Sexueller Missbrauch in Solingen

Weitere Daten gefunden: Polizei durchsucht erneut Wohnung in Höhscheid 

Erneut hat die Polizei die Wohnung in Höhscheid durchsucht. Sie gilt für die Beamten als Tatort.
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Erneut hat die Polizei die Wohnung in Höhscheid durchsucht. Sie gilt für die Beamten als Tatort.

Der 38-jährige Familienvater sitzt derweil in Untersuchungshaft. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, seine eigene Tochter sexuell missbraucht zu haben.

Von Philipp Müller

Gleich mit zwei Suchhunden war die Kriminalpolizei am Freitag noch einmal an einem vermeintlichen Tatort in Höhscheid. Dort soll ein 38-Jähriger seine zwölfjährige Tochter sexuell missbraucht haben. „Wir wollen nochmals nachschauen, ob wir am Mittwoch nichts übersehen haben“, erklärte Polizeisprecher Stefan Weiand vor Ort. Dabei richtete sich der Blick auch auf einen bisher nicht durchsuchten, zugemüllten Raum. Weiteres Datenmaterial wurde gefunden.

Solingen: Weiteres Datenmaterial wurde gefunden

Er bestätigte, dass gegen den beschuldigten Vater Haftbefehl erlassen worden sei und er sich in Untersuchungshaft befinde. Seine Frau ist nach einer ersten Vernehmung weiter auf freiem Fuß, aber nicht in der Wohnung, die die Polizei als Tatort behandelt. Die Zwölfjährige und ihr neunjähriger Bruder werden vom Jugendamt betreut. Nach der Verhaftung des Vaters und der Mutter auf einem FKK-Camping-Platz in Rösrath bei Köln wurde das Amt eingeschaltet. Die Befragung der Kinder laufe behutsam, sagte er.

Auf die Spur des 38-Jährigen waren die Ermittler gekommen, weil sie im Dezember zunächst wegen Verdachts des Besitzes und der Verbreitung von kinderpornografischem Material die Wohnung durchsuchten. Dabei seien elf Terabyte Material, aufgeteilt auf Festplatten, USB-Sticks, Rechner und Smartphones sichergestellt worden.

Ein Hinweis auf Kindesmissbrauch der Tochter habe sich damals nicht direkt ergeben. Der sei erst Anfang Juni entstanden. Da fanden die Kripobeamten auf den Datenträgern ein Foto, dass den Vater mit seiner Tochter in einer Situation zeigte, die zum Handeln gezwungen habe. „Da waren wir dann sehr schnell. Und da reden wir nicht von Tagen.“ Ob auch der Sohn missbraucht wurde, wird noch untersucht.

Am Mittwoch gab es den Doppeleinsatz nahe Köln und in Höhscheid. Dort hätten die Beamten eine Wohnung vorgefunden „in der man sich keine Kinder wünscht“, sagte Weiand. Aufgrund der großen Unordnung habe man sich deshalb zur zweiten Untersuchung entschlossen.

Solingen: Spürhunde, die auf Datenträger spezialisiert sind

Zwei Spürhunde, die auf Datenträger spezialisiert sind, setzte die Polizei ein, weil es selbst für feine Hundenasen sehr kompliziert ist, solche Gegenstände aufzufinden. „Drogen hinterlassen eine viel bessere Duftspur als Festplatten“, erklärte der Pressesprecher.

Er sagte auch, dass die Auswertung des Materials aus dem Dezember andauere und das am Mittwoch und gestern beschlagnahmte Datenmetarial wiederum zunächst aufbereitet werden müsse, um es anzuschauen. „Das ist viel komplizierter, als mal eben einen USB-Stick in den Rechner zu schieben.“

Dass man dem 38-Jährigen auf die Schliche gekommen sei, verdanke man auch dem erhöhten Einsatz geschulten Personals – mit noch mehr Fällen sei zu rechnen, befürchtet Stefan Weiand.

Standpunkt: Die Polizei macht Druck

Von Philipp Müller

Ich bin sprachlos, sollten sich die Vorwürfe von Polizei und Staatsanwaltschaft gegen einen 38-jährigen Familienvater bestätigen. Sexueller Missbrauch der eigenen Tochter – und sie ist erst zwölf Jahre alt. Im ersten Reflex tauchen falsche Strafforderungen auf, die eher an Italo-Western denn an den Rechtsstaat erinnern. Doch genau dieser Rechtsstaat ist jetzt gefordert. Die Ermittlungsgruppen beim Landeskriminalamt und bei den örtlichen Polizeipräsidien wurden aufgestockt. Sie machen Druck. Das ist mehr als gut so. Sofort offenbart sich die Masse an Taten. 

Da war der Campingplatz in Lügde, da war die Kleingartensiedlung in Münster, da waren die Wohnungen in Krefeld, Viersen oder Bergisch-Gladbach – offenbar ist jetzt auch Solingen betroffen. Erschreckend: Jedes Mal wird gefilmt – und die Tat als Trophäe im dunklen Internet, dem Darknet, wie Fußballsammelbilder getauscht. Über eins sollte man sich übrigens nicht täuschen: Die Szene ist nicht auf Campingplätze oder Mietwohnungen beschränkt. Körperlicher und sexueller Missbrauch geht durch alle Schichten – da ist man wieder sprachlos. 

