Schließung der St. Lukas Klinik

„In der Gesundheitsbranche führt Konkurrenz zu einem unnötigen Kampf“

In der St. Lukas Klinik in Ohligs arbeiten rund 550 Menschen. Betriebsbedingte Kündigungen aufgrund des Umzugs nach Hilden seien derzeit nicht geplant, heißt es von der Kplus Gruppe. Foto: Christian Beier
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In der St. Lukas Klinik in Ohligs arbeiten rund 550 Menschen. Betriebsbedingte Kündigungen aufgrund des Umzugs nach Hilden seien derzeit nicht geplant, heißt es von der Kplus Gruppe.

Andreas Degelmann, Sprecher der Geschäftsführung der Kplus Gruppe, über die Schließung der St. Lukas Klinik.

Von Björn Boch

Herr Degelmann, im neuen Krankenhaus in Hilden wird es ab 2026 weniger Betten geben als bisher in Ohligs und Hilden gemeinsam. Warum bedeuten weniger Betten nicht automatisch schlechtere Versorgung?

Andreas Degelmann ist Sprecher der Geschäftsführung. Archivfoto: mis

Andreas Degelmann: Die Bedeutung der Bettenanzahl hat – mit Ausnahme der Betten mit spezieller Ausstattung wie auf der Intensivstation – in den letzten 15 Jahren deutlich abgenommen. Eine gute medizinische Versorgung ergibt sich aus den Fachärzten, der Zusammenarbeit der Disziplinen, den Fachkräften der Pflege, der medizinischen Ausstattung und einem patientenorientierten Ambiente. Die Aufenthaltsdauer der Patienten im Krankenhaus ist stark gesunken, was auf den medizinischen Fortschritt, bessere Behandlungsmethoden und Medikation zurückzuführen ist. Gleiches gilt für die Ambulantisierung von Leistungen, die seit Jahren stark anzieht und deutlich wachsen wird. Deswegen entstehen überall ambulante OP-Zentren. Wir prognostizieren einen deutlich geringeren Bettenbedarf bei gleichbleibender Fallzahl. Auch der Masterplan des Städtischen Klinikums Solingen geht übrigens von weniger benötigten Betten aus.

Sie schließen betriebsbedingte Kündigungen derzeit aus. Wieso braucht es trotz weniger Betten die gleiche Anzahl von Mitarbeitern?

Degelmann: Wir planen derzeit keine betriebsbedingten Kündigungen. Wir haben enormen Bedarf an Fachkräften in der Pflege, der Medizin, aber auch in der Verwaltung und Dokumentation. Alle Krankenhäuser stoßen an ihre Grenzen. Diese Entwicklung wurde durch Personalvorgaben nochmals deutlich verschärft. Wir wollen die heutigen Teams der Fachabteilungen der St. Lukas Klinik umziehen. Nicht nur bei den Ärzten, auch bei den Pflegekräften gibt es Spezialisierungen. Wir brauchen unsere Teams etwa in der Neurologie, der Mund-, Kiefer- und Plastischen Gesichtschirurgie, der Stroke Unit (Schlaganfallzentrum, d.Red.), der speziellen Viszeralchirurgie. Und wir brauchen diese Expertisen in der Behandlung und Pflege auf der Intensivstation, der Notaufnahme und in Ambulanzen. Das wissen unsere Mitarbeitenden. Ich glaube, es gibt eine hohe Motivation in den nächsten Jahren, gemeinsam unseren neuen Standort mitzugestalten und dann umzuziehen.

St. Lukas Klinik gibt Ohligser Standort auf - Wechsel nach Hilden

2020 betrug der Gewinn der Kplus Gruppe 5,56 Millionen Euro, auch aufgrund von Corona-Zahlungen. 2019 – vor der Pandemie – betrug der Kplus-Verlust 5,36 Millionen Euro. 2,35 Millionen Euro des Verlustes entfielen allein auf St. Lukas. Welche Rolle haben diese Zahlen für die Entscheidung gespielt?

Degelmann: Bei der Standortfrage geht es um die zukünftige Finanzierbarkeit von Investitionen. Diese haben wir analysiert und die Lösung ausgesucht, welche die Patientenversorgung auf gleichem Niveau sicherstellt und wirtschaftlich umsetzbar ist.

