Bilanz

Hochwasser-Folgen in Solingen: Anträge stellen hohe Hürde dar

Am frühen Abend des 14. Juli stiegen Eschbach und Wupper wie hier am Café Meyer in Unterburg unaufhörlich an. Das Gasthaus wurde zerstört, das Wasser stand nicht nur dort in der ersten Etage bis zur Decke – fast zwei Meter hoch. Das Bild zeigt den Zustand des Cafés am nächsten Tag.
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Am frühen Abend des 14. Juli stiegen Eschbach und Wupper wie hier am Café Meyer in Unterburg unaufhörlich an. Das Gasthaus wurde zerstört, das Wasser stand nicht nur dort in der ersten Etage bis zur Decke – fast zwei Meter hoch. Das Bild zeigt den Zustand des Cafés am nächsten Tag.

Mehr als 400 stark betroffene Haushalte – Phase des Wiederaufbaus hat begonnen

Von Philipp Müller

Solingen. Als am 14. Juli gegen 22 Uhr Oberbürgermeister Tim Kurzbach und die Einsatzleitung der Solinger Feuerwehr den Entschluss fassten, Unterburg zu evakuieren, war bereits zu sehen, dass viele Häuser teilweise bis zur ersten Etage unter Wasser standen. Doch das wahre Ausmaß der Schäden ist bis heute noch nicht komplett erfasst. Mit einigen Bausteinen wird versucht, der finanziellen Misere der Anlieger in Flutgebieten Herr zu werden. Doch gerade das Antragsverfahren auf die Hilfen von Bund und Land NRW zeigt sich weiterhin als hohe und komplexe Hürde.

Schon im August und September wurden erste Zahlen bekannt. Die Stadt Solingen hatte Anfang August ihre Schäden an Straßen, Brücken und eigenen Gebäuden mit vorläufig 31 Millionen Euro ans Land NRW gemeldet. Die Stadtwerke Solingen zogen im September eine erste Bilanz: Auf 1,6 Millionen Euro wurden Schäden an der Infrastruktur für Trinkwasser und Strom beziffert. Doch es warten weitere Kosten. So muss der Schaden durch den gebrochenen Damm in Glüder behoben werden. Und: Die Gesamtsumme der privaten Schäden ist weiterhin unbekannt.

Im Bauwagen der Stadt leistete Evelyn Wurm erste finanzielle Hilfe. Das Team ist weiter unter Tel. 290 67 00 zu erreichen.

Hilfe kam in den ersten Tagen und Wochen etwa durch die Gerd-Kaimer-Bürger-Stiftung. 3000 Euro Soforthilfe pro Kopf wurden unbürokratisch ausgezahlt. Rund 1,7 Millionen Euro zahlten Solingens Bürger bisher auf das Konto der Stiftung ein, rund 700 000 Euro stehen noch zur Verfügung. Laut Stiftungsvorstand Erwin Kohnke kommen derzeit verstärkt Betroffene auf die Stiftung zu, die durch den Rost der Förderrichtlinien des Landes fallen. Das seien Betroffene, denen Teile ihrer Grundstücke und Gärten weggeschwemmt worden sind – oder Eigentümer von Wohnwagen, die die Flut zerstört hat.

Während in den Wochen nach der Flut die Bautrockner die Gebäude von Feuchtigkeit befreiten, legten Land und Bund das milliardenschwere Programm „Aufbauhilfe 2021“ auf. Auf rund 420 Antragsberechtigte schätzt die Stadt die Zahl der Solinger, die sich mit einem Antrag um Übernahme von Kosten bewerben können. Bewerben? Ja, denn das Rathaus stellt als Partner für die Antragstellung klar: „Ein Rechtsanspruch auf Leistungen besteht nicht, da es sich um Billigkeitsleistungen handelt.“

Bei bislang 39 Anträgen hat die Stadt Hilfestellung bis zur Abgabe geleistet. „Wir schätzen aber, dass die Zahl derer, die ohne Hilfe einen Antrag gestellt haben, deutlich höher liegt“, sagt dazu Stadtsprecherin Sabine Rische. Das bestätigt auch Nicole Molinari. Sie ist Bausachverständige und betreut selbst rund 30 Eigentümer mit Flutschäden.

