Katastrophe im Juli 2021

Hochwasser in Solingen: Chronologie der Ereignisse rund um den 14. Juli

Auch eins der Solinger Wahrzeichen, der Wipperkotten, wurde überflutet. Ein neues System soll bald rechtzeitiger warnen. Foto: Christian Beier
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Auch eins der Solinger Wahrzeichen, der Wipperkotten, wurde überflutet. Ein neues System soll bald rechtzeitiger warnen.

Welche Konsequenzen ziehen die Verantwortlichen aus der Jahrtausendflut vom 14. Juli des vergangenen Jahres?

Von Philipp Müller

Solingen. Fast schon euphorisch berichtet Dr. Andreas Groß wie das von ihm angestoßene intelligente Hochwasserwarnsystem Fahrt aufnimmt. Bis zu 30 Mitarbeitende sind nach Angaben des Chefs der Berger-Gruppe in der Kohlfurth am Projekt beteiligt. Der Wupperverband ziehe mit, NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) war vor Ort, habe sich begeistert gezeigt. Bundes- und Landtagsabgeordnete, Vertreter der Kommunen geben sich bei dem Maschinenbauer die Klinke in die Hand. Die Stadt ist mit „Smart City“ längst intensiv eingestiegen.

Schaden in Höhe von drei Millionen hatte die Firma am 14. und 15. Juli erlitten. En gros wuchs die Erkenntnis: Jetzt muss man schauen, wie man es künftig besser macht, die Anlieger der Wupper zu warnen, die Warnkette zu verbessern. Das beleuchtet auch ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss des Landtags. Allen ist klar: Das Jahrtausendhochwasser war so für niemanden vorhersehbar. Doch als es eintraf, war die Kommunikation nicht optimal, die „Werkzeuge“, mit denen man handeln konnte, nicht vorhanden oder nicht greifbar – und manches wurde wohl auch falsch eingeschätzt. Das soll und muss besser werden, ist die gemeinsame Erkenntnis. Die Chronologie, wie die Lage damals eingeschätzt und bewältigt wurde:

Sonntag, 11. Juli: Die Berechnung des europäischen Wettermodells (ECMWF) zeigte, dass es in NRW zu Starkregenereignissen mit bis zu 200 Litern Wasser pro Quadratmeter kommen könnte.

Montag, 12. Juli: Der Wettertrend bestätigt sich, voraussichtlich trifft es auch das Gebiet der Wupper. Es ist seitens des Deutschen Wetterdienstes (DWD), an den sich der Wupperverband hält, von bis zu 100 Litern die Rede. Aus der Wuppertalsperre wird bis Mittwoch so viel Wasser abgelassen, dass der Stauinhalt für 20 Stunden reicht, wenn 70 Kubikmeter pro Sekunde zufließen und 50 ab – eine Menge die nach Angaben des Verbands der jemals bisher gemessenen Höchstmenge entspricht.

Dienstag, 13. Juli: Der erste starke Regen kommt. In Solingen laufen am späten Abend und in der Nacht zum Mittwoch erste Keller voll, die Feuerwehr fährt viele Einsätze. Der DWD sagt für den kommenden Tag weiteren Starkregen, lokal bis 100 Liter voraus – sagt aber nicht genau, wo es die Mitte NRWs treffen wird.

Mittwoch, 14. Juli, vormittags: Um 8.30 Uhr telefonierte die Feuerwehr mit dem Wupperverband. Der gab sich noch entspannt. Die Feuerwehr erinnert sich: Der Hydrologe habe angegeben, dass der Eintritt der Warnszenarien mit den angegebenen Niederschlagsmengen nicht gesichert sei. Um 9 Uhr startet das Tageblatt die Hochwasserberichterstattung mit der Warnmeldung des DWD. Das wurde zu einem Liveticker ausgebaut, der am Ende des Tages 90 000 Zugriffe hatte. Am Morgen rückte die Feuerwehr bei wieder strömendem Regen zum Heidebad aus, die Technikräume waren vollgelaufen.

14. Juli, mittags: Weitere sintflutartige Schauern ließen die Feuerwehr in der Mittagszeit die Wupperinsel in Unterburg vorsichtshalber sperren. Um 12.30 Uhr wurde das mit dem Wupperverband erörtert. Der teilte mit, dass seit 9.40 Uhr 80 Kubikmeter sekündlich aus der Wuppertalsperre abgelassen würden, das werde vier Stunden später in Burg ankommen. Später teilte der Wupperverband mit, es seien nur 70 gewesen.

