Die Woche von Stefan M. Kob

Immer mehr Verordnungen werden uns nicht retten

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stefan.kob@solinger-tageblatt.de

Vorvergangene Woche haben wir uns mit Blick auf das Risikogebiet Remscheid noch gefragt, wann die Welle zu uns über das Tal der Wupper schwappt.

Doch inzwischen ist Solingen Spitze in NRW bei der Corona-Inzidenz – eine Top-Platzierung, auf die wir gerne verzichtet hätten. Die Kurve der Infizierten kennt nur eine Richtung: steil nach oben. Leider sind es nicht nur die horrenden Zahlen, die – zumindest teilweise – noch mit mehr Tests erklärbar wären. Es nehmen aber auch die schweren Verläufe deutlich zu, die in der Klinik behandelt werden müssen.

Auf die Frage nach dem „Warum“ finden die Experten nicht wirklich erschöpfende Antworten. Solingen ist nicht gerade für überquellend belebte Plätze oder krasse Partymeilen bekannt. Auch kann man der Stadt keine Lässigkeit vorwerfen. Die Regeln der NRW-Coronaschutzverordnung werden konsequent umgesetzt – im Zweifel sogar schärfer als rein formal notwendig. Mann und Maus telefonieren den Infektionsketten hinterher, einzig die versprochene Bundespolizei lässt nach wie vor auf sich warten, um die Einhaltung der Vorschriften besser kontrollieren zu können.

Dabei stoßen wir mit unserem, in der deutschen DNA verankerten Regelungswahn immer mehr an die Grenzen der Akzeptanz. Wer die in Solingen gültigen Regeln nicht nur alle kennen, sondern auch noch befolgen will, sollte unsere Zusammenstellung immer gefaltet bei sich tragen. Und wie es bei mit heißer Nadel gestrickten Regelwerken oft so ist, erschließt sich der Sinn mancher Vorschrift nicht. 22 Mann dürfen auf dem Bolzplatz gemeinsam schwitzen, wenn sie aber anschließend zu mehr als zu fünft beieinanderstehen, ist das ein Fall für die Corona-Polizei. Und natürlich ist die Ansteckungsgefahr bei einer Vereinsversammlung mit Vorstandswahlen genauso groß wie bei einer mit Martinsgans-Essen, obwohl das eine erlaubt ist und das andere nicht.

Was aber ist die Konsequenz? An gar nichts mehr halten und statt des Mundschutzes den Aluhut aufziehen? Wohl kaum, dazu ist die Gefahr zu konkret und zu bedrohlich. Denn wenn die Zahlen weiter exponentiell in die Höhe schnellen, stehen wir bald wieder vor einem (Teil)-Lockdown mit unübersehbaren, katastrophalen Folgen für Wirtschaft, Arbeitsplätze und unser ganzes Leben.

Was mehr hilft als jede Sperrstunde und jede Verordnung ist die Einsicht in unser Verhalten. Das Infektionsgeschehen spiegelt ganz deutlich, dass die Gefahr weniger im gut geregelten öffentlichen Raum lauert, sondern viel mehr in den eigenen vier Wänden, beim Treffen mit Freunden und Verwandten, bei Feiern zu den verschiedenen Anlässen oder beim gemeinsamen Sport. Jeder sollte sich selbst fragen: Muss das im Moment wirklich sein, egal, ob es formal erlaubt ist oder nicht? Die vielzitierte Eigenverantwortung, mit der wir regelverliebten Deutschen so unsere Probleme haben, wird am Ende entscheiden: Schaffen wir die Wende oder führt uns unsere Sorglosigkeit in den Abgrund?

TOP Solingen bundesweit Nr. 1 bei Elektrobussen.

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