Andacht

„Himmelhochjauzend – zu Tode betrübt“

Meinrad Funke ist leitender Pfarrer von St. Sebastian, dazu gehören Aufderhöhe, Merscheid; Ohligs und Wald. Archivfoto: Christian Beier
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Meinrad Funke ist leitender Pfarrer von St. Sebastian, dazu gehören Aufderhöhe, Merscheid; Ohligs und Wald.

Theologen laden im ST zur Andacht ein – heute der katholische Pfarrer Meinrad Funke

Liebe Leserinnen und Leser,

seit einiger Zeit unterliege ich starken Stimmungsschwankungen und ich bin sicher, dass ich damit nicht allein bin.

Schaue ich nach Russland und in die Ukraine, bin ich entsetzt und auch verstört. Wie können Menschen einander solche Gräuel antun? Bestialische Morde, zerstörte Städte, Lüge und Unterdrückung von Tatsachenberichten. Aus Überzeugung habe ich vor 40 Jahren den Kriegsdienst verweigert – jetzt frage ich mich, ob das richtig war, oder ob Aggressoren nur mit Waffengewalt Einhalt geboten werden kann. Auf der anderen Seite erlebe ich so viel Hilfsbereitschaft und auch endlich, endlich Einsicht in die Notwendigkeit, unabhängig und nachhaltig zu wirtschaften und zu konsumieren.

Einerseits erlebe ich seit einigen Monaten eine hoffentlich vorübergehende Lebenskrise, andererseits freue ich mich an dem beginnenden Frühling, der mich trotz meiner Körperbehinderung schon zu mancher Fahrradtour gelockt hat, die ich genieße. Manche Entwicklungen und Ereignisse in meiner Kirche befremden mich sehr und ich vermisse dringende Reformen. Aber gerade in letzter Zeit habe ich so tolle Begegnungen mit Menschen, die trotz aller berechtigten Kritik durch Taufe, oder Wiedereintritt zeigen, dass sie Teil dieser Kirche sein wollen, da der Glaube, die Liturgie und die Gemeinschaft ihnen wichtig und wertvoll sind und offenbar hier bei uns in St. Sebastian erlebt werden.

„Himmelhochjauchzend – zu Tode betrübt“ hätte meine Mutter zu solchen inneren und äußeren Wechselbädern gesagt, die wahrscheinlich alle kennen. „Hosianna-kreuzigt ihn“ ruft das Volk in den biblischen Geschichten des Palmsonntags.

Erst der Jubel beim Einzug in Jerusalem, später die große Enttäuschung. Jesus ist anders, als die Menschen sich ihn vorgestellt haben. Er vertreibt nicht die Römer, gebraucht keine irdische Gewalt. Er ist nicht der triumphierende König, sondern der König der Herzen – seine Macht zu erfahren setzt voraus, selbst umzukehren und sich auf Neues einzulassen. Deshalb wollen sie ihn auf einmal nicht mehr und fordern seine Hinrichtung. In einem Gottesdienst am sogenannten Palmsonntag, den die katholische Liturgie als Ouvertüre der Karwoche bezeichnet, geschieht dieser Wechsel. In der darauffolgenden Woche gehen wir dann noch einmal die einzelnen Stationen durch: Fußwaschung (als Zeichen des einander Dienens, Abendmahl, Trauer und Gebet in der Todesangst, Folter und Tod).

All das wird bewusst begangen, um deutlich zu machen: Der Sohn Gottes kennt das – er ist mit den Abgründen vertraut und entzieht sich nicht.

„Das Beste kommt zum Schluss.“

Am Ende aber feiern wir seine Auferstehung – das Beste kommt zum Schluss! Und das ist meine Hoffnung: Am Ende der Höhen und Tiefen steht nicht der Abgrund Leben und Freude daran.

Dieser Osterglaube gibt mir Kraft, in den Abgründen des Lebens, der Welt und der Kirche nicht stehen zu bleiben, sondern weiter zu gehen, der aufgehenden Sonne am Ostermorgen entgegen.

Vielleicht haben Sie Lust, sich mit dem, was Sie bewegt, auf einen solchen Weg einzulassen. Viele Kirchengemeinden dieser Stadt laden Sie dazu ein. Dafür müssen Sie nicht besonders fromm sein – noch nicht einmal unbedingt gläubig. Lassen Sie sich einfach auf die Atmosphäre der besonderen Gottesdienste in der kommenden Woche ein. Es geht ungeschminkt um Leiden und Sterben, aber es mündet im Leben.

In diesem Sinne eine gesegnete Kar- und Osterwoche.

Ihr Meinrad Funke

Zur Person

Meinrad Funke ist 58 Jahre alt und seit 2015 leitender Pfarrer von St. Sebastian (Aufderhöhe, Merscheid, Ohligs und Wald). Sein Theologiestudium absolvierte er in Freiburg, Bonn und Tübingen.

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