Coronavirus

Öffentliches Leben erlahmt nur langsam

Um 11.30 Uhr zeigt Susanne Kirschner (oben rechts) noch, wie sie den Abstand von zwei Metern auf der Terrasse ihres Cafés an der Düsseldorfer Straße organisiert hatte. Kurz darauf musste auch sie endgültig schließen. Das Ordnungsamt war in allen Zentren unterwegs und schloss Geschäfte und Gaststätten. Blumen Risse in Ohligs verschenkte zuvor noch letzte Pflanzen.
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Das Ordnungsamt war in allen Zentren unterwegs und schloss Geschäfte und Gaststätten.

Die Behörden schließen Geschäfte und Gaststätten. Die Stadt setzte dies mittags um. Das ST schaute sich in Solingen um.

  • Das ST war in der Stadt unterwegs.
  • Für die Gastronomie kommt das vorläufige Aus.
  • Ordnungsdienst und Polizei informieren Ladenbesitzer.

Von Philipp Müller

Solingen. Es ist eine Mischung aus Katastrophen-Tourismus, Flanieren über den Boulevard und unverständlicher Sorglosigkeit. Anders kann man die Bilder um 16.30 Uhr rund um den Neumarkt nicht beschreiben. Es liegt zur Eindämmung der Corona-Pandemie die Ausgangssperre in der Luft. Vergeblich scheinen die Bemühungen der Behörden zu sein: Auf der einen Seite wird an die Vernunft der Menschen appelliert, zu Hause zu bleiben. Und auf der anderen Seite setzen Beamte ab dem Mittag hektisch die im Stundentakt kommenden Erlasse und Verfügungen des Landes NRW um.

Um 11.30 Uhr bietet sich auf der Friedrich-Ebert-Straße dieses Bild: Es sind vor allem die älteren Walder, die ihre Einkäufe erledigen und über die Straße marschieren. Dazwischen Mütter, die Kinderwagen vor sich herschieben. Auf dem Markt im Stadtteil sind höchstens 20 Kunden. Markt-Urgestein Jimmy lacht trotzdem. Es hat sich eine Schlange gebildet. Alle halten zwei Meter Abstand – vorbildlich. Doch symptomatisch ist ein anderes Bild: In einer dichten Traube stehen Jugendliche herum, es ist ja„schulfrei“.

Um 11.30 Uhr zeigt Susanne Kirchner noch, wie sie den Abstand von zwei Metern auf der Terrasse ihres Cafés an der Düsseldorfer Straße organisiert hatte. Kurz darauf musste auch sie endgültig schließen.

In Ohligs auf der Düsseldorfer Straße ist eine halbe Stunde später viel davon zu sehen, wie eine Stadt lernt, richtig Abstand zu halten. Es sind die Cafébesitzer, die ihre Tische auf große Abstände bauen. Doch Susanne Kirchner vom Café Kirchner erklärt auch: „Wir haben 90 Prozent Umsatzeinbruch.“ Vor den Cafés sitzen dann vor allem wieder die älteren Ohligser und nehmen ein Sonnenbad zum Cappuccino. Ein Straßenmusiker spielt dazu auf der Klarinette „O sole mio“. Es wirkt skurril, absurd und erschreckend zugleich. Und doch ist so wenig los, dass man denken mag, eigentlich könnte es so gehen.

Bei Blumen Risse werden vor dem Geschäft letzte Blumen verschenkt, der Laden darf schon nicht mehr öffnen. Der Markt Bazam Kasap hat das neue „Gold“ im Angebot: Toilettenpapier und Mehl. Doch die Ohligser City füllt sich mehr und mehr mit einfach nur flanierenden Menschen.

Gähnende Leere herrscht dagegen auf dem Spielplatz Engelsberger Hof, obwohl er nicht einmal abgeschlossen ist. Lediglich ein Junge radelt auf seinem Kinderrad durch den Park. In der Heide sind Spaziergänger unterwegs. Recht gut gefüllte Parkplätze legen dafür Zeugnis ab. Frische Luft tut gut – wenn man Abstand hält. Das gelingt dort. Im Müngstener Brückenpark aber nicht, dort füllt es sich nach 14 Uhr wieder fast wie zur Urlaubszeit.

In den Stadtzentren tauchen Beamte auf und schließen Läden

Blumen Risse in Ohligs verschenkte zuvor noch letzte Pflanzen.

Um die gleiche Zeit bricht in den Zentren Hektik aus. Plötzlich müssen nun doch fast alle Geschäfte schließen. Für die Gastronomie gilt das vorläufige Aus. Erneut hat das Land NRW eine Verfügung erlassen. Restaurantbetreiber Thorsten Steinhaus aus dem Südpark ist stinksauer: „Noch in der Nacht und am Morgen haben wir alle Nachrichten verfolgt und dann jetzt das, alles ohne Vorwarnung. Ein einziges Chaos.“ Er schließt, bevor das Amt anklopfen muss.

In der Innenstadt sind ebenfalls Behördenvertreter unterwegs und schließen Cafés und Einzelhandelsgeschäfte.

Und was macht die Bevölkerung? Auf einer Sitzbank vor einem geschlossenen Imbiss sitzen vier Jugendliche, essen und trinken. Flaneure lesen die Botschaften in den Geschäftstüren, warum sie schließen. Ein Vater hat zwei Kinder an den Händen und erklärt: „Jetzt ist alles zu, damit wir uns nicht anstecken.“  

NRW-VERFÜGUNG

LÄDEN SCHLIESSEN Um 12 Uhr wurde „zu kontaktreduzierenden Maßnahmen nach dem Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen“ informiert. Beamte des Kommunalen Ordnungsdienstes und die Polizei setzen sofort Ladeninhaber in Kenntnis.

Standpunkt: Die Ausgangssperre droht

Von Philipp Müller

philipp.mueller @solinger-tageblatt.de

Im Moment, in dem diese Zeilen entstehen, gab es noch keine Ausgangssperre. Aber sie droht. Das Verhalten der Bevölkerung lässt zur Eindämmung von Corona kaum andere Chancen. Da ist die Koalition der Verständigen, die alle Maßnahmen umsetzt – sogar in Kauf nimmt, dass durch das Infektionsschutzgesetz fast alle Freiheitsrechte außer Kraft treten. Dann ist da die Koalition der Gleichgültigen. Sie macht unbekümmert weiter, als drohe ihr nichts durch Sars CoV-2, das Corona-Virus. 

Eigentlich unfassbar in unserer gebildeten Republik. Aber da ist auch noch das Chaos beim Land NRW. Verfügungen werden munter erlassen, verschärft, nochmals umgeschrieben. Und die Stadt Solingen hetzt hinterher, steht wie der Dumme da. So geht Krisenmanagement nicht. Das führt auch zur Verschlechterung der Stimmung, weil keiner weiß, was gerade Sache ist

Aktuelle Informationen zu Entwicklungen rund um das Coronavirus in Solingen lesen Sie in unserem Live-Blog.

In der Corona-Krise arbeiten Beschäftigte in Supermärkten am Limit. Verdi fordert für sie besseren Schutz.

Prof. Dr. Winfried Randerath, Chefarzt in Bethanien, appelliert, Rücksicht zu nehmen: „Abstand halten ist der sicherste Schutz“.

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