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Wie mich Corona (fast) zur Joggerin machte

Die Laufschuhe standen ewig im Schrank. Jetzt zeigen sie Gebrauchsspuren.
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Die Laufschuhe standen ewig im Schrank. Jetzt zeigen sie Gebrauchsspuren.

Ich hasse Laufen. Punkt. Warum ich es trotzdem tat, kläglich scheiterte und am Ende feierte wie ein Ironman-Sieger.

Der Tragödie erster Teil: Die Sporthallen sind zu, der Trainingsbetrieb eingestellt. Für alle bergischen Amateursportler war das natürlich eine Hiobsbotschaft, obgleich sich schnell Verständnis einstellte. Da zu diesem Zeitpunkt Mitte März noch nicht feststand, dass auch die Saison abgebrochen werden würde, beschlossen wir in einer letzten Teambesprechung, uns vorsichtshalber fit zu halten. Das Trainerteam kündigte an, uns Aufgaben zu schicken. In der ersten Nachricht dann der Schock: Mindestens zwei Mal die Woche eine Runde Joggen. Mindestens 5 Kilometer. "Davor lohnt sich das Schuhebinden ohnehin nicht", schrieb mein Trainer. Ich musste lachen. Nicht nur innerlich, sondern sehr laut.

Ich bin eine miserable Läuferin. In meiner Handballmannschaft bin ich wohl die mit der schlechtesten Kondition. Kurzum: Ich hasse Laufen. Zumindest am Stück. Am Wochenende, wenn es auf dem Feld in der Kreisliga zur Sache geht, ist es der Teamgeist gepaart mit ein wenig Adrenalin, der mich durchhalten lässt. Aber Joggen? Ich spielte mit dem Gedanken, es einfach sein zu lassen. Wer sollte mir meine Faulheit schließlich nachweisen? Die Zeiten sind doch schon hart genug – muss ich mich jetzt auch noch selbst quälen?

Schließlich war es eine Mannschaftskameradin, die zufällig auch meine Schwester ist, die mich dazu überredete, auf dem Sportplatz ein paar Runden zu versuchen. Was soll ich sagen? Es war eine Farce. Am Ende standen 3,2 Kilometer zu Buche, von denen ich die Hälfte nicht gelaufen sondern gegangen war. Bitter, aber vorhersehbar. Trotzdem dokumentierte ich diesen kläglichen Versuch auf meinem Instagram-Account, um wenigstens den Anschein zu erwecken, dass ich mich bewegt hatte. Als Reaktion kassierte ich das ein oder anderen vor Lachen weinende Emoji.

Laufen: Wenn Lunge und Waden gleichermaßen brennen

Und dann kam die Sperrung der Sportplätze. Tja blöd, kann ich wohl nicht mehr Laufen gehen, redete ich mich raus. Das war eine eklatante Fehleinschätzung, denn prompt entgegnete meine Laufpartnerin: Dann eben Wupperhof. Einer der, wenn nicht der Klassiker unter den Solinger Laufstrecken. Panik stieg in mir hoch. Ich begann zu schwitzen, ohne einen Meter gerannt zu sein. Böse Erinnerungen ereilten mich, hatten mich doch bei meiner letzten Wuperhof-Runde vor einem Jahr, zwölf Bremsenstiche an den Rand eines allergischen Schocks gebracht. True Story. Außerdem kann man hier nicht einfach abbrechen und zurück zum Auto gehen. Da muss man durch. "Für Bremsen ist es noch zu kalt", beruhigte mein Laufbuddy mich und die Runde sei ja auch zum Spazieren schön. Aus der Nummer kam ich nicht mehr raus. Also runter zur Wupper. Dort wartete mein Endgegner.

