Verkehr

Fragen an Bernhard Stoer: Was muss für Radfahrer in Solingen besser werden?

Der Radfahrstreifen auf der Grünewalder Straße ist zu schmal und hat keinen Sicherheitsabstand. Für den ADFC fordert Bernhard Stoer „Schutz, der den aktuellen Vorgaben entspricht“.
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Der Radfahrstreifen auf der Grünewalder Straße ist zu schmal und hat keinen Sicherheitsabstand. Für den ADFC fordert Bernhard Stoer „Schutz, der den aktuellen Vorgaben entspricht“.

Bernhard Stoer vom ADFC spricht im Interview über fehlende Infrastruktur für Radfahrer, Kompromisse – und sein Familienauto.

Von Björn Boch

Bernhard Stoer auf dem Heimweg an der Brücke über die A 3 in der Ohligser Heide.

Bernhard Stoer, Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) Solingen, engagiert sich nicht nur für Radfahrerinnen und Radfahrer, sondern geht selbst mit gutem Beispiel voran. Vom Solinger Westen zu seinem Arbeitsplatz in Düsseldorf pendelt er mit dem Rad. Das ST hat ihn während einer Heimfahrt via Videotelefonat befragt: ein Gespräch über das Fahrradfahren – beim Fahrradfahren.

Herr Stoer, ist Fahrrad fahren in Solingen nicht viel zu gefährlich?
Bernhard Stoer: Eigentlich nicht. Klar passieren Unfälle, aber gefährlich ist es nicht. Einerseits. Andererseits gibt es ein subjektives Sicherheitsgefühl – und das ist oft nicht gut. Viele Strecken sind nicht für das Fahrrad optimiert oder schlicht nicht fürs Radfahren vorgesehen. Deswegen fahren viele auf manchen Routen gar nicht oder weichen auf den Gehweg aus, was sie nicht dürfen.
Was muss sich in Solingen tun, damit mehr Leute aufs Fahrrad umsatteln?
Stoer: Wir brauchen eine vernünftige Infrastruktur. Die haben wir definitiv nicht. Klar, wir haben die Trasse, aber die ist nicht sonderlich breit. Es gibt immer wieder Konflikte. Auch sonst sieht es auf wichtigen Verbindungen nicht gut aus. Radabstellanlagen gibt es in Solingen kaum, in Düsseldorf zum Beispiel an jeder Ecke. Die Pläne für eine größere, überdachte Anlage am Solinger Hauptbahnhof, vielleicht sogar mit Reparaturservice, sind leider noch nicht mal angeschoben.
Bevor ich das Rad irgendwo abstelle, muss ich erstmal hinkommen. Was fehlt auf den Strecken?
Stoer: Jeder weiß in der Verwaltung, wie eine Straße gebaut wird – für Autos. Für Fahrräder nicht. Viele Radwege kommen aus dem Nichts und enden abrupt. Nehmen wir die Neuenhofer- und Grünewalder Straße als Beispiel. Der Radfahrstreifen dort ist nicht breit genug und hat keinen Sicherheitsabstand zu parkenden Autos. Wenn ich den als Radfahrer aber nicht einhalte, bin ich mit Schuld, wenn es zu Unfällen kommt. Eigentlich müsste er weggefräst werden. Und durch einen Radschutzstreifen ersetzt werden, der den aktuellen Vorgaben entspricht.
Was haben Radfahrer davon, wenn er weggefräst und nicht erneuert wird, etwa weil Geld fehlt?
Stoer: Ich bin der Meinung, dass der Streifen niemandem nutzt. Da fahren nur die wirklich Hartgesottenen. Diese Streifen sind kaum breiter als der Lenker, und die Autofahrer heizen vorbei, als gäbe es die Regel mit 1,50 Meter Abstand nicht. Also nehmen viele doch wieder das Auto. Oder weichen auf den Gehweg aus.
Was ist die Alternative?
Stoer: In Langenfeld gibt es eine Lösung, die den Niederlanden entlehnt ist: breitere Radschutzstreifen auf beiden Seiten. Dadurch wird die innere Fahrgasse optisch so schmal, dass die Verwaltung die gestrichelte Mittellinie wegnehmen darf. Es können immer noch Autos in beide Richtungen fahren. Aber es beruhigt den Verkehr enorm. Radfahrer können nur überholt werden, wenn kein Gegenverkehr herrscht.
Das wird Autofahrer nicht begeistern.
Stoer: Wenn wir wirklich etwas für den Radverkehr und den Klimaschutz tun wollen, dann geht das. Die Alternative sind Hirngespinste wie eine Viehbachtalstraße mit Radweg, die aber keine Kita, keine Schule, keine Tagesmutter und keinen Bäcker tangiert. Der Radweg dort hätte Mehrwert für den Freizeitverkehr und alle, die von Mitte nach Ohligs und umgekehrt müssen. Ziele dazwischen sind umständlich zu erreichen.
