Idyllische Hofschaft

Hintenmeiswinkel: Eine Scheune fällt nicht um

Seit August 2018 ist die Straße zum Grundstück von Ute Groß gesperrt. Denn die Scheune (links) ist einsturzgefährdet. Das hat die Bauaufsicht der Stadt festgestellt. Fotos: Michael Schütz
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Seit August 2018 ist die Straße zum Grundstück von Ute Groß gesperrt. Denn die Scheune ist einsturzgefährdet. Das hat die Bauaufsicht der Stadt festgestellt.

Abrissverfügung für einsturzgefährdetes Gebäude wird nicht umgesetzt.

Von Philipp Müller

Solingen. Am 29. August 2018 musste alles ganz schnell gehen. Vertreter des Bauaufsichtsamts der Stadt Solingen sprachen Ute Groß an. Die Scheune neben der Zufahrt zu ihrem Grundstück in Hintenmeiswinkel sei „akut einsturzgefährdet“. Ute Groß erinnert sich: „Noch in meinen Gärtnerklamotten habe ich schnell mein Auto weggefahren.“ Die Zufahrt wurde gesperrt. Innerhalb der nächsten fünf Wochen werde die Scheune abgerissen, erhielt sie als Auskunft.

Knapp zwei Jahre später steht die windschiefe Scheune mit dem abgedeckten Dach immer noch und ist einfach nicht umgefallen. In der langen Zeit seit der Sperrung muss die heute 81-Jährige ihre Mülltonnen Woche für Woche über sieben Stufen ans andere Ende ihres Grundstücks wuchten. Auch der Bauer, der das nahe Feld bestellt, muss einen langen Umweg fahren –, auch er darf an der Scheune nicht vorbei. Wird die Sickergrube von Ute Groß geleert, müssen mehr als 50 Meter zusätzlicher Schlauch verlegt werden. Wegen dieser kommt jetzt aber Bewegung in die Sache. Eigentlich hätte längst der Kanalanschluss gelegt werden müssen. Jetzt erhielt Groß eine Fristverlängerung über den November 2020 hinaus – die Baufirma dafür muss halt auch an der Scheune vorbei.

Woche für Woche rollt Ute Groß (81) ihre Mülltonnen 50 Meter weit und über sieben Stufen zur Straße.

Warum wird die Scheune nicht einfach niedergerissen? Jetzt wird es kompliziert. Hintenmeiswinkel gehört zu den idyllischen Hofschaften, die mit Fachwerk- und Einfamilienhäusern ihre Reize ausspielt. So erwarb ein Unternehmer das Nachbargrundstück neben dem von Ute Groß. Doch nach dem Tod des Nachbarn schlugen dessen Nachkommen das Erbe wegen Vermögenslosigkeit des Erblassers aus. Ein Insolvenzverwalter wurde eingesetzt, das Grundstück zum Verkauf angeboten.

Doch das bedeutete keineswegs das Ende der Scheune. Viele rechtliche Hürden standen plötzlich im Weg. Die städtische Bauaufsicht habe die Lage zusammengefasst, erklärt Stadtsprecherin Birgit Wenning-Paulsen. Der Weg entlang der Scheune sei eine Privatstraße als Zuwegung zum Grundstück von Ute Groß jedoch öffentlich-rechtlich gesichert. Zunächst sei dem damals noch lebenden, aber schwer erkrankten Eigentümer wegen Einsturzgefahr der Zutritt zur Scheune und dem angrenzenden Haus untersagt worden.

„Es kommt nur ein Gesamtabbruch von Haus und Scheune in Frage.“

Birgit Wenning-Paulsen, Stadt

Dann vergingen aber nicht fünf Wochen, sondern ein ganzes Jahr. Die Bauaufsicht holte selbst Preise für den Abriss ein, berichtet Wenning-Paulsen. Dabei verschlimmerte sich die Tragweite: „Im Zuge der Angebotseinholung wurde festgestellt, dass ein isolierter Abbruch der Scheune aufgrund der baulichen Verzahnung mit dem angrenzenden Wohnhaus nicht möglich ist und daher nur ein Gesamtabbruch in Frage kommt.“

Im August 2019 erging eine Abbruchverfügung an den Grundstückseigentümer, für den zwischenzeitlich ein Betreuer eingesetzt wurde. Kurz darauf verstarb der Eigentümer. Da die Erben ihr Recht an der Scheune ausschlugen, hatte die Stadt plötzlich keinen Ansprechpartner mehr. Erst seit Dezember 2019 ist der Insolvenzverwalter zuständig.

Das Rathaus ist zugleich bemüht, Frau Groß wieder Zugang zum Haus zu verschaffen. Stadtdirektor Hartmut Hoferichter schrieb ihr vergangene Woche: „Zwischenzeitlich arbeitet die Bauaufsicht aktiv an einer Lösung zur Niederlegung der Gebäude, ohne das Aufgebotsverfahren abwarten zu müssen.“ Denn alles ist noch komplexer. Inzwischen gibt es einen Interessenten für das Grundstück. Der kann jedoch nicht kaufen, weil auf dem Grundstück eine Grundschuld liegt, für die der Schuldbrief zum Austragen des Rechts fehlt. Dazu wurde das Amtsgericht eingeschaltet. Folge: Der Eigentumsübergang erfolgt erst in einem halben Jahr.

Die Stadt will im Sinne von Ute Groß nicht so lange warten und sucht einen Weg, die Durchsetzung der rechtsgültigen Abrissverfügung zügig umzusetzen, die Scheune abzureißen. Insolvenzverwalter Robin Schmahl äußerte sich auf eine Tageblatt-Anfrage wie folgt: „Das Grundstück wurde inzwischen veräußert, so dass die Probleme hoffentlich gelöst werden können, sobald die Umschreibung erfolgt ist.“

Isolation

Ute Groß fühlt sich durch die Straßensperrung sozial ausgegrenzt: „Man macht sich keine Vorstellung davon, welche gesellschaftlichen Einschnitte die Sperrung für mich bedeutet. Ich bekomme auch keinen Besuch mehr von meinen gleichaltrigen Geschwistern und Freunden wegen der unüberwindbaren Zuwegung. Die haben Sehprobleme oder Hüftleiden.“

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