Sensation

Durch Zufall entdeckt: Das älteste Wohnhaus Solingens steht in Ohligs

Durch eine Untersuchung des Holzes konnte das Alter des Gebäudes bestimmt werden, erklärten die beiden Denkmalpflegerinnen Karin Nowak (2. v. r.) und Mona Lohrengel vor Ort.
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Durch eine Untersuchung des Holzes konnte das Alter des Gebäudes bestimmt werden, erklärten die beiden Denkmalpflegerinnen Karin Nowak (2. v. r.) und Mona Lohrengel vor Ort.

Fachwerkhaus aus dem frühen 15. Jahrhundert wird von den Eigentümern mit viel Liebe restauriert.

Von Holger Hoeck

Solingen. Kabel, Bretter und Werkzeug bahnen sich den Weg vom Außenbereich ins Erdgeschoss des Hauses am Schnitterter Weg 18. Bei der Nutzung der steilen wie schmalen Treppe ins Obergeschoss sind Aufmerksamkeit und feste Handgriffe am Geländer unbedingt von Vorteil. Auf beiden Etagen werkeln fleißige Handwerker, damit sich die jetzige Baustelle bald in einen Fachwerkhaus-Wohntraum verwandelt. Zuletzt stellten Denkmal-Fachleute das Alter des Gebäudes fest.

Denn während der Sanierung wunderte sich das zuvor im Allgäu lebende Paar über teilweise außergewöhnlich dicke Holzbalken. Eine Untersuchung durch das Amt für Denkmalpflege ergab, dass das Wohnhaus, das zusammen mit den Gebäuden Schnitterter Weg 14 und 16 eine Zeilenbebauung bildet, in vier Bauphasen erstellt wurde und der Kernbau mit einem Grundriss von 4 mal 4 Metern und einer Höhe von mindestens 9 Metern ungewöhnliche Proportionen ausweist.

Bäume für die verbauten Balken wurden im Jahr 1405 gefällt

Der Gebäudezuschnitt führte schließlich zu der Vermutung, dass das Hausdenkmal früher ein frei stehender, mehrgeschossiger Wehrspeicherbau war, der gewaltsames Einbrechen, das es auch schon im späten Mittelalter gab, erschweren sollte. Das Obergeschoss konnte den Hofbewohnern bei einem Überfall Schutz bieten.

Mona Lohrengel, Abteilungsleiterin der städtischen Unteren Denkmalbehörde, und die technische Mitarbeiterin Karin Nowak konnten bei einer Ortsbegehung weiteres Sensationelles berichten. „Wir kannten bisher auf Solinger Stadtgebiet nur gemauerte Wehrspeicher, sogenannte Steingaden. Ein Wehrspeicher aus Fachwerk stellt daher eine Besonderheit dar. Eine dendrochronologische Bestimmung, also die Altersbestimmung mithilfe der hölzernen Jahresringe, ergab dann schließlich das Jahr 1405 als Fälljahr der Bäume. Damit handelt es sich beim Kernbau des Hauses um den ältesten nachgewiesenen Profanbau in Solingen“, vermeldete Nowak. Zudem sei sicher, dass das Obergeschoss des benachbarten Gebäudes als Schule genutzt wurde und es somit eine der ältesten Schulen Solingens darstellt.

Seit August 2020 ist der denkmalgeschützte, jahrhundertealte Bau im Besitz von Marie Güthues und Markus Wolfegg. Das junge Paar weiß, dass noch jede Menge Fremd- und Eigenleistung bis zum Einzug notwendig sind, der im absoluten Idealfall Ende des Jahres erfolgen soll. „Wir haben die Rohbauarbeiten sowie die Fundamente selber übernommen und den Umgang mit Lehm gelernt. Wir machen alles so, wie es sich nach unserer Meinung bei einem Fachwerk gehört“, erklärt die 32-jährige Marketing-Expertin, für die sich mit dem Einzug die eigene Familiengeschichte schließt.

Im Fachwerkhaus von Markus Wolfegg und Marie Güthues wurden gewaltige Holzbalken verbaut.

„Das Haus hatte anscheinend mein Urgroßvater in den 1960ern erworben; danach hat immer jemand aus meiner Familie hier gewohnt, zuletzt meine Großtante. Als sie 2019 verstarb, kam das Haus in den Besitz einer Erbengemeinschaft, aber keiner der sieben Personen wollte es letztlich übernehmen.“ Bei der ersten Besichtigung um Weihnachten 2019 machte das historische Gebäude keinen attraktiven Eindruck. „Es war viel Schimmel im ganzen Haus, und manche Teile waren wegen Einsturzgefahr nur provisorisch abgesichert. Es war nahezu eine Ruine“, pflichtet der Lebenspartner bei. Doch gerade das war der Anreiz. „Da es niemand wollte, haben wir gesagt: Dann nehmen wir es!“ Geplant ist nun, das Haus mit seinen 240 Quadratmetern Wohnfläche in zwei Wohneinheiten aufzuteilen, von denen eine vermietet werden soll.

Trotz noch monatelang andauernder Arbeiten und Eigenkosten im hohen sechsstelligen Bereich freuen sich Marie Güthues und Markus Wolfegg bereits jetzt auf ihren Alltag im Baudenkmal, in das nicht nur mit einer Fußbodenheizung auch die Moderne einziehen wird. „Wir waren vielleicht etwas naiv, dieses Vorhaben zu realisieren, und wussten auch nicht, was auf uns zukommt. Aber wir haben das Potenzial des Hauses erkannt und sind nun sehr glücklich, hier zu sein“, betont Güthues.

Termin

Unter dem Motto „KulturSpur. Ein Fall für den Denkmalschutz“ kann das Baudenkmal am „Tag des offenen Denkmals“, 11. September, 11 bis 15 Uhr, besichtigt werden. Weitere Objekte, die die Untere Denkmalbehörde in diesem Jahr vorstellt, sind die Hofanlage Keusenhof 17/19 (10 bis 14.30 Uhr) und das Fachwerkhaus in Unterburg, Schlossbergstraße 6, 11 bis 15 Uhr). Die Objekte sind nicht barrierefrei.

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