Es kam, wie es kommen musste: Nach 1,5 Kilometern war Schluss. Lunge und Waden brannten gleichermaßen. Bitter, aber vorhersehbar. Auch die nächsten Versuche blieben enttäuschend. An einem Tag kam mir meine Laufpartnerin, die längst uneinholbar über alle Berge war, entgegen getrabt. Sie habe gucken wollen, ob ich unterwegs irgendwo zusammengeklappt war. Der absolute Tiefpunkt. Aber auch der Punkt, an dem sich etwas veränderte. Ich weiß nicht genau warum, aber plötzlich packte mich der Ehrgeiz. Ich passte meine Ziele an, begann in Etappen zu denken

Laufen: Der Tiefpunkt - Oder: Der Punkt, an dem der Ehrgeiz kommt

Zuerst schaffte ich es bis zur Brücke, beim nächsten Mal bis über die Brücke. Da hinten, der Baum, bis zu dem hälst du heute durch. Und dann schaffst du das Waldstück auch noch. Von mal zu mal kam ich ein Stück weiter, lernte mein Tempo einzuschätzen und meine Kraftreserven einzuteilen, freute mich über jeden Meter Fortschritt. Als ich die 3,8 Kilometer-Runde zum ersten Mal komplett schaffte, feierte ich innerlich, als hätte ich den Ironman gewonnen. Für einen echten Siegerjubel fehlte mir die Kraft. Doch das Schuhebinden hatte

In Corona-Zeiten gibt es Footshake statt Highfive.

sich noch immer nicht gelohnt.

Der Tragödie - die keine mehr war - zweiter Teil: Die schlimmste Phase war vorbei. Nach ein paar Wochen Quälerei hatte ich den Wupperhof besiegt. 3,8 Kilometer hat die Strecke, die wir uns ausgesucht hatten. Doch damit es sich lohnt, sollten es nach Trainerangaben ja mindestens 5 Kilometer sein. Das nächste Ziel war gesteckt. Damit dieser Versuch gelang, beschloss ich, es langsam angehen zu lassen. Bevor die Distanz also erhöht werden sollte, nahm ich mir vor, die gewohnte Runde noch zwei Mal souverän durchzulaufen – was ich auch tat und vor einigen Woche im Leben nicht für möglich gehalten hätte.

Als die Sportplätze Mitte Mai wieder geöffnet wurden, trafen wir uns morgens noch vor der Arbeit dort. Die Kulisse ist zwar weit weniger schön als in den Wäldern an der Wupper, doch der ebene Boden und der gleichmäßige Belag entpuppten sich als Wohltat für die Gelenke. Elf Runden schaffte ich beim ersten Versuch – 4,4 Kilometer. Jetzt war es nicht mehr weit. Beim zweiten drohte mir nach zehn Runden die Puste auszugehen, was ich mal auf Heuschnupfen und starken Gegenwind schiebe. 

Laufen: Warum sich das Schuhebinden gelohnt hat

Ich riss mich zusammen und zog durch – 5 Kilometer. Die Erleichterung, die man in diesem Moment spürt, sei jedem zu empfehlen. Das Schuhebinden hatte sich endlich gelohnt. Mittlerweile war mir der Spruch aber egal. Genauso, dass andere in der Zeit schon 10- und 15-Kilometer-Läufe absolviert hatten, wovor ich größten Respekt habe. Für mich hatte sich jedes einzelne Schuhebinden gelohnt. Denn schlussendlich hatte ich es nicht irgendwem bewiesen, sondern nur meinem Schweinehund und mir.

An dieser Stelle geht ein großer Dank raus an meine Teamkollegin, Schwester und Laufpartnerin, die mich gezwungen, aber nicht gequält, die mich motiviert und angefeuert hat. Ich kann es kaum erwarten, bis wir wieder in den bergischen Handballhallen zusammen auf dem Feld stehen.

Liebe Amateursportler, haltet durch! Bald sehen wir uns alle in den Hallen, auf den Plätzen und auf den Tribünen dieser Welt wieder. sk

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Laufen: Was gibt es sonst noch beim ST?

In 194 Tagen bis zum Berlin-Marathon: Der frühere ST-Volontär Gordon Binder-Eggert berichtet von seinem Training für die Königsdisziplin. Start als blutiger Anfänger.

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