Interview

Horst Koss: „Armut höhlt unsere Demokratie aus“

Knapp 30 Jahre lang war Horst Koss Diakonie-Geschäftsführer. Heute ist er Vorsitzender des Sozialausschusses. Foto: Michael Schütz
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Knapp 30 Jahre lang war Horst Koss Diakonie-Geschäftsführer. Heute ist er Vorsitzender des Sozialausschusses.

Horst Koss (SPD), Vorsitzender des Sozialausschusses, über den neuen Sozialbericht.

Herr Koss, jüngst hat die Verwaltung den Sozialbericht 2020 mit dem Schwerpunkt Armut vorgelegt. Wie zufrieden sind Sie als Vorsitzender des Sozialausschusses mit der fast 250 Seiten starken Ausarbeitung?
Horst Koss: Ich beginne mit etwas Positivem: Es ist begrüßenswert, dass der Bericht stadtdienstübergreifend erarbeitet wurde. Viele Abteilungen haben daran mitgewirkt.
Aber?
Koss: Kritisch sehe ich, dass seit der Veröffentlichung des bisher letzten Sozialberichts mehr als zehn Jahre vergangen sind. Das zeigt, dass es in Solingen keine Tradition für Sozialberichterstattung in dieser Form gibt.
Frank Knoche, der sozialpolitische Sprecher der Grünen, ist nach der jüngsten Sitzung des Sozialausschusses deutlich geworden. Er sagt, der Bericht relativiere und verschleiere Armut.
Koss: Der politische Auftrag für den Bericht wurde im März 2019 erteilt. Es wäre gut gewesen, wenn die Verwaltung den langen Zeitraum seitdem für Gespräche mit Kirchen und Wohlfahrtsverbänden genutzt hätte. Dadurch wäre ein eindeutigeres Fazit möglich gewesen, wie es um das Thema Armut in Solingen bestellt ist. Nun müssen wir nachträglich in der politischen Diskussion viele Punkte herausarbeiten. Vor diesem Hintergrund ist die Kritik meiner Einschätzung nach zu sehen.
Was sind für Sie die zentralen Erkenntnisse des Sozialberichts?
Koss: Viele Solinger leben in Armut. Fast 14 Prozent sind auf Sozialhilfe angewiesen, knapp 15 Prozent überschuldet. Diese Zahlen schreien nach einer dringenden Aufarbeitung.
Ab wann gilt ein Mensch als arm?
Koss: Es gibt offizielle Definitionen, die zwischen relativer und absoluter Armut unterscheiden. Das sind für mich akademische Formulierungen, die wenig greifbar sind. Fakt ist: Ein geringes Einkommen zu haben, bedeutet fehlende soziale und kulturelle Teilhabe. Wo die spürbar ist, ist auch Armut spürbar.
Kulturelle und soziale Teilhabe – was bedeutet das konkret?
Koss: Nehmen wir einfache Beispiele: Familien, die nicht wissen, wie sie die Klassenfahrt der Kinder oder einen Kinobesuch bezahlen sollen. Bei solchen, eigentlich alltäglichen Fragen fallen viele Menschen aus dem Raster.
Wer ist in Solingen besonders von Armut betroffen?
Koss: Mir liegt das Thema Kinderarmut besonders am Herzen. In diesem Bereich sind die Zahlen erschreckend. Die Quote der Kinder, die in SGB-II-Bedarfsgemeinschaften leben, ist seit 2012 steigend. Fast jedes fünfte Kind unter drei Jahren und knapp jede fünfte Person unter 18 Jahren waren davon Ende 2018 betroffen.
Welche Faktoren begünstigen diese Entwicklung?
Koss: Kinderarmut ist eigentlich Familienarmut. Rund ein Drittel der Familien mit zwei Erwachsenen und drei Kindern ist von Armut bedroht. Bei Alleinerziehenden liegt die Quote bei mehr als 40 Prozent.
Ein räumlicher Schwerpunkt von Armut in Solingen ist die Stadtmitte. Dort sind besonders viele Menschen auf Sozialhilfe angewiesen.