14. Juli, nachmittags: Gegen 14 Uhr musste die Feuerwehr mittels Sandsäcken eine Fabrik am Eschbach im Bereich Kellershammer sichern. Die Intensität der Schauer nahm da wieder zu. Da die Böden längst gesättigt waren, floß das Wasser fast unbegrenzt die Hänge Richtung Bäche und Wupper hinab. Auch die Kanäle waren teilweise bereits überlastet. Auf ST-Nachfrage teilt der Wupperverband gegen 15 Uhr mit, man gehe zwar davon aus, mit dem abgelassenen Wasser aus der Talsperre genug Puffer zu haben, wisse aber auch nicht, ob der ausreiche.

14. Juli, abends: Um 18 Uhr liefen dann bereits 100 Kubikmeter aus der Talsperre ab. Zu diesem Zeitpunkt trat in Unterburg der Eschbach aus der Begrenzung des neuen Hochwasserschutzes. Gut 30 Minuten lang versuchte die Feuerwehr vergeblich, das Wasser wieder abzupumpen. Um 18.30 Uhr war bereits die Wupperinsel ein See. Eine Stunde später ist bereits die Müngstener Straße überflutet. In der Seniorenresidenz an der Eschbachstraße läuft da schon die Evakuierung. Die kann erst in der Nacht abgeschlossen werden, als geeignete Rettungsboote eintreffen. Die Feuerwehr ist das längst im gesamten Stadtgebiet im Einsatz und muss Menschenleben entlang der Wupper retten. Eine Überflutung des Ortskerns von Gräfrath kann so gerade eben noch verhindert werden. Um 20 Uhr verdichten sich die Nachrichten, dass Unterburg evakuiert werden muss. Öffentlich wird das erst gegen 22.45 Uhr. Polizei wird angefordert, Panik sollte verhindert werden. Am Eschbach stürzt gegen 20 Uhr eine Stützmauer an der Alten Schlossfabrik ein. Der Bach ist längst ein reißender Fluss wie die Wupper auch. Der Regen lässt etwas nach, aber die Gewässer schwellen weiter an. Um 21.37 Uhr meldet sich der Wupperverband erstmals seit dem Mittag. Die Abflussmenge werde auf 230 Kubikmeter gesteigert. Damit fließe so viel ab, wie in die Talsperre zu. Am Ende sind es nach Wupperverbandsangaben knapp 200 Kubikmeter – dies dann bis zum Mittag des 15. Juli.

Februar 2022, Feuerwehr: Die Feuerwehr zieht Bilanz: „Eine frühzeitige Prognose der zu erwartenden Dimension des Hochwassers hätte die Einsatzleitung in die Lage versetzt, gefährdete Bereiche vor Eintritt der Überflutung zu räumen und die betroffene Bevölkerung zu warnen. Die Räumung wäre hierdurch wesentlich vereinfacht worden, da sie im Trockenen stattgefunden hätte.“

Februar 2022, Wupperverband: Der Wupperverband teilt mit, genaue Abflussmengen an allen Orten seien nicht bekannt, da auch Pegel zerstört worden seien. „Die maximale Abflussmenge dürfte nach einer vorsichtigen Einschätzung aber über 400 Kubikmeter pro Sekunde am Pegel Glüder gelegen haben. Zu diesem Zeitpunkt hat nach bisheriger Einschätzung hauptsächlich der Regen unterhalb der Wupper-Talsperre zu der extremen Abflussmenge geführt. Im Spitzenabfluss am Pegel Glüder um 23 Uhr betrug der Anteil aus der Abgabe der Wupper-Talsperre nur 20 bis 25 Prozent“ – die Wupper stand da 4,45 Meter hoch und die Ufer bis zu 100 Meter breit unter Wasser. Ein Jahrtausendhochwasser.

Die Warnkette

Wie sich das Wetter auf die Gewässer auswirkt, beurteilt der Wupperverband mit seinem hydrologischen Dienst. Daraus ergibt sich eine „Situationsanalyse“, die im Hochwasserportal eingestellt wird. Entscheidungen, ob und wie gehandelt wird, trifft der Wupperverband auf Basis der Daten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) und der gemessen Gewässer-Pegel, für die er zuständig ist. Auf Katastrophen bereitet sich die Feuerwehr entsprechend dieser Analyse vor und hält im Zweifel Rücksprache mit dem Verband. Die Feuerwehr und die Stadt Solingen entscheiden dann, ob die Bevölkerung gewarnt werden muss. Steht ein gesicherter Katastrophenfall bevor, bildet sich in Solingen ein Krisenstab, der ämterübergreifend besetzt ist.

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