Eine Sanierung im Bestand ist nicht möglich. Wie konnte es zu einem Sanierungsstau in Ohligs kommen, so dass – wie Sie formulierten – „alle vier Wochen ein Wasserrohrbruch“ auftritt?

Degelmann: Nach 60 Jahren hat ein Krankenhausgebäude seinen Dienst getan, auch wenn es regelmäßig instandgesetzt wurde. Das Gleiche sehen wir am Städtischen Klinikum in Solingen. Dort wird eine Finanzierung eines Neubaus durch die Stadt zur Verfügung gestellt. Wir sind auf Mittel des Landes angewiesen, das für die Investitionsfinanzierung von Krankenhäusern zuständig ist. Herr Laumann hat da in den letzten Jahren sehr viel bewegt, dafür bin ich dankbar. Aber den Stau der letzten 40 Jahre kann auch er mit den jetzigen Maßnahmen nicht aufholen. Wir bitten das Land um Unterstützung für unseren Bau in Hilden und sind auch darauf angewiesen. Ein Teilneubau und eine kluge Nutzung bestehender Strukturen führt zu einer besseren und schnelleren Umsetzung unseres Vorhabens.

„Mittel für Investitionen werden seit Jahrzehnten nicht ausreichend zur Verfügung gestellt.“

Andreas Degelmann, Sprecher der Geschäftsführung der Kplus Gruppe

Wie sieht die Zusammenarbeit im Bereich der Neurologie mit dem Städtischen Klinikum konkret aus? Welche Verbesserungen wollen Sie damit für die Patientinnen und Patienten erreichen?

Degelmann: Durch den Umzug der Neurologie und der überregionalen Stroke Unit nach Hilden verändert sich die Patientenversorgung in der Region nicht. Wir haben heute im Stadtgebiet Solingen mit 160 000 Einwohnern eine durchschnittliche rechnerische Fahrzeit bei neurologischen Notfällen von 14,5 Minuten, im Kreis Mettmann für 485 000 Einwohner eine Frist von 17,1 Minuten. Zukünftig werden es 15,1 Minuten für Solingen sein und 16,1 Minuten für den Kreis Mettmann. Für beide Bereiche ist die St. Lukas Klinik schon heute allein zuständig. Patienten, die östlich des Klinikums heute einen neurologischen Notfall haben, werden in der Regel auf dem schnelleren Weg nach Wuppertal oder Remscheid gebracht.

Und die kommen dann künftig ins Städtische Klinikum?

Degelmann: Dort gibt es zurzeit eine kleine neurologische Einheit. Diese wollen wir als Kplus zu unserer Dependance ausbauen. Damit reduzieren wir die Rettungsfrist in wirklich dringenden Fällen im östlichen Solingen auf unter neun Minuten, was eine echte Verbesserung ist. Mit diesem gemeinsamen Vorschlag der Kplus Gruppe und des Städtischen Klinikums verbessert sich die Patientenversorgung.

Welche Schwerpunkte werden in Hilden gebildet?

Degelmann: Wir haben einen gemeinsamen Vorschlag erarbeitet, welchen wir bei den bald beginnenden regionalen Verfahren der Krankenhausplanung NRW vorlegen wollen. Damit ordnen wir den heutigen Schwerpunkten weitere Leistungen zu und sichern die lokale Versorgung in allen Bereichen. Konkurrenz belebt das Geschäft, sagt man. Aber in der Gesundheitsbranche führt es nur zu einem unnötigen Kampf um Personal, Fälle und Ressourcen und dient der Patientenversorgung eben nicht. Wir haben einen gemeinsamen Versorgungsauftrag mit unterschiedlichen Spezialisierungen zu erfüllen und tummeln uns nicht auf einem freien Markt für Gesundheitsdienstleistungen. Konkurrenz wollen wir für die Zukunft abstellen, und ich bin den Entscheidern aufseiten des Städtischen Klinikums dafür dankbar. Alle profitieren. Die Patienten, die Mitarbeitenden und die Krankenhäuser.

Solinger Vertreter verschiedener Parteien fürchten Versorgungsengpässe.

Degelmann: Der Kreis Mettmann ist der am dichtesten besiedelte Landkreis Deutschlands. Er hat 320 Betten pro 100 000 Einwohner. Die Stadt Solingen weist 664 Betten auf 100 000 Einwohner auf. Von einer drohenden Unterversorgung kann also nicht die Rede sein. Diese Zahlen sind öffentlich und auch bei Politikern und Parteien bekannt.

