Interview

Jürgen Hardt: „Indien reicht dem Westen die Hand“

In Indien sprach der bergische Bundestagsabgeordnete Jürgen Hardt (CDU), außenpolitischer Sprecher seiner Fraktion, mit Vertretern der Regierung über deren Beziehung zu Russland. Im Interview erklärt er, warum deutsche Firmen in Indien investieren sollten.
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In Indien sprach der bergische Bundestagsabgeordnete Jürgen Hardt (CDU), außenpolitischer Sprecher seiner Fraktion, mit Vertretern der Regierung über deren Beziehung zu Russland. Im Interview erklärt er, warum deutsche Firmen in Indien investieren sollten.

Jürgen Hardt über indisch-chinesische Differenzen, das Loslösen von Russland und Chancen für die Wirtschaft.

Von Björn Boch

Herr Hardt, wie laufen die Bemühungen des Westens, Indien von seiner engen Bindung an Russland zu lösen?

Jürgen Hardt: Natürlich habe ich mit Außenminister Jaishankar in erster Linie über die Frage der Abhängigkeit Indiens von Russland gesprochen. Ich habe gefragt, welches Russland eigentlich der Freund Indiens sei: das alte Sowjet-Russland, das Russland, das Anfang der 2000er in die Demokratie aufbrach – oder das zunehmend stalinistische, diktatorisch regierte Russland von heute.

Was hat er geantwortet?

Hardt: Es sei eine traditionelle Bindung. Russland habe Indien in den 60er Jahren konkret geholfen gegen China, als niemand sonst Indien helfen wollte. Energie- und rüstungspolitisch habe man sich stark an Russland orientiert. Der Krieg gegen die Ukraine sei aus indischer Sicht vergleichsweise weit weg, während China als konkrete Gefahr in direkter Nähe liege. Daher habe man keine so kritische Position wie der Westen.

China und Russland nähern sich doch gerade an.

Hardt: Das sieht man in Indien – und ist irritiert. Ebenso von Signalen Chinas und Russlands an den Westen und die Völkergemeinschaft in Bezug auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Ich glaube, dass Indien seine formale Neutralität nicht aufgeben wird. Es gibt aber starkes Interesse daran, engere Bindungen zu Europa und Amerika zu knüpfen.

In welchen Bereichen?

Hardt: Natürlich im Bereich Rüstung. Es ist ein dringender Wunsch, bei der Technologie von der hohen Abhängigkeit von Russland, die bei 60 Prozent liegt, wegzukommen. Indien will aber auch dem deutschen Weg nacheifern, hohe Sozialleistungen und hohe Löhne zu zahlen und trotzdem wettbewerbsfähig zu sein, was wir durch Bildung und Cleverness hinkriegen. Ich plädiere dringend dafür, dass die EU die Beziehungen zu Indien ausbaut – bis hin zu einem Handelsabkommen, das vergleichbare Abkommen in der Region einbezieht.

Indien wird bald das bevölkerungsreichste Land der Welt – ein wichtiger Markt.

Hardt: Premier Modi spricht von 1,3 Milliarden Menschen, Experten sagen, dass die Zahl überschritten ist und Indien kommendes Jahr an China vorbeizieht. Allerdings wächst das Land nicht so schnell wie früher – ohne so drastische Maßnahmen wie die Ein-Kind-Politik bei den Kommunisten in China. Die Chinesen werden große demografische Probleme kriegen. In Indien dagegen steigt das Bildungsniveau und Frauen nehmen mehr am Erwerbsleben teil. Damit gehen mehr Gedanken über die Familienplanung einher.

Indien will wachsen und mehr Wohlstand. Wie können wir das Land in die Bemühungen um das Klima einbinden?

Hardt: Ich war vor zwölf Jahren zum ersten Mal in Indien, bereits damals war das Land einer der Fürsprecher des UN-Klimaprozesses. Die Rede von Modi zu 75 Jahre Unabhängigkeit bezog sich in vielen Teilen auf den Klimawandel. Leider ist die Energieerzeugung im Augenblick stark fossil getrieben – Kohle und Öl. Sie setzen aber mehr Gas ein, was aus Sicht der Umwelt ein Fortschritt ist. Und sie wollen Solar- und Windkraft intensiv nutzen.

Und Atomkraft.

