Bilanz

Hochwasser: Hunderte Anträge auf Hilfe

Selbst schwerste Felsbrocken bewegte die reißende Wupper in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli. Überall liegen auch Äste und Baumstämme an den Uferrändern. So wie dort wird es auch in den Häusern an den Gewässern noch Monate dauern, bis alle Schäden beseitigt sind.
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Selbst schwerste Felsbrocken bewegte die reißende Wupper in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli. Überall liegen auch Äste und Baumstämme an den Uferrändern. So wie dort wird es auch in den Häusern an den Gewässern noch Monate dauern, bis alle Schäden beseitigt sind.

Stiftung erhält 1,45 Millionen Euro an Spenden – mehr als eine Million Euro Direkthilfe ausgezahlt.

Von Philipp Müller

Solingen. An der Talstation der Seilbahn in Unterburg sind die Maurer aktiv und bessern das Podest zur Wupperseite aus. Direkt in der Nähe steht der Bauwagen der Stadt. Olaf Wieden aus Glüder ist gekommen. „Mir ist das Wasser durch die Wohnung gelaufen“, erzählt er. Jetzt reicht er bei Evelyn Wurm von der Bürgerbeteiligung der Stadt einen Antrag auf Soforthilfe durch das Land NRW ein, denn auch die bearbeitet die Stadt Solingen.

Das Rathaus zieht diese Bilanz: Das Spendenaufkommen bei der Gerd-Kaimer-Stiftung beträgt inzwischen 1,45 Millionen Euro. „Nach wie vor kommen Spenden hinzu“, berichtet Stadtsprecherin Sabine Rische. „Im Laufe der Woche werden wir die überwiegende Zahl der schon vorliegenden Anträge im Sinne der Soforthilfe abgearbeitet haben.“

„Die Menschen helfen sich gegenseitig mit Bautrocknern aus.“

Evelyn Wurm, Bürgerbeteiligung

Es treffen aber auch immer noch Erstanträge im Rathaus ein, inzwischen auch aus anderen gewässernahen Bereichen außerhalb des Wupperraumes. Insgesamt wurden bisher 800 000 Euro an Betroffene ausgezahlt. Mehr als 300 Anträge gibt es. Beim städtischen Team für die Soforthilfe NRW sind bisher weitere rund 270 Anträge eingegangen. 190 Anträge wurden abschließend bearbeitet. Ein Gesamtbetrag von 491 500 Euro an Hilfen ist ausgezahlt. Hier geht´s zur Kontoverbindung: Spendenkonto der Gerd-Kaimer-Stiftung für Hochwasseropfer in Solingen.

Auch Evelyn Wurm kann Bilanz ziehen. Der Bauwagen der Bürgerbeteiligung ist inzwischen längst mehr als eine Verwaltungsstelle. „Die Leute kommen vor allem auch, um zu reden und um zu erzählen. Das brauchen sie einfach.“ Die Burger, aber auch die Rüdener hätten sich gegenseitig von den Schäden berichtet und sich auch viel Trost gespendet – auch noch mehr als drei Wochen nach der Nacht des Hochwassers.

Evelyn Wurm (rechts) und Kathrin Schiffner nehmen einen Antrag auf Soforthilfe von Olaf Wieden am Bauwagen in Unterburg entgegen.

Daher möchte Wurm das Angebot auch künftig einmal die Woche aufrechterhalten und jeweils dazu Fachleute für Fragen mitbringen. Wie wichtig das Reden ist, belegt der Besuch von Olaf Wieden an der Seilbahn. Er hat neben vielen Worten Fotos von seinem verwüsteten Grundstück und der Wohnung mitgebracht. Auf dem Handy zeigt er ein Video, wie am Abend des 14. Juli die reißende Wupper Besitz von Glüder ergriff.

Am vergangenen Donnerstag ist auch Kathrin Schiffner von den Technischen Betrieben Solingen (TBS) vor Ort. Sie ist gefragt. Denn erst nach und nach leeren sich weitere Keller. Natürlich werde das Sperrgut abgeholt – so wie auch die bereits eingesammelten 1094 Tonnen Sperrgut und Sperrschutt. Und da seien die Hunderten Elektrogeräte noch gar nicht mitgezählt.