Wie reagieren Sie auf die Kritik, dass auch bei einem kirchlichen Träger bei der Gesundheitsversorgung wirtschaftliche Aspekte dominieren?

Degelmann: Die Kplus Gruppe ist ein gemeinnütziges Unternehmen, das keine Gewinne ausschüttet und keine maximale Gewinnabsicht hat. Wenn wir einen Gewinn verzeichnen, dann wird dieser reinvestiert. Seit 2017 hat die Kplus Gruppe aber keine Gewinne aus eigener Kraft erzielt. Das liegt an der Kleinteiligkeit der Strukturen und zu vielen Standorten in einem engen Umfeld. Dies wollen wir ändern, damit wir weiter für die Bevölkerung da sein können. Mit Kirche hat das nichts zu tun. Die Kplus Gruppe will transparent, beständig, konsequent und verlässlich sein. Das sind Werte, die unterstützbar sind.

Welche Rolle spielt die Finanzierung von Krankenhäusern durch die öffentliche Hand bei der Konzentration von Standorten?

Degelmann: Wir haben einen Strukturfondsantrag für den Umzug nach Hilden gestellt. Diese Fördermittel stehen explizit auch für Standortkonzentrationen zur Verfügung. Wir haben ein grundsätzliches Problem bei der Investitionsfinanzierung von Krankenhäusern in NRW, da die notwendigen Mittel seit Jahrzehnten nicht ausreichend zur Verfügung gestellt werden. Investitionsbedarfe stauen sich an und verschwinden nicht einfach. Die Schmerzgrenze ist erreicht. Das ist auch eine Erkenntnis aus der Corona-Pandemie. Die heutige Landesregierung hat reagiert, es gab schon lange nicht mehr so viele Fördermittel wie in den letzten vier Jahren. Erste Amtshandlung des Gesundheitsministers war ein Sofortprogramm über eine halbe Milliarde Euro. Das war 2017. Dafür bin ich ihm noch heute dankbar. Wir brauchen aber jedes Jahr mindestens zwei bis dreimal so viele Mittel, um den Rückstau abzubauen. Der betrifft übrigens auch Digitalisierung, Nachhaltigkeitsanforderungen, Aus- und Fortbildungen und die Schnittstellen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung.

Welche Probleme gibt es derzeit in der Finanzierung des Gesundheitswesens und wie könnte eine Lösung oder zumindest Verbesserung aussehen?

Degelmann: Die Probleme sind nicht aktuell, sondern 40 Jahre alt. Seit 1973 gibt es eine duale Finanzierung. Die Krankenkassen sind für die Kosten der Behandlung zuständig und die Bundesländer für die Investitionskosten. Die stationäre Gesundheitsversorgung ist eine hoheitliche Aufgabe der Länder und wird von den Krankenhausträgern stellvertretend übernommen. Keine der großen Parteien kann behaupten, jemals eine langfristige Klärung über die gesetzlich vorgeschriebene Investitionsfinanzierung herbeigeführt zu haben. Erst die jetzige Landesregierung hat es zumindest versucht – zuletzt vorige Woche mit 192 Millionen Euro für alle Krankenhäuser in NRW.

St. Lukas / Kplus

Struktur: 29 Einrichtungen gehören zur Kplus Gruppe – darunter viele Standorte der Altenpflege, die St. Lukas Klinik in Ohligs, das St. Josefs Krankenhaus in Hilden, das St. Josef Krankenhaus in Haan sowie zwei Häuser in Leverkusen (Opladen und Wiesdorf) – die Leverkusener Standorte spielen für die Gesundheitsversorgung im Raum Solingen im Gegensatz zu Haan und Hilden aber nahezu keine Rolle.

Gesellschafter: Teilhaber der Kplus Gruppe GmbH sind die katholischen Kirchengemeinden und das Erzbistum Köln.

Umzug: In der St. Lukas Klinik in Ohligs gibt es derzeit rund 300 Betten, dazu kommen rund 180 in Hilden. Ist der Neu- und Umbau abgeschlossen, sollen insgesamt „mehr als 300 Betten in Hilden“ betrieben werden.

www.kplusgruppe.de/medizinkonzept

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