Hardt: Und zwar sehr intensiv. Modi plädiert aber auch für einen stärkeren Einsatz ökologischer Landwirtschaft. Indien exportiert heute schon sehr viele Nahrungsmittel. Die Armut dort ist also keine Frage der Ressourcen, sondern eine Frage der Verteilung und der traditionellen Systeme.

Welche Rolle spielen die Kasten noch?

Hardt: Das Land ist reich an Ideen, Kreativität und Dynamik. Die Spitze der Beamtenschaft und die Offiziere haben ein ähnlich hohes Bildungs- und Befähigungsniveau wie bei uns. Was anders ist: Es gibt ein großes Korruptionsproblem und Vetternwirtschaft. Im Gegensatz zu China wird das aber angesprochen und es wird dagegen demonstriert. Was die Kasten angeht, gibt es sehr unterschiedliche Aussagen. Niedere Kasten werden bevorzugt bei der Einstellung in den Staatsdienst und beim Zugang zu Universitäten, es gibt Quoten. Problem: Die Bürger werden gläserner und müssen Kastenzugehörigkeit beim Staat angeben. Aber auch das wird intensiv diskutiert in Indien – ein gutes Zeichen.

Ein Musterland der Demokratie ist Indien noch nicht.

Hardt: Indien ist in vielen Bereichen so, wie man sich das vorstellt. Es gibt eine Menge Viertel in den Städten, in denen man sich fragt, wie die Menschen da leben können. Es ist eine vordringliche Aufgabe aus Sicht der Regierung, die Menschen in vernünftigen Wohnraum zu kriegen, Häuser mit Strom und Kanalisation. Es gibt eine ungeheure Dynamik. Und es ist so viel bunter und vielfältiger als China.

Indien feierte jüngst 75 Jahre Unabhängigkeit. Am Rande der Feiern empfing der indische Außenminister Subrahmanyam Jaishankar den bergischen Bundestagsabgeordneten Jürgen Hardt.

Inwiefern?

Hardt: In China kann ich mir Städtenamen nicht merken, weil es überall gleich aussieht und man überall die gleichen, vorgefertigten Antworten hört. Indien ist deutlich freier, auch wenn die individuelle Freiheit noch nicht unsere westlich-abendländischen Maßstäbe erreicht hat. Wieder der Vergleich mit China: Man bedenke, unter wie viel schlechteren Bedingungen deutsche Unternehmen vor Jahrzehnten dort investiert haben – und wie glücklich sie damit heute sind.

Oder genau nicht? Es gibt zumindest viel Kritik.

Hardt: Aber es ist enorm profitabel. Wenn Volkswagen nicht vor Jahrzehnten in China investiert hätte, würden sie heute nicht den größten Teil ihres Profits dort erwirtschaften. Und so wird das auch bald in Indien sein. Davon bin ich fest überzeugt.

Welche Rolle muss der Konflikt mit Pakistan bei all den Überlegungen spielen?

Hardt: Er ist sehr präsent. Es gibt zwei Konflikte, bei denen Indien Teil der Lösung sein muss, weil es Teil des Problems ist. Das eine ist die seit 75 Jahren schwierige Grenzziehung zwischen Indien und Pakistan im Bereich Jammu und Kashmir. Das andere ist der ungeklärte Grenzverlauf mit China. Nicht wenige denken, dass Xi Jinping davor zurückschreckt, den Konflikt mit Taiwan eskalieren zu lassen. Weil er sich aber innenpolitisch profilieren muss, könnte er auf einen Grenzkonflikt mit Indien zusteuern.

Da wird Indien sicher nicht einfach zusehen.

Hardt: Ich glaube, dass man Teile der Regierung Modi sehr sorgfältig beobachten und kritisch hinterfragen muss. Er will ein stärkeres, nationales Selbstbewusstsein, ein stärker hinduistisches Indien. Dies von vornherein als Nationalismus zu bezeichnen, geht zu weit. Allein der klar erkennbare Wunsch einer stärkeren Westorientierung Indiens ist ein Handreichen, das wir annehmen sollten.

Persönlich

Jürgen Hardt ist seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages und seit 2015 außenpolitischer Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion. 2021 verlor er erstmals die Direktwahl im Wahlkreis Solingen – Remscheid – Wuppertal II gegen Ingo Schäfer (SPD), zog aber über die Landesliste in den Bundestag ein. Hardt ist 59 Jahre alt, verheiratet und hat eine Tochter.

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