Montagsinterview

Paul J.J. Welfens: Warum Johnsons Politik dumm ist und warum ihm die Inflation „in Grenzen“ Sorge bereitet

Prof. Dr. Paul J. J. Welfens ist unter anderem Präsident des Europäischen Instituts für internationale Wirtschaftsbeziehungen. Archivfoto: Björn Boch
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Prof. Dr. Paul J. J. Welfens ist unter anderem Präsident des Europäischen Instituts für internationale Wirtschaftsbeziehungen.

Prof. Dr. Paul J. J. Welfens über den Corona-Schuldenberg und Herausforderungen für die Weltwirtschaft

Von Manuel Böhnke

Herr Prof. Welfens, die Inflationsrate ist mit 4,1 Prozent so hoch wie seit 28 Jahren nicht mehr. Versetzt Sie diese Entwicklung in Sorge?

Prof. Dr. Paul J. J. Welfens: In Grenzen ist das Anlass zur Sorge – zeitweise über vier Prozent monatliche Inflationsrate ist ungewöhnlich, zumal das Phänomen neue Inflation ja 2021 in fast allen westlichen Industrieländern aufgetreten ist. Zugleich liegt hier ein Argument, das die Inflationssorge dämpfen kann. Denn in 2020 ist wegen der Corona-Weltrezession die Inflationsrate weltweit enorm gedämpft worden.

Die Besonderheiten des Jahres 2020, die in einigen Ländern sogar negative Inflationsraten brachten, sind also mit zu bedenken. Die Inflationserhöhung von 2021 ist zum Teil ein Spiegelbild der sehr niedrigen Inflationsrate im Vorjahr. Allerdings sind die Zentralbanken in den USA, Großbritannien, der Eurozone und Japan aufgefordert, die Geldpolitik mittelfristig vorsichtiger als bisher zu dosieren, damit die bisher niedrigen Inflationsraten-Verankerungen bei den Erwartungen von Haushalten und Unternehmen auch stabil niedrig bleiben.

Welche weiteren Gründe gibt es für das Steigen der Inflationsrate? Welche Rolle spielen die Corona-Pandemie und die steigenden Energiepreise?

Prof. Welfens: Da im Zuge eines weltweiten Nach-Corona-Aufschwungs die Nachfrage weltweit fast auf allen Märkten ansteigt, ist die starke Erhöhung der Erzeuger- und Verbraucherpreise nicht erstaunlich. Steigende Energiepreise spielen gerade in der Eurozone beziehungsweise Deutschland 2021 und wohl auch 2022 eine Rolle. Hier wirkt in Deutschland als ein Treiber für erhöhte Inflation auch der politisch gesetzte CO2-Preis außerhalb des EU-Zertifikatehandels eine wichtige Rolle. Da mittelfristig das Angebot an erneuerbaren Energien weltweit zunehmen wird, sollte der Preisdruck im Energiesektor mittelfristig nachlassen.

Und wie wird sich die Inflationsrate in den kommenden Monaten entwickeln?

Prof. Welfens: Eine Inflationsrate von knapp über vier  Prozent für einige Monate ist zu erwarten, im Jahresverlauf wird die durchschnittliche Inflationsrate eher bei drei Prozent liegen.
Alle Montagsinterviews des ST finden Sie hier.

Inwiefern könnte Inflation dem Staat helfen, die in der Corona-Pandemie aufgenommenen Schulden abzubauen?

Prof. Welfens: Kurzfristig kann eine höhere Inflationsrate für den Staat in seiner Netto-Schuldnerposition – ähnlich wie die Unternehmen – einen zeitweiligen Inflationsvorteil haben. Sollten allerdings die Inflationserwartungen in der Eurozone ansteigen, so wird es keinen Vorteil geben.

Welche anderen Möglichkeiten gibt es, vom Corona-Schuldenberg herunterzukommen?

Prof. Welfens: Mehr Wirtschaftswachstum– allerdings sollte dies klimafreundlich sein – kann helfen, den staatlichen Schuldenberg zu mindern. Es ist aber keine einfache Aufgabe, auf klimafreundliche effiziente Wachstumspolitik umzustellen. Dazu müsste der EU-Zertifikatehandel deutlich ausgeweitet werden. Bisher werden die Sektoren Industrie und Energie abgedeckt, was gut 40 Prozent der CO2-Emissionen entspricht. Kalifornien, das zunächst den EU-Zertifikatehandel nachgebaut hat, deckt über 80 Prozent der Emissionen ab – dabei ist der CO2-Zertifikatepreis weniger als halb so hoch wie in der Eurozone.

Was müsste besser laufen?

