Montagsinterview

Jan Höttges: „Ich vermisse den großen Wurf für die City“

Jan Höttges war 16 Jahre lang Vorsitzender des Initiativkreises Solingen. Nun stellt er sich nicht mehr zur Wahl. Morgen soll bei der Hauptversammlung ein Nachfolger gefunden werden. Archivfoto: Christian Beier
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Jan Höttges war 16 Jahre lang Vorsitzender des Initiativkreises Solingen. Nun stellt er sich nicht mehr zur Wahl. Morgen soll bei der Hauptversammlung ein Nachfolger gefunden werden.

Der scheidende Initiativkreis-Vorsitzende Jan Höttges über Geldverschwendung, Verkehrsplanung und die Sommerparty.

Das Gespräch führte Björn Boch 

Herr Höttges, Sie hören nach 16 Jahren als Vorsitzender des Initiativkreises auf. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Jan Höttges: Durchwachsen. Es hat Spaß gemacht, es gab viele positive, motivierende Themen. Es gab aber auch Ziele, die ich nicht erreicht habe.

Beginnen wir mit dem Positiven: Was haben Sie erreicht?

Höttges: Wir haben Kräfte gebündelt und sind schlagkräftiger geworden. Ich kam eher zufällig ins Amt, weil ich in Sorge war um die Innenstadt und „Solingen und Design“ veranstaltet hatte. Daraufhin wollten mir Immobilieneigentümer aus der City Geld für die Umsetzung von Ideen anvertrauen – das wurde über den Initiativkreis verwaltet, der ohnehin einen neuen Vorsitzenden suchte. Wir haben verschiedene Initiativen zu einem Verein zusammengeführt, das ist heute der W. I. R. (Werbe- und Interessenring Solinger Innenstadt). Wir haben dann gesagt, dass wir uns auch für die anderen Zentren verantwortlich fühlen. Nur bei Ohligs hat das etwas länger gedauert. Wann wurde der Bahnhof in Hauptbahnhof umbenannt?

Das war 2006. Wieso?

Höttges: Ich habe das Gefühl, dass sich Ohligs erst damals Richtung Solingen geöffnet hat. Es ist aber gelungen – auch in anderen Stadtteilen. Da haben wir erreicht, was wir wollten: gemeinsam die Interessen des Handels vertreten. Das waren, auch in der Kooperation mit der Stadt, tolle Jahre – etwa mit den Bewerbungen für „Ab in die Mitte“. Da haben wir drei- oder viermal gewonnen. Und nicht zu vergessen die Regionale 2006 mit der ersten Sommerparty.

Die wurde ja schnell zur Institution.

Höttges: Wir haben sofort gemerkt: Dieses Fest wollen wir machen! Eine Feier mit Niveau und Qualität. Vorher gab es einige Stadtfeste, die waren unsäglich, das sage ich ganz offen. Die Sommerparty von „Echt.Scharf.Solingen“ ist eine Erfolgsgeschichte, die hoffentlich weitergeht. Und die es uns ermöglicht hat, die erste Lichternacht zu finanzieren. Jetzt leuchten viele verschiedene Stadtteile, die wir finanziell weiter unterstützen.

Klingt nach einer tollen Bilanz. Was haben Sie nicht erreicht?

Höttges: Bei den Themen Verkehrsfluss oder Erreichbarkeit der Innenstadt hatten wir viele Gespräche mit den immer gleichen Leuten, die zu nichts führten. Da waren wir nicht stark genug. Ich habe drei Oberbürgermeister in vollen Amtsperioden erlebt. Leider ist die Kommunikation immer schlechter geworden. Das mag zum Teil daran liegen, dass ich eine kritische Person bin. Das ist auch ein Grund für meinen Rücktritt: Neue Besen kehren gut. Mein Nachfolger muss eine andere Ebene mit einigen Akteuren der Verwaltung finden.

„Wer glaubt, mit Zwang Konsumenten dazu bewegen zu können, mit dem ÖPNV in die City zu fahren, der irrt.“

 Wie bewerten Sie „City 2030“ und den geplanten Umbau der Innenstadt?

Höttges: Bei den Beratungen waren wir nur ein Anhängsel. Unsere Anmerkungen fanden keinen Niederschlag. Das motiviert nicht gerade.

Was stört Sie am meisten?

Höttges: Zahllose Chancen wurden verpasst, die Innenstadt attraktiv zu machen – in einer Gemengelage von Verordnungen und dem Bemühen, Fördergeld einzusammeln. Es ist zwar toll, wenn die Stadt Geld bekommt, aber wenn das gebunden ist an Maßnahmen, die nicht förderlich sind, führt das zu Fehlentwicklungen. Auf den Rat der Gewerbetreibenden wird weniger vertraut als auf die eigene Verwaltung.

Haben Sie ein Beispiel?

