Uni-Vorträge

Hochbegabt, aber crazy? Forscherin rückt Zerrbild zurecht

Prof. Dr. Susanne Buch hob mit anderen Wissenschaftlern einst eine der ersten Beratungsstellen für Hochbegabte aus der Taufe. Heute beschäftigt sie das Thema vor allem in der Lehrerausbildung. Foto: Axel Richter
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Prof. Dr. Susanne Buch hob mit anderen Wissenschaftlern einst eine der ersten Beratungsstellen für Hochbegabte aus der Taufe. Heute beschäftigt sie das Thema vor allem in der Lehrerausbildung.

Auftakt der ST-Uni-Reihe 2022 in Solingen: Am Montag spricht Prof. Dr. Susanne Buch über Menschen mit einem Intelligenzquotienten von 130 und mehr.

Von Axel Richter

Solingen. Sheldon Cooper hat einen Intelligenzquotienten von 187. Und keine Ahnung vom Umgang mit Menschen. Doch mit dem beziehungsgestörten Schlauberger aus der US-Fernsehserie „Big Bang Theory“ haben die meisten Menschen mit einem weit über dem Durchschnitt liegenden Intellekt nichts gemein. Im Gegenteil, sagt Prof. Dr. Susanne Buch: „Hochbegabte weisen nicht mehr und nicht weniger soziale Defizite auf als andere Kinder. Sheldon Cooper ist ein Zerrbild.“

Ein Zerrbild, das die Wissenschaftlerin vom Institut für Bildungsforschung in der School of Education an der Bergischen Universität Wuppertal am kommenden Montag, 25. April, in Solingen zurechtrücken möchte. Um 19 Uhr ist sie zu Gast im Gründer- und Technologiezentrum. Nach zweijähriger Corona-Zwangspause gibt die Professorin dort den Auftakt zum ST-Uni-Semester 2022 in Solingen.

Ab einem IQ von 130 gilt ein Mensch als hochbegabt. Bei allenfalls zwei Prozent der deutschen Bevölkerung ist das der Fall, womit ein weiterer Mythos zu Fall gebracht wäre. Es gibt weit weniger Hochbegabte als gemeinhin angenommen wird. Und manche Kinder, deren Eltern die wenigen Beratungsstellen für Hochbegabte im Land aufsuchen, sind tatsächlich nicht hochbegabt, sondern ganz einfach unkonzentriert. „Oder schlecht erzogen“, sagt die Professorin mit einem Lachen.

Programm und Termine: Die Tageblatt-Uni-Vorträge gehören zum Jubiläumsprogramm der Uni

Susanne Buch entstammt keiner Akademikerfamilie. „Ich war erst die Zweite, die überhaupt Abitur machte“, erzählt sie. Das Kind sollte danach etwas Ordentliches lernen. Das war der Wunsch der Eltern. Susanne Buch wurde Fremdsprachensekretärin mit kaufmännischer Ausbildung. Doch danach zog es sie an die Uni. In Marburg studierte sie Psychologie und wurde nach dem Diplom für die anschließende Doktorarbeit Teil eines Forscherteams, das sich in einer Langzeitstudie der Entwicklung hochbegabter Kinder vom Kindergartenalter bis zum Erwachsenendasein widmete. Ergebnis: Hochbegabte eignen sich Wissen schneller an als andere. „Im sozialen Bereich haben sie aber die gleichen Probleme oder Fähigkeiten wie jedes andere Schulkind“, sagt die Professorin.

Deshalb muss ein Hochbegabter auch nicht jede zweite Klasse überspringen, obgleich die Eltern das vielleicht gern so hätten. Denn auch Hochbegabte brauchen Freunde. Das heißt, auch der Junge, der schon in der dritten Klasse selbstständig die Wurzel aus 256 zieht, spielt gern Fußball mit anderen und macht sich dabei auf dem Bolzplatz die Knie schmutzig. Zudem sagt Susanne Buch: „Das Wurzelziehen allein muss noch kein Anzeichen für Hochbegabung sein.“ Weitere Tests müssen folgen.

Pädagogische Diagnostik heißt der Lehr- und Forschungsschwerpunkt der Wissenschaftlerin. Doch mehr als um die Kinder kümmert Susanne Buch sich heute um die angehenden Lehrerinnen und Lehrer, die mit hochbegabten Jungen und Mädchen in den Schulen möglicherweise zu tun bekommen. Und mit deren Eltern. Die Pädagogen brauchen das nötige Rüstzeug. Auch, um womöglich eine enttäuschende Nachricht zu übermitteln, denn oft fällt die Diagnose über die mutmaßliche Hochbegabung des Sprösslings anders aus als es die erwartungsvollen Eltern erhoffen. „Ein Drittel der Kinder, die den Lehrerinnen und Lehrern vorgestellt werden, liegt über dem Durchschnitt, ein weiteres Drittel ist normal begabt und nur ein Drittel tatsächlich hochbegabt“, sagt die Professorin. Brauchen diese Kinder in der Schule dann eine besondere Förderung? Auch auf diese Frage will Susanne Buch im Gründer- und Technologiezentrum eingehen.

„Entscheidender ist der richtige Mentor zur richtigen Zeit.“

Prof. Dr. Susanne Buch

Wie hoch ihr eigener IQ ist weiß die Professorin übrigens nicht. „Ich bin allerdings ganz sicher, dass ich nicht hochbegabt bin“, sagt sie mit einem weiteren Lachen. Macht auch nichts. Denn, auch das weiß die Wissenschaftlerin aus der Forschung: „Die intellektuelle Begabung allein entscheidet nicht darüber, wie erfolgreich jemand im Beruf ist.“ Und schon gar nicht darüber, ob er zusammen mit anderen Menschen glücklich wird – oder zum gestörten Sonderling wie Sheldon Cooper. „Natürlich hilft Intelligenz“, sagt Susanne Buch: „Viel entscheidender für die Entwicklung eines Menschen aber ist, dass er zur richtigen Zeit den richtigen Mentor findet.“

Hintergrund

Zur Person: Prof. Dr. Susanne Buch (53) stammt aus Hanau in Hessen. Sie studierte Psychologie an der Philipps-Universität in Marburg. Dort hob sie als Doktorandin mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine der ersten Beratungsstellen für Hochbegabte aus der Taufe. 2006 wechselte sie an die Universität des Saarlandes nach Saarbrücken. 2010 folgte sie dem Ruf der Bergische Universität Wuppertal. Seit 2014 leitet sie das Institut für Bildungsforschung in der School of Education. Im März wurde sie darüber hinaus neue Prorektorin für Studium und Lehre der Uni Wuppertal.
Vortrag: Am kommenden Montag, 25. April, spricht Prof. Dr. Susanne Buch auf Einladung des ST im Gründer- und Technologiezentrum, Grünewalder Straße 29-31. „Naturtalent oder harte Arbeit? Zur Bedeutung von Begabtenförderung in der Schule“ hat sie Ihren Vortrag überschrieben. Beginn ist um 19 Uhr. Der Eintritt zum ST-Uni-Vortrag ist wie immer frei. Es gilt die 3G-Regel.

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