Selbstversuch

Mit dem Pedelec 261 Kilometer durch die Stadt

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Selbstversuch: Eine Woche Fotografen-Job mit dem S-Pedelec durch Solingen.

ST-Reporter Christian Beier hat den Selbstversuch gemacht. Fünf Tage hat er den Tageblatt-Dienst im Sattel absolviert.

Scheinbar mühelos mit dem Fahrrad im Berufsverkehr mitschwimmen. Distanzen zwischen der City, Ohligs, Gräfrath, Wald, Aufderhöhe und Burg durch den beherzten Tritt ins Pedal ökologisch korrekt meistern. Das alles mit der tickenden Uhr im Nacken, die schon den nächsten Termin ankündigt. „Geht das überhaupt?“, fragte sich Tageblatt-Fotoredakteur Christian Beier und ließ es auf einen Selbsttest ankommen.

Zugegeben wurde schnell klar, dass die gesteckten Ziele nur mit den trainierten Waden und der Kondition eines Profiradlers oder mit der beeindruckenden Unterstützung eines 500 Watt starken Motors und damit eines S-Pedelecs aus der Schweiz zu schaffen sind. Ein Pedelec, welches den Fahrer bis zu einer Geschwindigkeit von 45 km/h unterstützt.

Mit dem Rad bis nach Höhrath zum Feuerwehrensatz. Hier hatten in der Nacht Strohballen gebrannt.

Tag 1: 17 bis 21 Grad, starker Regenfall, 44 Kilometer Die Laune hätte besser sein können, als ich am Morgen aus dem Fenster gucke. Der Start in die Radelwoche hätte gerne mit Sonnenschein beginnen können. Nach den ersten Pedalumdrehungen steigt die Laune schlagartig. Die Kraft, mit der mich das „Stromer“ aus dem Alpenland unterstützt, ist gigantisch. Im Handumdrehen beschleunige ich mit der Unterstützung des Hinterradmotors auf die maximal erlaubten 45 Stundenkilometer. Die Katternberger Straße stadteinwärts zieht sich für gewöhnlich. Jetzt fliege ich scheinbar über den Asphalt. Damit ich nicht auf demselben lande, wollen die Scheibenbremsen bei regennasser Fahrbahn vorsichtig bedient werden.

Nach einem kurzen Besuch in der Redaktion ist ein Termin unter der Müngstener Brücke angesagt. Eine neue Geldnote mit Brücken-Motiv wird vorgestellt. Anschließend ist einiges in Ohligs zu fotografieren. Der Termin unter der Brücke ist im Kasten, die Steigung von Müngsten zurück zur Krahenhöhe ein Klacks. Über 30 Sachen fährt man hier locker bergauf. Ein tolles Gefühl!

Das Wetter hat sich stetig verbessert. Die nassen Regenklamotten bleiben bis zum Ende des Tages in der Satteltasche. So kann es weitergehen. Die Stippvisite in Ohligs ist schnell erledigt. Der Akku ist noch ein gutes Drittel gefüllt.

Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung

Tag 2: 15 bis 26 Grad, Sonnenschein, 58 Kilometer Bei strahlendem Sonnenschein macht die Fahrerei mit dem Stromer noch mal so viel Spaß. Leider muss ich heute erleben, dass nicht jeder Verkehrsteilnehmer Radfahrer ernst nimmt oder deren Geschwindigkeit richtig einschätzt. Auf der Beethovenstraße fährt ein Auto vor mir. Der Abstand ist ausreichend groß, meine Geschwindigkeit auf der Geraden recht hoch, als die B-Klasse plötzlich unvermittelt bremst, blinkt und sofort rechts in eine Einfahrt einbiegen will. Ich werde gezwungen, eine Vollbremsung hinzulegen, um dem Heck des Fahrzeugs im letzten Moment ausweichen zu können. Als der Fahrer mein blockierendes, quietschendes Rad hört, ruft er aus dem geöffneten Fenster: „Der Blinker war draußen.“ Das bringt mir leider nichts, weil er meine Geschwindigkeit komplett unterschätzt hat.

Verkehrserzieherin Katrin Grastat von der Polizei sagt hierzu: „Der Autofahrer nimmt nur einen einfachen Radfahrer wahr. Dass dieser jedoch aufgrund der Technik sehr schnell unterwegs ist, wird oft übersehen. Damit man als Radfahrer nicht so leicht übersehen wird, sollte stets auffällige, am besten reflektierende Kleidung getragen werden. So kann man auch dem Autofahrer helfen, dass er den Fahrradfahrer besser sieht.“

Tag 3: 22 bis 32 Grad, Sonnenschein und Hitze, 48 Kilometer Viel weiter weg kann mein erstes Ziel nicht entfernt sein. Heute Morgen geht es um 8.30 Uhr in den südöstlichsten Zipfel nach Höhrath. Dort war die Feuerwehr mit Nachlöscharbeiten beschäftigt, nachdem in der Nacht Strohballen gebrannt haben. Die Durchfahrt durch Unterburg ist wegen der Arbeiten am Eschbach gesperrt. Dank schlankem Zweirad ist es aber möglich, schiebend den Radweg zu benutzen, um am anderen Ende von Unterburg die Fahrt fortzusetzen.