Höttges: Wenn man jetzt feiert, dass das Kieserling-Areal und das Omega-Gelände verkauft werden, um vor allem Wohnraum zu schaffen: Das haben wir vor zehn Jahren vorgeschlagen, noch vor dem ersten Wettbewerb, der zu nichts führte. Überhaupt, diese Wettbewerbe: Die Büros werden oft nicht ergebnisoffen gebrieft, sondern erhalten viele Vorgaben. Dazu kommt die schlechte Umsetzung von guten Ideen. Der neue Coworking-Space etwa an der Linkgasse: Von außen sieht es genauso aus wie zu Zeiten der Elefanten-Apotheke. Die Schilder sind sogar noch da. Welcher Gründer zieht denn da ein? Seit zwölf Jahren kämpft der Initiativkreis für eine Gestaltungssatzung, die unter anderem dazu verpflichtet, alte Werbeschriften zu entfernen. Passiert ist nichts.

Wenn Sie freie Hand hätten, was würden Sie angehen?

Höttges: Der Verkehrsfluss aus der City und in die City muss verändert werden. Wer glaubt, mit Zwang Konsumenten dazu bewegen zu können, mit dem ÖPNV in die City zu fahren, der irrt. Wenn die Innenstadt nicht gut zu erreichen ist, orientieren sich die Konsumenten um. Ich vermisse da den Masterplan: auch mal auf Fördergeld verzichten und mit Investoren gemeinsam planen.

„City 2030“ soll doch genau dieser große Wurf sein.

Höttges: Das ist verschwendetes Geld. Im Kern ändert sich nichts an den Strukturen. Die ganze Bebauung ist nicht mehr zeitgemäß, es gibt zu wenig Grün. Da muss grundsätzlich neu geplant werden. Die Stadt muss zu den Eigentümern gehen und sagen: So könnte das bald aussehen. Die Regionale 2006 war eine Höchstleistung. So etwas vermisse ich derzeit. Bei aller Kritik will ich aber sagen: Das sind gut gemeinte Vorschläge. Wir arbeiten immer mit dem Ziel, für Solingen etwas Positives zu schaffen.

Eines Ihrer Herzensthemen ist die Digitalisierung. Wie weit sind Sie da gekommen?

Höttges: Das ist meine persönliche Niederlage. Ich habe es nicht geschafft, Verständnis bei den Händlern für die Wichtigkeit der Digitalisierung zu schaffen und zu einer gemeinsamen Vorgehensweise zu bündeln. Unsere Online-Plattform böte Händlern und Kunden fantastische Möglichkeiten und wäre in unserer Zeit wichtiger denn je. Ich sehe den nächsten Lockdown kommen, und dann stehen die üblichen Verdächtigen da und sagen: „Wir haben ja nichts im Internet.“ All die Läden, die sich online nicht gut aufstellen, stehen auf der Liste der bedrohten Arten, obwohl das nicht notwendig wäre. Die Werkzeuge sind da, es fehlt das Verständnis der Akteure.

Und woran liegt das?

Höttges: Ich weiß es nicht. Es ist eine große Chance, gemeinsam für Solingen und für sich selbst etwas zu erreichen. Auch für die Darstellung der Stadt wäre das wichtig. Echtes Stadtmarketing gab es ja lange nicht. Ein großes Lob an Tim Kurzbach, dass hier Weichen in eine andere Richtung gestellt wurden. Beim Tourismus passiert aber nach fünf Jahren noch zu wenig, nehmen wir die Beschilderung von Wanderwegen. Das Beispiel führt mich leider wieder dazu, wie Eigeninitiative manchmal ausgebremst wird: Wir wollten Joggingstrecken ausschildern und hatten Sportvereine als Paten für die Betreuung. Die Stadt hat uns zurückgepfiffen und wollte das selbst machen. Das gibt es aber bis heute nicht.

Wie sehr schmerzte Sie der Sommer ohne Sommerparty?

Höttges: Das war grausam. Für mich war es immer eine große Freude, das Fest in einem tollen Team vorbereiten zu dürfen und umsetzen zu können. An dieser Stelle möchte ich auch noch einmal allen Sponsoren, die uns lange die Treue gehalten haben, meinen Dank aussprechen. Ohne diese Unternehmer hätte das nicht geklappt. Ich hoffe, es geht weiter. Das Fest bleibt in meinem Kalender, Urlaub gibt es da nicht. Und die nächste Party kann ich ganz entspannt verfolgen.

Jan Höttges und der Initiativkreis

Jan Höttges: Der 56-Jährige hat BWL studiert und ist Partner in einer Bonner Unternehmensberatung. Er ist verheiratet. Auch weil er keine Kinder habe, habe er der Gemeinschaft etwas zurückgeben wollen und sich ehrenamtlich engagiert. 16 Jahre lang war er Vorsitzender des Initiativkreises Solingen. Morgen soll sein Nachfolger gewählt werden.

Initiativkreis: Der Verein will „Solingen lebenswerter machen“. Ursprünglich wurde er gegründet als „Beteiligungsvehikel der Bevölkerung“ (Höttges) für die Umgestaltung des Mühlenplatzes und den Bau der Clemens-Galerien. Der Verein, der derzeit 21 Mitglieder hat, engagiert sich nicht nur für Mitte.

www.initiativkreis-solingen.de

Die große weite Welt des Internets will der Initiativkreis Solingen auf die lokale Ebene herunterholen. Jan Höttges, der Vorsitzende der Vereinigung der Händlergemeinschaften spricht von „einem mächtigen Tool“, dass der Partner Avaco aus Bad Honnef entwickelt habe.

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