Viele Helfer kamen nach dem Jahrhunderthochwasser nicht nur nach Unterburg. Entstanden waren Schäden in vielfacher Millionenhöhe.

Als Gutachterin müsse sie zwei Gruppen unterscheiden: Schäden bis 50 000 Euro könnten ohne Gutachten beantragt werden. Es sei für viele aber sehr schwer, diese Schäden auch genau zu taxieren und Nachweise zu erbringen. Die zweite Gruppe umfasst die Solinger, deren Schäden oberhalb von 50 000 Euro liegen. Hier müssen Molinari und Kollegen nicht nur den Schaden selbst taxieren. Ein Wertgutachten des Hauses muss erstellt, die Bauhistorie aufgezeigt werden.

„Der Steuerzahler hat einen Anspruch darauf, dass Geld nur begründet ausgezahlt wird.“

Nicole Molinari, Sachverständige

Sie arbeite da eng mit der Stadt zusammen. Die mache nicht nur dabei, sondern auch bei der Betreuung der Antragsteller einen „super Job“. Gutachten werden dann mit allen Dokumenten als Antrag online gestellt. Sie hat Verständnis für das umfangreiche Verfahren: „Der Steuerzahler hat einen Anspruch darauf, dass Geld nur begründet ausgezahlt wird.“ Daher geht sie davon aus, dass sich die Antragstellungen aus Solingen noch viele Monate hinziehen werden.

Gestiegen sei die Anzahl an Multiplikatoren. So würden etwa Nachbarn oder Bekannte, die schon einen Antrag gestellt haben, mit ihrem Wissen weiterhelfen, hat die Stadt beobachtet.

Millionenschaden beim Wupperverband

Neben Gebäuden sind auch Gewässer durch die Flut betroffen: „Die Kosten für die Schadensbehebung an Anlagen und Gewässern des Wupperverbandes belaufen sich nach derzeitigem Stand auf rund 19 Millionen Euro“, erklärt Susanne Fischer für den Verband. Für den Bereich Solingen habe der Betrieb Gewässer des Wupperverbands bis Herbst 2021 rund 100 Schadensmeldungen allein an Bachläufen erhalten.

Standpunkt

philipp.mueller@solinger-tageblatt.de

Kommentar von Philipp Müller

Mehr als 400 so stark beschädigte Häuser, dass die Aufbauhilfe von Bund und Land greifen kann. Allein 100 Schäden an den Bachläufen. Das sind Zahlen als Folge aus der Flutnacht vom 14. auf den 15. Juli. Da ist jetzt Geduld gefragt. Und Geld. Sehr viel Geld sogar. Die Solinger haben Herz bewiesen und die Gerd-Kaimer-Stiftung in die Lage versetzt, etwa eine Million Euro Soforthilfe auszuzahlen. Aber das war wirklich nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein, der besser der nasse genannt werden sollte.

Zum Glück sind die oft verzweifelten Opfer im Dschungel der Anträge, Gutachten, Ansprüche an Versicherungen, Aufrechnung von Eigenleistungen und der durch Freunde und Nachbarn nicht allein. Das Rathaus stand hilfreich zur Seite – und tut das auch weiter. Und das macht die Stadt offenbar sehr gut, wie die Fachfrau und Gutachterin Nicole Molinari den Fachleuten im Rathaus attestiert.

Und doch scheinen einige durch den Rost aller Antragsmöglichkeiten zu fallen. Wer Silvester Geld spart, weil keine Böller zu kaufen sind, könnte an die Stiftung spenden.

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