Wohin Spenden fließen, hängt auch von Versicherungen ab

Der Bauwagen mache deshalb weiter Sinn, sagt Evelyn Wurm, weil immer noch Anträge auf Soforthilfe kommen. Auch Sachspenden laufen weiter ein. „Neue Kleiderspenden sind aktuell nicht so wichtig“, erklärt Schiffner. Denn viele vom Hochwasser Betroffene wissen noch nicht genau, was ihnen am Ende fehlen wird.

Da kommen auch die Versicherungen ins Spiel. Sie werden nicht alles bezahlen. Aber davon hängt auch ab, was an Spenden wohin verteilt wird. Evelyn Wurm bittet deshalb um Geduld, wenn noch nicht alle Spender eine Rückmeldung erhalten haben. So mache es wenig Sinn, jetzt in feuchte Kellerräume schon wieder neue Kühlschränke zu stellen. Dazu auch: In diesen Fällen kommen Versicherungen für Unwetterschäden auf.

Bis die Untergeschosse trocken sind, dauere es noch Wochen – und Bautrockner sind immer noch Mangelware. „Mit den Bautrocknern helfen sich die Menschen aber gegenseitig aus“, hat Wurm beobachtet. Sie bewundert die Solidarität und Hilfsbereitschaft untereinander, die sie entlang von Wupper und Eschbach erlebt.

Das Miteinander wird noch Wochen oder sogar Monate gebraucht. Und auch der Trost. Olaf Wieden berichtet, er habe gehört, dass die Prämie einer Elementarschadenversicherung eines Hochwasseropfers von 650 auf jetzt 3500 Euro pro Jahr steigen soll.

Es gibt eine erste Schätzung, wie hoch die Hochwasser-Schäden für die Stadt Solingen ausfallen.

Hilfsangebote: Gefragt sind Handwerker

Hotline: Die Stadtverwaltung ist weiterhin über die Rufnummer Tel. 14 91 22 30 zu erreichen. Dort können immer noch Helfer, vorwiegend mit handwerklichem Wissen, ihre Hilfe anbieten. Oder auch per E-Mail: hochwasserhilfe@solingen.de

Sperrgut: Die Technischen Betriebe entsorgen auf Termin das Sperrgut und den Sperrschutt als Hochwasserfolge: sperrmuell@solingen.de

Nachbarschaftshilfe nach dem Hochwasser: Wittkulle nimmt Leichlinger Schule auf

Standpunkt: Die Schäden sind immens

philipp.mueller@solinger-tageblatt.de

Kommentar von Philipp Müller

Noch immer ist der getrocknete Schlamm aus der Hochwassernacht zu sehen. Fest hat er sich in die Asphaltritzen eingegraben. So wie das mit vielen Bildern das Dramas in den Köpfen und Seelen der Menschen entlang der Wupper und Bäche passiert ist. Die Stadt tut daher gut daran, ihren Bauwagen auch weiter einzusetzen.

Denn das wurde beim Besuch des Tageblatts vor Ort deutlich: Die Menschen brauchen den Wagen, um einfach mal loslassen zu können. Erst ganz allmählich erkennen die, deren Keller vollgelaufen, deren Erdgeschosse überflutet worden waren, dass sie viel mehr als ihr Hab und Gut verloren haben. Erinnerungsstücke sind fortgespült, die jedem Menschen sonst so viel Halt geben. Das mag platt klingen. Doch es berührt die Seelen der Menschen ganz tief.

Das aufzuarbeiten, wird dauern. Selbst wenn die Keller und Wände wieder trocken sind, wird noch manche Träne still rollen. Da sind zwei Dinge schön zu erleben. Fast 1,5 Millionen Euro Hilfsgelder aus der Stadtgesellschaft. Und das gegenseitige sich Stützen der Betroffenen. Das gibt Hoffnung.

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