Unser Artikel vom 10. Juni - Von Kristin Dowe

Solingen. Mitten in der Debatte um die schockierenden Missbrauchsfälle in Münster erschüttert auch Solingen ein gravierender Fall von Kindesmissbrauch. Wie die Staatsanwaltschaft Wuppertal am Mittwoch mitteilte, wurde ein 38-jähriger Solinger im Beisein seiner Ehefrau wegen des dringenden Tatverdachts auf sexuellen Missbrauch am Dienstag auf einem Campingplatz in Rösrath bei Köln festgenommen. Die beiden Kinder des Paares, ein neunjähriger Junge und ein zwölfjähriges Mädchen, wurden von Mitarbeitern des Jugendamts in Obhut genommen. Die Feuerwehr unterstützte die Polizei bei den umfangreichen Durchsuchungen.

Die Solingerin wurde nach Angaben der Staatsanwaltschaft nach ihrer Vernehmung wieder freigelassen. Gegen sie bestehe zurzeit kein konkreter Tatverdacht. Auf die Spur des Solingers war das Bundeskriminalamt (BKA) im Oktober 2019 gestoßen, als ein kinderpornografisches Foto eines Mädchens aufgetaucht war, das darauf in aufreizender Pose zu sehen ist. Eine Identifizierung des Kindes war jedoch zunächst nicht möglich.

„Er ist auf dem Foto deutlich zu identifizieren.“
Wolf-Tilman Baumert, Staatsanwaltschaft Wuppertal

Die weiteren Ermittlungen führten die Beamten schließlich zu einer Adresse in Höhscheid. Bei den Durchsuchungsmaßnahmen stellten sie verschiedene Datenträger mit belastendem Material sicher. Bei der technischen Sicherung und Aufbereitung der Daten stießen die Ermittler auf ein Foto, das den Beschuldigten bei sexuellen Handlungen mit seiner zwölfjährigen Tochter zeigt. „Er ist auf dem Bild deutlich zu identifizieren“, sagt Oberstaatsanwalt Wolf-Tilman Baumert auf ST-Nachfrage.

Noch sei unklar, ob der Solinger Fall weitere Kreise zieht und etwa mit den Missbrauchsfällen in Münster in Zusammenhang stehen könnte. „Darauf gibt es zurzeit keine Hinweise“, so Baumert. Auch für routinierte Ermittlungsbeamte sei die Sichtung von kinderpornografischem Material oft eine enorme psychische Belastung. „Ich habe die Fotos auch gesehen – das ist schon harter Tobak.“

Zu den Missbrauchsvorwürfen habe sich der Solinger bislang noch nicht geäußert, den Besitz des kinderpornografischen Materials aber eingeräumt. Er habe sich auf dem Campingplatz widerstandslos festnehmen lassen. Als Haftgrund sieht die Staatsanwaltschaft Verdunklungs- und Wiederholungsgefahr. Als Opfer komme zurzeit vor allem die Zwölfjährige infrage, doch auch von dem Jungen seien „fragwürdige Nacktbilder“ aufgetaucht.

Solingen: Einsatzkräfte lassen keinen Stein auf dem anderen

Bei der Durchsuchung ließen die Einsatzkräfte keinen Stein auf dem anderen – Steinplatten des Stellplatzes wurden angehoben, das Auto der Familie sowie ihr Wohnwagen sichergestellt. Parallel durchsuchten die Ermittler die Wohnung und Kellerräume des Tatverdächtigen in Höhscheid. Dort wurden erneut verschiedene Datenträger wie Laptops, Tablets und Handys beschlagnahmt.

Der Beschuldigte wurde inzwischen nach Wuppertal überführt, dort wurde er am Mittwoch dem Haftrichter vorgeführt. Beim Polizeipräsidium Wuppertal wurde eine Ermittlungskommission gegründet. Dem Beschuldigten droht für den Fall einer Verurteilung eine Freiheitsstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren.

Derweil stehen die Ermittler erst am Anfang ihrer Arbeit. Offen ist auch die Frage, ob der Solinger mit den Fotos gehandelt hat und ob es weitere Opfer gibt. „In der Szene ist es üblich, kinderpornografisches Material in entsprechenden Netzwerken und Tauschgruppen anzubieten und zu tauschen. Inwiefern das auch hier geschehen ist, können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen“, macht Baumert deutlich.

Das Stichwort Campingplatz dürfte bei vielen unheilvolle Erinnerungen an den Missbrauchsskandal in Lügde wecken. Ob der Campingplatz in Rösrath auch als Tatort infrage kommt, ist ebenfalls noch Gegenstand der Ermittlungen. Unstrittig als Tatort sei die Solinger Wohnung des Tatverdächtigen, in der das entscheidende Beweisfoto entstanden sei, heißt es.

Zahlen gestiegen

Im Städtedreieck stieg die Zahl der Fälle von Kindesmissbrauch 2019 um 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – insgesamt 139 Fälle. Die für Solingen zuständige Polizei Wuppertal hat deshalb 2019 ihre Kräfte zur Bearbeitung dieser Fälle verdoppelt.