Koss: Es stimmt, dass sich aus dem Sozialbericht räumliche Schwerpunkte ablesen lassen. Da landet man schnell beim Thema bezahlbarer Wohnraum. Menschen mit geringem Einkommen können sich schlicht nicht überall in Solingen eine Wohnung leisten. Sie ziehen dorthin, wo die Mieten erschwinglich sind. Wollen wir die Ballung bestimmter sozialer Gruppen in gewissen Gebieten vermeiden, müssen wir Stadt- und Sozialplanung viel enger verzahnen.
Welche Forderungen haben Sie darüber hinaus, um Armut zu bekämpfen?
Koss: Wir müssen dringend in eine systematische Sozialplanung eintreten. Alle zehn Jahre einen Sozialbericht vorzulegen, ist zur Entwicklung einer politischen Strategie nicht effektiv. Die Zahlen müssen kontinuierlich fortgeschrieben werden. Sie dienen als Bestandserhebung, aus der sich Bedarfe ableiten lassen. Daraus folgen schlussendlich konkrete Maßnahmen. Dieser Dreiklang muss das Ziel sein.
Haben Sie schon konkrete Maßnahmen im Kopf?
Koss: Die Quartierentwicklung zu stärken, ist ein wichtiger Aspekt. Weitere Punkte sind beispielsweise Offene Jugendarbeit, Kita-Versorgung und Schulentwicklungsplanung. Außerdem müssen wir Angebote wie die Jugendhilfewerkstatt fördern, um jungen Menschen mit besonderem pädagogischen Unterstützungsbedarf zu helfen. Aus dem Sozialbericht geht hervor, dass 9,1 Prozent der Solinger ab 15 Jahren keinen Schulabschluss haben. Deutschlandweit liegt der Wert bei 4,8 Prozent.
Die aktuellsten Daten im Sozialbericht sind von Ende 2018. Damals war die Corona-Krise noch kein Thema. Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf die Armut in Solingen?
Koss: Das ist abschließend bisher nicht zu bewerten. Experten gehen davon aus, dass die Spitze des Eisbergs noch lange nicht ersichtlich ist. Eine Verbesserung der Situation ist nicht zu erwarten – im Gegenteil. Umso größere Bedeutung hat die systematische Sozialplanung, wie ich sie fordere. Dafür braucht es die entsprechenden Ressourcen. Wir sollten bereit sein, diese in die Hand zu nehmen. Auch im Sinne der Demokratie.
Inwiefern?
Koss: Armut höhlt unsere Demokratie aus. Arme Menschen bleiben Wahlen deutlich häufiger fern als Personen mit hohem Einkommen. Dieser Aspekt allein sollte Anlass genug sein, um zu sagen: Beim Kampf gegen Armut müssen wir deutlich besser werden.
Knapp 30 Jahre lang waren Sie Geschäftsführer der Diakonie. Nach Renteneintritt haben Sie gewissermaßen die Seiten gewechselt und engagieren sich seitdem als Sozialpolitiker. Wie kam es dazu?
Koss: Ich wurde angesprochen, ob ich meine Berufserfahrung nicht in die Politik einbringen möchte. Für mich bietet sich dadurch die Gelegenheit, mich weiterhin für Sozial- und Jugendhilfe einzubringen. Sich mit der Lebenssituation anderer Menschen auseinanderzusetzen, ist in meinen Augen das wichtigste Thema überhaupt. Diese Leidenschaft endet nicht mit dem Renteneintritt.

Zur Person

Horst Koss (SPD) ist 68 Jahre alt und lebt mit seiner Frau in Wald. Das Ehepaar hat drei erwachsene Kinder. Knapp 30 Jahre lang war der studierte Sozialarbeiter Geschäftsführer der Solinger Diakonie, rund 15 Jahre in der Geschäftsführung des Theodor-Fliedner-Heims. Heute ist Koss Vorsitzender des Sozialausschusses und des Beirates für Menschen mit Behinderung, SPD-Sprecher im Jugendhilfeausschuss und sitzt im Aufsichtsrat sowie der Gesellschafterversammlung der Altenzentren der Stadt Solingen gGmbH.

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