Impfstoff aus Solingen für kränkelnde Innenstädte

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Die Woche

Von Stefan M. Kob

Das umstrittene Thema Cityverkehr ist um eine Volte reicher: Die Stadtverwaltung zog im Verkehrsausschuss ihre eigene Vorlage zurück. Die hätte das Stückwerk mit dem nächsten unausgegorenen Puzzleteil weiter verschlimmbessert. Es wird das Geheimnis der Verkehrsplaner bleiben, warum sie auf diesem hochbrisanten Politikfeld mit einer solchen Vorlage überhaupt in Erscheinung getreten sind. Als Entschuldigung kann man höchstens anführen, dass der anstehende Bau der Stadt-Sparkasse am Neumarkt jetzt bestimmte Vorfestlegungen nötig macht.

Aber man kann es als ein hoffnungsvolles Zeichen sehen, dass die Politik trotz höchst unterschiedlicher Vorstellungen über die künftigen Verkehrsströme einstimmig das Planungsmodell ablehnte und auf ein stimmiges Gesamtkonzept dringt. Die Lösung des gordischen Knotens wird dabei nicht einfach. Denn es ist eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Wie verändert sich das Mobilitätsverhalten der Bevölkerung in den nächsten 20 Jahren? Wie verändert sich die Struktur der Innenstadt in den nächsten 20 Jahren? Welche Ansprüche an Ruhe und Urbanität, Erreichbarkeit und Bequemlichkeit resultieren daraus? Eins allerdings ist heute schon klar, dass beide Extreme – Autos rein oder Autos raus – falsch sind.

Das Veränderungspotenzial ist gewaltig. Und damit das Spektrum der Meinungen, mit welchen Rezepten man das Ziel erreicht, einen gesunden, lebenswerten und attraktiven Kern von Solingen zu erhalten. Oder besser: zu schaffen.

Die Herausforderungen treffen längst nicht nur für Solingen zu. Die aktuelle Studie „Vitale Innenstädte” des Kölner Instituts für Handelsforschung zeigt auf, dass die Pandemie den ohnehin schon fahrenden Zug Richtung Einkauf im Internet in einem nicht für möglich gehaltenen Maße beschleunigt hat. Er wird sich auch nach dem Lockdown nicht mehr stoppen lassen. Insbesondere die jungen Leute, und damit die maßgeblichen Käuferschichten von morgen, fühlen sich nicht mehr zu einem Stadtbummel animiert. Nur noch 16 Prozent der angetroffenen Innenstadtbesucher waren unter 25 Jahre alt – und das war vor der zweiten Welle. Allein diese Analyse zeigt, dass man die Zukunft nicht mehr mit den Rezepten von gestern gestalten kann. Da trifft es sich gut, dass sich Solingen bereits lange vor der Pandemie auf den Weg gemacht hat. Wieder ein „Solinger Weg”, der aber im Gegensatz zum Schulstreit das Interesse und Wohlwollen der Landesregierung geweckt hat. Die fördert das Projekt „City 2030” maßgeblich. Es geht dabei nicht darum, wie man wieder mehr Einzelhandel in den Kern bringt. Vielmehr darum, wie man diesen Kern umwandelt. Nicht mit einem weiteren Hofgarten oder einer revitalisierten Clemens-Galerie. Sondern, indem man einen Mix schafft, den man sich nicht im Paket nach Hause liefern lassen kann: wohnen, sehen, schmecken, riechen, erleben, unterhalten, begegnen, genießen – diese Verben gehören in den Baukasten der Zukunftsplaner. Die „Gläserne Werkstatt” im Appelrath-Cüpper-Haus könnte dabei so eine Art Versuchslabor werden, in dem ein Impfstoff für kränkelnde Citys entwickelt wird.

Rührende Solidarität: Handwerkerschaft sammelt für notleidende Friseure.

Kardinal Woelki spaltet katholische Gemeinde – nicht nur in Solingen.

stefan.kob @solinger-tageblatt.de

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