Die Stadt plant eine Route über Beethovenstraße und Merscheider Straße. Mehr als 200 Parkplätze würden wegfallen. Können wir Autos und Räder nicht gemeinsam denken?
Stoer: Das ist oft schwierig, weil der Platz fehlt. Wenn der politische Wille da ist, gibt es Lösungen. Wenn es immer und fast überall einen Parkplatz gibt – während ich mit hochwertigen und teuren Pedelecs schauen muss, wo ich bleibe – werden die Leute nie eine Alternative zum Auto suchen. Wieso nicht in den Nebenstraßen konsequentes Anwohnerparken – mit der Möglichkeit für Auswärtige, einen Parkschein zu ziehen?
Vor allem Händler sagen, wie wichtig für sie Erreichbarkeit mit dem Auto ist.
Stoer: Dann begrenzen wir die Dauer beim Parken und schaffen so Fluktuation. Es muss eine für beide Seiten befriedigende Lösung geben. Klar werden Autofahrer einiger „Freiheitsrechte“ beraubt. Aber wir sind ja auch beraubt, wenn wir nicht sicher Fahrrad fahren können.
Sie haben jetzt öfter gesagt: Wenn man will, geht was. Kommen Sie manchmal zu kurz bei den Debatten über die Verkehrswende?
Stoer: Sehr gute Frage. Es hat sich über die letzten Jahre gebessert. Wir finden unsere Ideen inzwischen in städtischen Plänen wieder. Im Entwicklungskonzept für Mitte zum Beispiel ist der Radverkehr als eigener Punkt aufgeführt, gleichberechtigt zu ÖPNV und Autoverkehr. Damit ist noch nichts erreicht und nichts gebaut, aber unsere Belange werden zunehmend gehört.
Apropos langer Weg: Was halten Sie von der geplanten Radverbindung in der Müngstener Brücke?
Stoer: Sehr viel. Das wird dauern, aber wir machen da Druck. Die meisten Pendler fahren in die unmittelbaren Nachbarstädte, für alle von und nach Remscheid ist das eine super Sache. Bedenken, etwa rund um den Naturschutz, halten wir für lösbar.
Kritik gab es unter anderem an dem teuren Übergang am Kunstmuseum für die Veloroute 1.
Stoer: Ich finde 80 000 Euro im Verhältnis zum Fortschritt – taktile Streifen und niveaugleiche Übergänge am Kunstmuseum – nicht teuer. Was ich nicht verstehe: Unter der Woche müssen Radfahrer Grün anfordern per Drücker. Am Wochenende nicht, da wird automatisch zwischen Autos und Rädern abgewechselt. Wieder ein Nachteil für Fahrradpendler. Die verkehrslenkenden Stellen schalten da bislang auf stur, obwohl es mehrfach Thema beim Runden Tisch Radverkehr war.
Fahren Sie Pedelec oder ein herkömmliches Rad?
Stoer: Pedelec. Ich fahre zur Arbeit 25 Kilometer nach Düsseldorf, da müsste ich danach definitiv duschen. (lacht)
Wie funktioniert Verzicht aufs Auto – im Beruf und privat?
Stoer: Ich habe wenig Außentermine, und wenn, muss ich die gut planen. Ich kann am Runden Tisch Radverkehr teilnehmen, der meist digital tagt. Wir haben zwei Kinder, eines muss in die Schule, das andere zur Tagesmutter. Wir haben ein Familienauto – aber eben kein Zweitauto oder gar ein drittes oder viertes.
Wir führen das Interview, während Sie Rad fahren: Was kann man da so alles nebenbei erledigen?
Stoer: (lacht) Das geht wirklich gut, ich habe beide Hände am Lenker. Sie merken ja, dass selbst die Teilnahme an nicht dienstlichen Videokonferenzen möglich ist, wenn man sich diszipliniert – und nur an einer roten Ampel mal aufs Handy schaut. Die Pedelecs haben einen Technologie-Schub gebracht – beim Zubehör und am Rad selbst.

Zur Person

Bernhard Stoer: Der
43-Jährige ist seit diesem Jahr Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) Solingen. Er ist CDU-Mitglied, verheiratet, hat zwei Kinder und ist Mitglied des Runden Tischs Radverkehr sowie des Fahrgastbeirats.

ADFC: Der Club engagiert sich in allen Belangen des Radverkehrs und hat in Solingen derzeit mehr als 300 Mitglieder. Weitere Infos zum Club online: www.w-sg.adfc.de.

Umfrage: Aktuell erhebt der Club in einer deutschlandweiten Online-Umfrage die Zufriedenheit der Radfahrenden vor Ort. In den vorigen Jahren hat Solingen regelmäßig schlecht abgeschnitten.

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