Untersuchungsausschuss

Hochwasser: Warum blieb eine Warnung aus?

Das Hochwasser richtete schwere Schäden an. Archivfoto: mis
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Das Hochwasser richtete schwere Schäden an.

Im Landtag diskutiert ein Untersuchungsausschuss die Abläufe an der Wupper in der Juli-Nacht des vergangenen Jahres.

Von Philipp Müller

Solingen. Die Vorwürfe der Anrainer entlang der Solinger Hochwassergebiete aus dem Sommer 2021, mit denen das Tageblatt in regelmäßigem Kontakt ist, wiegen schwer. Erstens: Man hätte alle am 14. Juli rechtzeitig warnen müssen. Zweitens: Der Wupperverband hat zu spät und zu viel Wasser aus der Wuppertalsperre abgelassen.

Inzwischen beschäftigt sich ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss (PUA) mit den Ereignissen. Ihm gehören die Solinger Landtagsabgeordnete Marina Dobbert und der Wuppertaler Andreas Bialas (beide SPD) an. Ihr Fazit: Die Warnmeldungen kamen am 14. Juli nicht oder wenn, dann zu leise und viel zu spät. Warum das so war, ist Thema des PUA. Einen abschließenden Bericht vor der Landtagswahl erwarten sie nicht. Sie gehen davon aus, dass der Ausschuss auch vom neuen Landtag wieder eingesetzt werden muss.

Die SPD-Landtagsabgeordnete Marina Dobbert sitzt im Untersuchungsausschuss zu den Folgen des Hochwassers im vergangenen Juli

Josef Neumann, ebenfalls für die SPD im Landtag, aber nicht im PUA, fordert, dass es darauf ankomme, schnell Verbesserungen für die Zukunft vorzunehmen. Das sieht auch der Solinger Bürgermeister Carsten Voigt (CDU) so, der in Unterburg lebt und Opfer des Hochwassers war. „Alle sind aufgefordert, zügig Lehren aus den beiden Tagen zu ziehen.“

Es gibt zwei Akteure, die unmittelbar für die Wupper und ihre Anlieger bei Hochwasserlagen zuständig sind. Da ist der Wupperverband mit Sitz in Wuppertal. Er sagt, für die Warnung der Bevölkerung sei er nicht zuständig. Aber er stelle das Material zusammen, mit dem dann die für die Warnung zuständige Kommune entscheiden könne. So verweist Wupperverbandssprecherin Susanne Fischer darauf, im Laufe des Vormittags am 14. Juli sei auf dem Hochwasserportal die Warnstufe rot ausgegeben worden. Bis dahin sei aus den Berichten des Deutschen Wetterdienstes nicht sicher gewesen, dass es die Gebiete entlang der Wupper mit bis zu 160 Litern Regen pro Quadratmeter überhaupt trifft. Dazu gibt es umfangreiche Dokumentationen seitens des Verbands.

In dem Ausschuss sitzt auch der SPD-Landtagsabgeordnete Andreas Bialas.

Die Solinger Feuerwehr bestätigt, dass es am 14. Juli Kontakt zum Wupperverband wegen der Einschätzung der Lage gegeben hatte. Bereits um 8.30 Uhr habe der diensthabende Einsatzleiter (EL) der Feuerwehr mit dem Hydrologen vom Dienst (HvD) des Wupperverbandes gesprochen. Dessen Einschätzung war laut Wahrnehmung der Feuerwehr: Die Lage sei gegenwärtig entspannt. Um 12 Uhr gab es ein weiteres Telefonat des EL mit dem HvD. Die Feuerwehr wollte wissen, ob sie mit der Sperrung der Wupperinsel in Unterburg richtig handelt. Der HvD habe die Räumung der Wupperinsel als „sinnvoll“ betrachtet und gab laut Feuerwehr auf Nachfrage zu den gestiegenen Abflussmengen aus der Wuppertalsperre – 55 Kubikmeter pro Sekunde – an, dass er damit rechne, dass die „Wassermengen durch die Wupper geleitet werden könnten“.

Bis 21.37 Uhr gab es dann keinen Kontakt mehr zwischen Verband und Feuerwehr – da standen viele Gebiete bereits unter Wasser. Der Wupperverband erhöhte die abgelassene Wassermasse aus der Talsperre um 22.30 Uhr auf 230 Kubikmeter. Vier Stunden später erreichte die Welle Burg. Um 23 Uhr erlangte der Pegel aber bereits den Stand des „Jahrtausendhochwassers“.

„Die Dimension war für die Feuerwehr nicht erkennbar.“

Solinger Feuerwehr zum 14. Juli

Ein halbes Jahr später zieht die Solinger Feuerwehr diesen Schluss: „Die Dimension des Hochwassers war für die Feuerwehr aus den Informationen des Wupperverbandes nicht erkennbar.“ Marina Dobbert als PUA-Mitglied vermisst bei allem Verständnis, die Talsperrenanlagen vor der Überflutung zu retten, von den Fachleuten des Wupperverbands mehr als den Dienstweg: „Warum hat niemand zum Telefonhörer gegriffen und die Leute gewarnt?“

Der Wupperverband verweist darauf, dass um 23 Uhr am Pegel Glüder 400 Kubikmeter Wupperwasser pro Sekunde bei einem Stand von 4,45 Metern als Abfluss geschätzt wurden. Daran sei das Wasser aus der Wuppertalsperre jedoch nur zu 20 bis 25 Prozent beteiligt gewesen.

Aussagen, die Andreas Bialas ärgern. Der Anteil aus der Wuppertalsperre müsse dort und in der Kohlfurth höher gewesen sein, denn aus den Hängen entlang der Wupper und aus den Bächen sei später viel Wasser zugeflossen. Er vermisst, dass bisher niemand zugeben wolle, in dieser für alle überraschenden Situation einen Fehler gemacht zu haben. „Im Untersuchungsausschuss haben wir das nicht erlebt.“ Der Wupperverband lässt das für sich untersuchen und hat ein Gutachten an der Uni Aachen dazu in Auftrag gegeben. Die Stadt Solingen beteiligt sich am Aufbau eines neuen, intelligenten Hochwasserwarnsystems – auch, um künftig unabhängiger entscheiden zu können.

Dokumentation

Infos: Der Wupperverband hat die Ereignisse vom 14. und 15. Juli aus seiner Sicht als Video und mit Hilfe von Dokumenten erläutert:

Warnung: Der Verband hat inzwischen sein Hochwasserportal überarbeitet und gibt dort Hinweise zur Situation:

https://hochwasserportal.wupperverband.de/

Standpunkt: Aufarbeitung ist wichtig

Kommentar von Philipp Müller

philipp.mueller@solinger-tageblatt.de

Skatspieler kennen das Nachkarten: „Spiel Pik Sieben!“ Der Moment, wenn das Spiel gelaufen ist, wird gehasst. Doch Anfänger lernen, und Profis werden vorgeführt. So ähnlich läuft das nach dem Juli-Hochwasser des Vorjahres. Doch wie beim Skat die Karten nachträglich nicht neu gegeben werden, so lässt sich das Hochwasser nicht wieder in die Wolken zurückversetzen. Und doch ist die Aufarbeitung wichtig. Denn neues Hochwasser wird kommen, die Menschen müssen früher gewarnt werden. Da sollten jetzt alle Beteiligten alle Karten auf den Tisch legen und sich unter ihm nicht vors Schienbein treten. Der nüchternen Analyse müssen die Lösungen für mehr Sicherheit folgen. Da gibt es eine erste Zusammenarbeit. Ein Grand Hand muss auf den Tisch.

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