Die Fahrzeit vom Katternberg nach Höhrath beträgt mit dem Stromer keine 30 Minuten. Durch die angeforderte starke Unterstützung des Motors geht die Ladestandsanzeige des Akkus schon ein gutes Drittel zurück. Insgesamt stelle ich fest, dass rund 60 bis 70 Kilometer mit Motorhilfe zu schaffen sind.

Als am Nachmittag alle Fotowünsche der Redaktion erfüllt sind, bin ich froh, den einsetzenden Sturm und Starkregen unter einem festen Dach zu erleben. Die letzte Fahrt an diesem Tag bei diesem fürchterlichen Wetter in den Ohligser Süden lege ich mit dem Auto zurück. Die Feuerwehr ist wegen vollgelaufener Keller im Dauereinsatz. Tag 4: 15 Grad, Dauerregen, Land unter, 53 Kilometer Eine laue Brise weht von der Nordsee rüber zum Radweg. Dieser führt am Strand entlang, hin zu einer gemütlichen Strandbude am Rande der Dünen, in der es die beste Sangria Zeelands gibt. Mit dem Gazelle-Hollandrad eine herrliche Fahrt, in kurzer Hose, T-Shirt und Flipflops.

Aber das verlängerte Wochenende am Meer war gestern. Heute grüßt die bergische Sommer-Realität zum Dienstbeginn. Der Blick auf das Thermometer und aus dem Fenster lässt schnell erkennen, dass Regenkleidung angesagt ist. Wie schön, dass beim kalten Dauerregen die lieben Kollegen fotografische Sonderwünsche aus Wilzhaus und Widdert haben.

Bei diesen Aussichten ist das einzig Positive, dass es mit dem Hightech-Rad schnell durch den Regen geht. Allerdings muss man bei hohen Geschwindigkeiten höllisch aufpassen. Das Runterbremsen von 45 auf null Stundenkilometer verlangt absolutes vorausschauendes Fahren und viel Gefühl am Bremshebel. Durchnässte Regenbekleidung bis zu den Schuhen und eine heiße Dusche läuten das Ende des Regenradelns ein.

Tag 5: 15 bis 22 Grad, bewölkt bis sonnig, 58 Kilometer Der letzte Tag der Radwoche hat begonnen. Die Fahrten zwischen Burg, Gräfrath, Merscheid, Hästen, Gräfrath und Höhscheid verlaufen ohne Zwischenfälle. Das Stromer werde ich ab morgen vermissen. Das Suchen nach einem geeigneten Mast, um das edle Teil anzuschließen, eher nicht.

Die oft weiten Entfernungen von Termin zu Termin konnte ich mit dem Rad schnellstens meistern. Dafür oder für lange Pendelstrecken ist ein S-Pedelec der richtige Begleiter.

Für alle, die es nicht ganz so eilig haben, reicht auch ein Fahrrad, das nur bis 25 km/h mit seiner Motorleistung unterstützt. Wichtig ist es dabei immer, den Ladezustand des Akkus im Auge zu halten. Wer merkt, dass die verbliebene Kapazität für den noch folgenden Weg nicht mehr ausreicht, schaltet die Unterstützung einfach eine Stufe runter.

Die Hilfe des 500 Watt starken E-Motors hat in dieser Testwoche jedenfalls nicht nachgelassen, technische Probleme oder gar Aussetzer gab es keine.

DAS TESTRAD

RAD Die Schweizer Firma Stromer stellte für diesen Test das S-Pedelec ST2 mit einer Unterstützung bis 45 km/h zur Verfügung. PREIS: 6490 Euro; für einen großen 983-Wh-Akku kommen 340 Euro obendrauf. TECHNIK Das Rad lässt sich mit dem Smartphone koppeln, sperren und man kann diverse Parameter ablesen. Außerdem kann es über GPS bei Diebstahl geortet werden. Über einen Touchscreen, der im Rahmen integriert ist, lässt sich das Stromer bedienen. ZULASSUNG Pedelecs brauchen eine Zulassung, einen Rückspiegel. Und es besteht Helmpflicht. Rad-, Waldwege oder die Trasse sind für das „Highspeed-Rad“ tabu. Der Fahrer braucht eine Fahrerlaubnis.

Am Abend reichten ein paar Stunden an der Steckdose und der Akku war wieder gefüllt. Laut Fahrradhändler Legewie kostet eine Ladung Strom je nach Akkugröße zwischen 10 und 20 Cent. Bei akzeptablem Wetter kann man dafür ruhig mal das Auto stehenlassen und auf das Rad umsteigen, wenn das nötige Kleingeld für ein Pedelec vorhanden ist.

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