synagoge

Von Philipp Müller

Ein Blick auf den alten Ufergarten. Auch dort wütetet in der Pogromnacht der NS-Terror gegen die jüdische Bevölkerung.

Solingen. Heute vor 82 Jahren, in den Abendstunden des 9. November 1938, brachten Solinger Mitglieder der NSDAP und der SA um den Tageswechsel zum 10. November den NS-Terror auf die Straße. An fast 30 Orten im gesamten Stadtgebiet schlugen sie zu, darunter in jüdischen Geschäften. Die Synagoge, sie stand an der Malteserstraße, wurde niedergebrannt und der Kulturkritiker Max Leven erschossen.

An diesem Gedenktag erinnert die Stadt sonst mit einer zentralen Veranstaltung am früheren Standort der Synagoge. Doch das hat die Stadt Solingen wegen der Corona-Pandemie abgesagt. Die Veranstaltung, bei der unter anderem Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD) sprechen wird, läuft stattdessen als Livestream im Internet – wir begleiten das Gedenken ab 12 Uhr hier. In der digitalen Welt finden sich ein Fülle Möglichkeiten, sich als Solinger auf die Spuren der Stadtgeschichte von 1938 zu begeben.

Die Redaktion des Solinger Tageblatts hat sich entschieden, seinen Lesern alle Liveereignisse im Internet gebündelt zu präsentieren und Fakten zum Terror zu geben, der wegen der splitternden Glasscheiben früher als „Reichskristallnacht“ bezeichnet wurde. Heute wird er richtigerweise als Pogromnacht eingeordnet. Denn der 9. November sei „der Beginn der institutionellen Vernichtung der Juden“, erklärte zuletzt die frühere stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes NRW, Sylvia Löhrmann. Sie ist Generalsekretärin des Vereins 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Der Verein ist Partner des Zentrums für verfolgte Künste. In monatelanger Arbeit hat das Team um Direktor Jürgen Kaumkötter zusammen mit der UNO die Ausstellung „7Places.org“ vorbereitet.

Außenminister Heiko Mass eröffnet Solinger Ausstellung des Zentrums

Kaumkötter ist stolz, den deutschen Außenminister Heiko Maas (SPD) gewonnen zu haben, 7Places-org zu eröffnen. Sie zeigt an sieben Orten jüdisches Leben und den Terror der Nazis von 1938 bis heute.

Die Zeitreise des Solinger Tageblatts wird wie ein Liveticker heute um 12 Uhr starten. Um 13.30 Uhr wird die zentrale Gedenkfeier der Stadt übertragen. Um 16.30 Uhr erläutert Zentrumsdirektor Jürgen Kaumkötter in einem Liveinterview mit dem ST aus dem Kunstmuseum die Hintergründe der Ausstellung. Um 17 Uhr wird 7Places.org als Weltpremiere mit einem Film eröffnet.

Die Zeitreise in die Stadtgeschichte beginnt hier um 12 Uhr.

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