Prof. Welfens: Wenn man, wie ich in meinem Buch „Klimaschutzpolitik“ schon 2019 vorgeschlagen habe, den EU-CO2-Zertifikatehandel mit dem in Kalifornien zu einem gemeinsamen Markt integriert, dann wird es für die Eurozone beziehungsweise die EU in Sachen CO2-Bepreisung billiger und zugleich fürs Klima besser. Die Politik in Deutschland und der EU wird hoffentlich bei internationalen Verhandlungen die von mir erwähnten, wichtigen innovativen Punkte aufnehmen. Für die neue Bundesregierung ist das unerlässlich, wenn der Koalitionsvertrag wirklich Klimaneutralität und Innovation sinnvoll betonen will. Den Zertifikatehandel sollte man im Übrigen bei Gewerbeimmobilien – wie schon das Beispiel Japan – gezeigt hat, anwenden – und zwar mit einem ehrgeizigen jährlichen Minderungsziel von etwa acht Prozent, wie das seitens der Politik vorgegeben wurde.

„Die Brexit-Politik von Boris Johnson ist ökonomisch dumm und moralisch unvertretbar.“

Paul J.J. Welfens

Könnte das auch ein Modell für Privathaushalte sein?

Prof. Welfens: Das kann ich nicht empfehlen, da private Haushalte anders als Unternehmen nicht gewohnt sind, mit großen Schwankungen bei Preisen, also bei Energiepreisen und den CO2-Zertifikatpreisen, optimal umzugehen. Mieten, in die die Haushaltsenergie-Preise für Strom und Heizen eingehen, können aus politischen Gründen nicht plötzlich massiv hochgehen. Also ist hier eine CO2-Steuer, die der Staat festsetzt, sinnvoll. Diese kann der Staat alle drei Jahre nach einer einfachen Formel moderat – und vorhersehbar – erhöhen.

Weltfinanzkrise, Eurokrise, Brexit, die finanziellen Belastungen wegen der Corona-Pandemie. Die Weltwirtschaft kommt in den vergangenen knapp 15 Jahren nicht zur Ruhe. Was sind in Ihren Augen in den kommenden Jahren die größten Herausforderungen?

Prof. Welfens: Die Weltfinanzkrise ist nicht dauerhaft überwunden. Es fehlen Reformen, etwa für ein qualitativ besseres Rating: also die Arbeit der Rating-Agenturen zur Einschätzung der Qualität von Anleihen. Die Eurokrise könnte in neuer Form wiederkommen, wenn die US-Staatsverschuldung weiter massiv ansteigt und über nationale und globale Zinserhöhungen den Druck auf Länder wie Italien und Griechenland verstärkt, mit deutlich höheren Zinsausgaben umzugehen.

Die neue Bundesregierung ist gefordert, mit Italien und anderen Ländern einen EU-Reformprozess zugunsten von mehr „grünem Wachstum“ und solider Finanzpolitik auf den Weg zu bringen. Die Corona-Pandemie sollte sich weltweit eindämmen lassen, was ökonomisch global stabilisierend wäre. Mehr Lizenzen westlicher Impfstoffe für Schwellenländer sind wünschenswert, damit auch im Süden der Weltwirtschaft der Impfprozess schneller vorangeht.

Was den Brexit angeht, so zeigt die unmögliche Situation in Großbritannien bei den Tankstellen, Teilen der Lebensmittelversorgung und dem Problem, dass man wohl abertausende Schweine notschlachten muss, weil es wegen der politischen Vertreibung von osteuropäischen Arbeitnehmern zu wenig Metzgerpersonal gibt, dass die Brexit-Politik von Premierminister Boris Johnson ökonomisch dumm und moralisch unvertretbar ist. Für Deutschland ist der Brexit ein ökonomischer Dämpfungseffekt, für Großbritannien sowieso.
Schon 2018 hatte Welfens beim ST-Uni-Vortrag vor den negativen Brexit-Folgen gewarnt.

Worauf kommt es jetzt an?

Prof. Welfens: Die größte Herausforderung für Deutschland und die EU besteht darin, mit der neuen Biden-Administration in den USA, China plus Indien sowie Russland gut zusammenzuarbeiten. Die G20-Kooperation ist gerade beim Thema Klimaneutralität unbedingt gefordert. Auch hier wird die neue Bundesregierung zeigen müssen, dass technologischer Klimafortschritt international möglich sein wird. Schließlich stehen viele westliche Großunternehmen vor einem Management-Versagen, das den Aufschwung in der Wirtschaft stört, nämlich die Probleme etwa der Autoindustrie beim rechtzeitigen Chip-Einkauf. Da werden Millionen Autos weltweit im vierten Quartal 2021 nicht produziert werden können, weil der Einkauf in Dutzenden Großunternehmen geschlafen hat. Eine kritische Diskussion hierzu ist überfällig, zumal die quasi künstlich begrenzte Welt-Autoproduktion gerade auch die Autopreise unnötig hochtreibt. Die Politik sollte hier kritische Worte an die Verantwortlichen in der Autoindustrie richten – und Europa sollte sich Mühe geben, besser als die USA, Japan und China zu sein.

Zur Person: Prof. Dr. Paul J.J. Welfens

Prof. Dr. Paul J. J. Welfens ist Präsident des Europäischen Instituts für Internationale Wirtschaftsbeziehungen (EIIW) an der Bergischen Universität Wuppertal. Außerdem ist er Inhaber des dortigen Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Makroökonomische Theorie und Politik sowie Jean-Monnet-Professor für Europäische Integration. Der 64-Jährige ist der international meistpublizierte deutsche Ökonom.

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