Ein Macher, kein Machtmensch

Zum Tod von Alt-Oberbürgermeister Ulrich Uibel

1997 wählte der Stadtrat Ulrich Uibel zum Oberbürgermeister. Den Amtseid nahm ihm sein Vorgänger – der noch ehrenamtliche OB Gerd Kaimer (SPD) – ab. Fotos: ST-Archiv
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1997 wählte der Stadtrat Ulrich Uibel zum Oberbürgermeister. Den Amtseid nahm ihm sein Vorgänger – der noch ehrenamtliche OB Gerd Kaimer (SPD) – ab.
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Es heißt immer, wenn ein bedeutender Mensch gestorben ist, er werde eine Lücke hinterlassen.

Von Philipp Müller und Stefan M. Kob

Solingen. Es heißt immer, wenn ein bedeutender Mensch gestorben ist, er werde eine Lücke hinterlassen. Das ist meist ernst gemeint, doch oft ist der Verlust recht schnell verschmerzt. Die Lücke, die der viel zu frühe Tod von Ulrich Uibel in seiner Heimatstadt Solingen reißt, wird sich nicht in kurzer Zeit schließen. Vermutlich nie. Denn Uli Uibel, wie ihn alle nannten, war ein Kommunalpolitiker, dem an Intellekt, Rhetorik, Erfahrung, Heimatliebe, Selbstaufopferung und Vermittlungstalent niemand, aber auch wirklich niemand in Solingen das Wasser reichen konnte.

Uli Uibel war jemand, den man als Homo politicus bezeichnen muss, einen Menschen, der für die Politik lebt und sie von ihm. Die Freude an den Gestaltungsmöglichkeiten, die Fähigkeit, andere von seinen Ansichten zu überzeugen, etwas Positives für seine Heimatstadt zu erreichen, lernte der frühere Schwertstraßen-Schüler in den 70er Jahren als Referent des damaligen Solinger Bundestagsabgeordneten Heinz Schreiber kennen. Sein scharfer Verstand und seine Gabe, andere Menschen mit ruhig und klug vorgetragenen Argumenten zu überzeugen, waren legendär und beim politischen Gegenüber gefürchtet. Und durchaus auch in seiner SPD, in die er als 18-Jähriger eingetreten war.

Ein Bild, das Uibel in typischer Haltung zeigt: als Meister der leisen, klugen und eindringlichen Worte, wie hier bei einer Rede vor dem Schlossbauverein, für den er sich sehr einsetzte.

Denn er hat es sich und seiner eigenen Partei nie leicht gemacht. Als Parteisoldat war er nicht zu gebrauchen. Mit Sozialromantikern konnte er nicht viel anfangen – wie diese umgekehrt auch nicht mit ihm. Er war eben kein Träumer, sondern ein Gestalter. Aber mit dem Herz auf dem rechten Fleck.

Seine Talente hätten ihm zu einer glänzenden politischen Karriere auf landes- und sogar bundespolitischer Ebene verhelfen können. Doch dafür fehlte dem Homo politicus eine „Gabe“ völlig, die für eine Spitzenkarriere unerlässlich ist: Ulrich Uibel war kein Machtmensch. Es ging ihm nie um die reine Macht, sondern immer um die Möglichkeiten. So ist es unter anderem auch zu erklären, dass er als erster hauptamtlicher Oberbürgermeister der Stadt Solingen, 1997 vom Rat gewählt, sein Amt zwei Jahre später bei den Kommunalwahlen nicht gegen Franz Haug verteidigen konnte.

Außerdem war nicht die große weite Welt, sondern seine Heimatstadt sein Aktionsfeld. Oft ganz still, ohne viele Worte nach außen, aber mit vollem Energieeinsatz. Was für die Politik galt, war erst recht sein Lebensmotto für sein Umfeld: Er war gerne der Ratgeber, er war gerne der Kümmerer, er konnte Türen öffnen, die anderen verschlossen blieben. Das machte er geräuschlos, aber mit vollem und glaubwürdigem Einsatz.

Noch am Vorabend seines plötzlichen Todes berichtete er, dass es ihm auch eine persönliche Freude bereitet habe, Familie Evertz beim Verkauf ihres Firmengeländes an Kondor Wessels bis zum glücklichen Ende beraten haben zu dürfen. Auch das ganz geräuschlos. Er wollte damit nicht in die Zeitung. In mehr als 15 Gremien, Ausschüssen und Institutionen war er auf diese Weise präsent.

Der Schlossbauverein war darin eine weitere wichtige Station. „Ich bin in Sichtweite des Schlosses aufgewachsen“, erzählte er gerne. Das habe ihn von Kindheit an geprägt. Er hatte für die kommende Legislaturperiode noch viel vor. Mit Listenplatz sieben hoffte er auf den Wiedereinzug in den Stadtrat.

„Eins wünsche ich mir für unsere Stadt: Mut zur Zukunft, Mut zum Wandel.“
Uli Uibel

Sich selber schonte er dabei nie. Um sich von seinem kräfteraubenden Tun zu erholen, reichten auch die langen Spaziergänge in Husum nicht aus, das ihm eine Fluchtburg geworden war. Sein scharfer Intellekt offenbarte ihm vieles, nicht aber, wann es Zeit war, mehr auf sich selbst achtzugeben. Sonst hätte er vielleicht auch erkennen können, dass es ein Fehler war, als Vorstandsvorsitzender die angeschlagene Ohligser Wohnungsbau eG (OWB) vor der Pleite retten zu wollen.

In seinem Wikipedia-Eintrag findet sich ein Zitat. Es stammt aus dem Jahr 1997 und klingt nun durch seinen plötzlichen Tod wie ein Vermächtnis: „Noch eins wünsche ich mir für unsere Stadt: Mut zur Zukunft, Mut zum Wandel. Jeder kreative Geist in Wirtschaft, Verwaltung, Politik oder Kultur möge sich aktiver an der Diskussion über die Zukunft unserer Stadt beteiligen.“

Wenn wir Uli Uibel hier mehr folgen würden, dann ließe sich die Lücke tatsächlich ein Stückchen schließen. Ihm würde es gefallen.

Berufsleben

Nach 1999, als seine OB-Zeit endete, war er Geschäftsführer der Lebenshilfe Solingen und im Anschluss bei der Ohligser Wohnungsbau eG. Als selbstständiger Projektentwickler und Vermittler für Immobiliengeschäfte war er bis zu seinem Lebensende tätig.

Der Tod des Alt-Oberbürgermeisters Ulrich Uibel hat Folgen für die Kommunalwahlen am 13 September.

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