Nach einem Jahr

Hochwasserschutz: Es gibt in Solingen noch viele Hürden

ST-Lokalchef Björn Boch (r.) im Gespräch mit Ordnungsdezernent Jan Welzel.
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ST-Lokalchef Björn Boch (r.) im Gespräch mit Ordnungsdezernent Jan Welzel.

Mehr als die Hälfte von 1000 Schadensmeldungen sind erledigt. Caritas will Sitz im Krisenstab.

Von Kristin Dowe

Solingen. Eine Botschaft wurde beim „ST vor Ort“ auf der Wupperinsel klar: Der Hochwasserschutz wird den Institutionen, aber auch der Bevölkerung in Zukunft eine gewaltige Kraftanstrengung abverlangen. Erste Konsequenzen aus der Flutkatastrophe im Juli 2021 habe man aus den Geschehnissen gezogen, machte Ordnungsdezernent und Krisenstabsleiter Jan Welzel (CDU) deutlich. So sei beim Wupperverband inzwischen ein Hydrologe vom Dienst benannt worden, der bei kritischen Wetterlagen eingeschaltet werde. Die Bevölkerung könne nun mit mehr Vorlaufzeit gewarnt werden.

Zwar hätten auch am fraglichen Tag im Juli 2021 Vorsichtsmaßnahmen gegriffen, doch seien die Niederschläge um ein Vielfaches höher gewesen als vom Deutschen Wetterdienst prognostiziert. „Das hat uns in der Intensität überrascht“, so Welzel. Außerdem habe es Warnketten gegeben, aber nicht alle hätten reibungslos funktioniert.

Gut 50 Besucher waren am Dienstag nach Unterburg gekommen. Das Tageblatt hatte eingeladen, um mit Leserinnen und Lesern sowie Expertinnen und Experten der Stadt, des Wupperverbands und des Caritasverbands Solingen/Wuppertal über die Lehren aus der Flutkatastrophe vom 14. und 15. Juli 2021 zu diskutieren.

Georg Wulf vom Wupperverband musste sich vielen kritischen Fragen stellen.

Ähnlich wie Welzel äußerte sich Georg Wulf, Vorstand des Wupperverbandes, der nichts zu Details des kürzlich veröffentlichten Gutachtens der RWTH Aachen sagen wollte: „Da wir der Prüfgegenstand sind, möchte ich das dem Gutachter überlassen.“ Die Untersuchung entlastet den Wupperverband mit dem Tenor, dass die Katastrophe nicht hätte verhindert werden können, wenn die Talsperren früher abgelassen worden wären. Wulf erklärte: „Wir können nicht einfach 50 Kubikmeter pro Sekunde aus der Talsperre ablassen. Dann gefährden wir Menschenleben.“ Zugleich habe der Verband die Trinkwasserversorgung im Sommer im Blick.

Unter den Gästen war auch Burg/Höhscheids Bezirksbürgermeister Paul Westeppe.

Susanne Fischer, Sprecherin des Wupperverbandes, warb um Verständnis, dass die Arbeiten viel Zeit in Anspruch nehmen. „Wir haben gut 1000 Schadensmeldungen gehabt. Mehr als die Hälfte davon ist bereits erledigt.“ Derzeit werde der untere Eschbach von Schotter befreit und die Sohle freigeräumt.

Bei der Beseitigung der Schäden liege für die Stadt eine Herausforderung im Wiederaufbau zahlreicher beim Hochwasser zerstörter Brücken, erläuterte der Technische Beigeordnete der Stadt, Andreas Budde: „Wir können nicht die Brückenbauwerke eins zu eins wiederaufbauen, sondern müssen Anpassungen für den Hochwasserschutz vornehmen.“ Außerdem bedürfe es eines detaillierten Wiederaufbauplans, den die Verwaltung der Politik vorlegen und für den ein Ratsbeschluss erforderlich sein werde.

Stephanie Kalter, hier mit ST-Redakteur Philipp Müller, war für für die Caritas vor Ort.

Einen dringenden Appell hatte Dr. Wolfgang Kues, Vorstand des Caritasverbandes Solingen/Wuppertal an die Stadt: „Bitte nehmen Sie uns als Wohlfahrtsverbände in den Krisenstab auf.“ Welzel verwies auf Richtlinien des Landes NRW und plädierte dafür, das Ehrenamt besser zu koordinieren und in die Strukturen einzubeziehen.

Wie sehr viele Grundstückseigentümer mit der dauerhaften Hochwassergefahr zu kämpfen haben, machte unter anderem die Burgerin Petra Adamietz deutlich. So werde aktuell die komplette Straßenentwässerung am Schlossberg – dort hat die Familie ihr Grundstück – in den Troogbach abgeführt. Der Bach führe massenweise Geröll und Schotter mit sich, das durch ein Gitter in den Garten der Familie gedrückt werde. Der Wupperverband beschäftigt sich bereits mit dem Fall. Wulf: „Da ist noch eine harte wasserwirtschaftliche Nuss zu knacken.“

Helferfest / Gottesdienst

Helferfest: Der Caritasverband Solingen/Wuppertal lädt für Samstag, 16. Juli, 14 Uhr zu einem Helferfest auf der Wupperinsel ein. Neben Angeboten für Kinder gibt es ab 19 Uhr Liveprogramm mit der Band „Pink Panta“. Von 14 bis 17 Uhr ist das Wiederaufbau-Team der Stadt vor Ort.

Gottesdienst: Bereits am heutigen Donnerstag findet um 19 Uhr zur Erinnerung an die Jahrhundertflut in der Burger Kulturkirche (Müngstener Straße 25) ein großer Gottesdienst statt.

Standpunkt von Björn Boch: Wir müssen uns wappnen

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de

Ein Jahr nach der Flutkatastrophe müssen wir den Blick verstärkt nach vorne richten. Auch wenn längst nicht alle Schäden beseitigt sind, die größeren Baustellen liegen in der Zukunft: bessere Meldeketten, die einen Härtetest bestehen. Infrastruktur, die Folgen des Klimawandels gerecht wird. Hochwasserschutz, ohne andere Aufgaben zu vernachlässigen. Das sind riesige Herausforderungen.

Alle Teilnehmer bei „ST vor Ort“ haben klargemacht: Hundertprozentigen Schutz gibt es nicht. Aber wappnen müssen wir uns, nicht zuletzt für häufigere, hoffentlich weniger dramatische Lagen als im Juli 2021. Es ist gut, dass sich die Stadt und vor allem der vielkritisierte Wupperverband dem ST und den Leserinnen und Lesern gestellt haben. Dieses Zeichen verdient Anerkennung.

Auch wir als Tageblatt wollen mit der Veranstaltung ein Signal senden: Wir sind und bleiben vor Ort. Das war bei der Flut und in den Tagen danach so. Und wird in Zukunft so sein.

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