Standpunkt: Sisyphusarbeit für die Polizei

Von Kristin Dowe

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Der Blick auf die Zahlen zeigt eine alarmierende Entwicklung: Allein in NRW stieg die Zahl der bekanntgewordenen Fälle von Kindesmissbrauch 2019 im Vergleich zum Vorjahr um fast 16 Prozent. Zwar ist es möglich, dass der Anstieg auch auf Ermittlungserfolge der Polizei zurückzuführen ist. Deren Kräfte wurden auf Geheiß von NRW-Innenminister Herbert Reul zur Bekämpfung von Missbrauch verdoppelt. Denn die erschütternden Missbrauchsskandale in Lügde, Bergisch Gladbach und zuletzt Münster forderten dringenden Handlungsbedarf. Doch zeigt nun der Solinger Fall erneut die Dimension des Problems. 

Schwer zu ertragen ist der Gedanke, welches Leid von Missbrauch betroffene Kinder gerade während der Corona-Krise über sich ergehen lassen müssen, wo sie ihrem Peiniger hinter verschlossenen Türen wehrlos ausgeliefert sind. Neben mehr Personal benötigt die Polizei zur Bekämpfung dieses Verbrechens moderne Technik und versierte IT-Experten, da allein die Entschlüsselung von Daten eine Sisyphusarbeit ist. Die Opfer sollten in der Debatte nicht vergessen werden, die ihre Erlebnisse für immer mit sich herumtragen müssen. Über sie sprechen wir viel zu wenig.

Artikel von 10. Juni, 15.30 Uhr

Solingen. Ein 38-Jähriger aus Solingen ist am Mittwoch von der Polizei vorläufig festgenommen worden. Gegen den Mann besteht der begründete Verdacht, dass er seine zwölfjährige Tochter sexuell missbraucht hat. Der Mann wird noch heute dem Haftrichter vorgeführt. Das teilen Polizei und Staatsanwaltschaft in einer gemeinsamen Presseerklärung mit.

Zu den Hintergründen: Im Oktober 2019 hatten Ermittler des BKA ein kinderpornografisches Bild im Internet entdeckt. Eine Identifizierung des abgebildeten Kindes war anhand der Aufnahme jedoch nicht möglich. Die weiteren Untersuchungen führten die Ermittler jedoch zu einer Anschrift in Solingen. Dort durchsuchten Beamte des Polizeipräsidiums Wuppertal im Dezember 2019 die Wohnung eines 38-jährigen Tatverdächtigen. Bei den Durchsuchungsmaßnahmen wurden verschiedene Datenträger aufgefunden und sichergestellt. 

Nach einer technischen Sicherung und Aufbereitung der Daten fiel den Ermittlern im Rahmen der Auswertung am Dienstag ein Foto auf, das den Verdacht des sexuellen Missbrauchs der inzwischen 12 Jahre alten Tochter des 38-Jährigen begründet. Weitere Ermittlungen ergaben, dass sich der Beschuldigte aktuell mit seiner Ehefrau und zwei gemeinsamen Kindern (die 12 Jahre alte Tochter und einem 9 Jahre alten Sohn) auf einem Campingplatz in Rösrath aufhielt. Durch Einsatzkräfte der Polizei des Rheinisch-Bergischen-Kreises konnten der beschuldigte Vater, die Kindesmutter sowie die beiden Kinder auf dem Campingplatz angetroffen werden. 

Die Kinder wurden über die entsprechend zuständigen Jugendämter in Obhut genommen. Anschließend folgte eine umfangreiche Spurensuche auf dem Campingplatz, der zu diesem Zweck mit Unterstützung der örtlichen Feuerwehr ausgeleuchtet wurde. Steinplatten des Einstellplatzes wurden angehoben, der Pkw sowie der Wohnwagen sichergestellt. Parallel durchsuchten Ermittler die Wohnung und Kellerräume des Tatverdächtigen in Solingen, wo erneut verschiedene Datenträger (u.a. Laptops, Tablets, Handys, Festplatten) aufgefunden und sichergestellt wurden. Der Beschuldigte wurde am Mittwochvormittag von Rösrath nach Wuppertal überführt, seine ebenfalls beschuldigte Ehefrau nach Vernehmung entlassen. 

Auf Antrag der Staatsanwaltschaft Wuppertal wird der 38-Jährige am Mittwoch dem Haftrichter mit dem Antrag auf Erlass eines Haftbefehls vorgeführt. Beim Polizeipräsidium Wuppertal, Kriminalkommissariat 12, wurde eine Ermittlungskommission gegründet. 

Dem Beschuldigten droht für den Fall einer Verurteilung eine Freiheitsstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren. Die umfangreichen Ermittlungen dauern an. red

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) wird in der Debatte um das Strafmaß bei unterschiedlichen Formen von Kindesmissbrauch teils scharf kritisiert. Nun will sie einen Dialog zum Schutz vor Kindesmissbrauch ins Leben rufen, „der alle wichtigen Akteure an einen Tisch bringt“.

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