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Auf historischer Spurensuche in Merscheid

Die historische Aufnahme aus dem Jahr 1903 zeigt den Ohligser Kirchturm mit der Bahnstrecke – dazu die Kamper und Merscheider Straße. Merscheid prägt den rechten Teil der Fotografie bergan bis zum Horizont. Foto: Stadtarchiv Solingen
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Die historische Aufnahme aus dem Jahr 1903 zeigt den Ohligser Kirchturm mit der Bahnstrecke – dazu die Kamper und Merscheider Straße. Merscheid prägt den rechten Teil der Fotografie bergan bis zum Horizont.

Merscheider Männer basteln mit viel Fantasie am Image ihrer „Ex-Stadt“.

Von Wilhelm Rosenbaum

Merscheid. Vom Stiefkind der Eisenbahn-Mobilität im 19. Jahrhundert führt der Weg Merscheids zum heute beliebten Wohnareal, auch und gerade für junge Familien, von der Verbindungsachse Ohligs-Solingen durchs Straßendorf zum attraktiven Lebensraum im Grün der nahen Bachtäler. Merscheid hat eine spektakuläre Wandlung hinter sich, und das auch, weil seine Bürger vielfältig Initiative zeigten.

Blättern wir in der Ortschronik ein reichliches Stück zurück: Es war das sprichwörtlich finstere Mittelalter, als die Hofschaft „Mierschyt“ anno 1382 zum ersten Mal in einer Urkunde genannt wird, gute 100 Jahre, bevor ein gewisser Kolumbus sich auf den indisch-amerikanischen Weg machte.

Dann ging erstmal ein Großteil der europäischen Geschichte an Merscheid vorbei, bis die Besatzungsmacht Frankreich 1808 aus Schnittert, Barl und Teilen von Bavert und Hackhausen ein bergisches Örtchen etablierte. Das ging zeitweilig eine kommunale Zweckehe mit Wald ein und erhielt 1856 sogar die Stadtrechte.

Gegen die Ohligser Konkurrenz kam man nicht an

Doch am Horizont des industriellen Zeitalters zeichnete sich schon ab, dass man letztlich mit der wachsenden Ohligser Konkurrenz nicht würde mithalten können. Denn Ohligs wurde dank seines Bahnhofs zur Boomtown, und die 15 568 Einwohner Merscheids mussten schließlich am 11. August 1891 das Ende ihrer kommunalen Selbstständigkeit akzeptieren. Was ihnen ihre Lebensfreude langfristig aber überhaupt nicht vermiesen konnte, im Gegenteil.

Klein, aber fein scheint die Parole schon im 19. Jahrhundert gewesen zu sein. Das Vereinsleben blühte in Merscheid an allen Ecken und Kanten. 1860 gründete sich mit einem Startkapital von 3000 Büchern, mit Romanen und wissenschaftlichen Arbeiten, die Lesegesellschaft „Concordia“. 1878 folgte der Merscheider Turnverein, der der Klingenstadt bundesweites Renommee mit seinen Faustballern und den Badminton-Pionieren bescheren sollte. Legendär waren seit 1929 die Feierlichkeiten, die der Obenmankhauser Pöttverein rund um den Pött (von 1565) ausrichtete, inklusive einer aparten „Mankusia Bar“. 1934, als Ausrufungszeichen in der jungen Großstadt Solingen, schlossen sich interessierte Bürger im Heimat- und Verkehrsverein zusammen, der mit pfiffigen Ideen Anstöße gab.

In den 60ern prämierte der Verein die Sieger um die „schönste Gestaltung der Vorgärten an Merscheider Häusern“, und in manchem Wohnzimmer zwischen Cobra und Gönrath hängt vielleicht auch heute noch ein Ehrenpreis, eine Radierung des lokalen Kunstmalers Ernst Höpp. 1973 wurde der Umweltschutz ein drängendes Thema. Die neue „Aktion sauberes Merscheid“ wurde gestartet. Gefeiert wurde natürlich oft und gern, mit der Familie, im Verein, mit der Schule, und zwar im beliebten „Kaisergarten“, der bis 1960 die zentrale festliche Anlaufstelle zwischen Ohligs und Solingen war.

Ein ganz besonderes Highlight war 1986 fällig; da verwandelte sich die historische „Scherenschlägerei und Gesenkschmiede“ von F. & W. Hendrichs in eine bis heute populäre touristische Sehenswürdigkeit. Im LVR-Industriemuseum Schauplatz Solingen an der Merscheider Str. 289-297 ist die vielfältige Geschichte der Klingenstadt zu erleben, für die kleinen Gäste ein prickelndes Erlebnis, wenn sie wortwörtlich selbst mit anpacken dürfen.

Die Sache mit dem Fürstentum

Ein Aufkleber wirbt fürs Fürstentum Merscheid.

Die Idee: In den 80ern entstand in einer munteren Männerrunde der doch so naheliegende Jux, jetzt endlich ein Fürstentum Merscheid auszurufen.

Die Umsetzung: Die Idee der kreativen Herren bekam sozusagen laufend Junge. Auf Autofenstern, Aufklebern, auf Krawatten – ja, selbst in einigen Todesanzeigen war das Fürstentum Merscheid zunehmend präsent.

Die Wahrheit: Es gab und gibt keine Fürsten in Merscheid, aber einige ausgesprochen heitere Mannsbilder mit Wortwitz, die sich nach einem Stammtisch am Freitagmorgen damit einen Jux machen wollten. Sehr erfolgreich, wie man immer noch im Stadtbild sieht.

Serie beleuchtet Solingens Stadtteile: Das Tageblatt widmet sich acht Wochen lang den Zentren der Stadt.

Eine Kinderwerkstatt kommt ins Industriemuseum: Museumsleiterin Nicole Scheda plant einige Veränderungen in der Gesenkschmiede.

Cobra: Betrieb soll nach den Ferien starten. Das Merscheider Kulturzentrum kann noch von Förderung und Rücklagen zehren.

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