Heiliger Zorn statt seliger Sanftmut

Meinrad Funke ist leitender Pfarrer in der katholischen Pfarrgemeinde St. Sebastian. Fotos: Michael Schütz, Mona Hüttem-Höhler
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Meinrad Funke ist leitender Pfarrer in der katholischen Pfarrgemeinde St. Sebastian. Fotos: Michael Schütz, Mona Hüttem-Höhler

Theologen laden im ST zur Andacht ein – heute der katholische Pfarrer Meinrad Funke

Liebe Leserinnen und Leser,

zuletzt sind die Covid-Infektionszahlen wieder immens in die Höhe gegangen – bei uns im bergischen Städtedreieck und weltweit. Gleichzeitig gehen Menschen auf die Straße, die bewusst Schutzmaßnahmen ablehnen und hinter notwendigen Verordnungen Willkür und Verschwörung wittern.

Ich erlebe einen amerikanischen Präsidenten, der mit seiner eigenen Betroffenheit kokettiert und damit all jene nicht ernst nimmt, die selbst schwer durch Corona erkrankt sind, oder Angehörige verloren haben. Andere Szene: Nach wie vor verhungern viele Menschen auf der Welt – werden aber gleichzeitig Müllberge von Lebensmitteln produziert. Junge und nicht mehr so ganz junge Menschen setzen sich für Klimaschutz ein, während sich an unserem Konsumverhalten – Massentierhaltung, Straßen- und Luftverkehr, und Ähnliches gehen unvermindert weiter, um nur wenige Bereiche zu betrachten.

Wo es um die Würde der Geschöpfe geht, wo Leben aufs Spiel gesetzt wird, da darf, da muss ich mich als Christ aufregen.

Pfarrer Meinrad Funke

Wenn ich mich über solche Dinge, oder noch mehr im täglichen Leben einmal ärgere, bekomme ich gelegentlich zu hören: „Du darfst Dich doch als Christ nicht so aufregen – Du musst freundlich sein – liebe Deinen Nächsten . . .“ Mir erscheint es ein falsches Verständnis von Christ-Sein und von Nächstenliebe, alles nur wegzulächeln, Meinungen bis zur Unkenntlichkeit herunterzudrosseln und Konflikte zu vermeiden. Das führt nicht zum ersehnten Frieden, sondern zur Belanglosigkeit.

Im Evangelium zum 28. Sonntag im Jahreskreis (Matthäus 22,1-14) lesen wir dann auch von einem König, der zornig wird. Er hat alle eingeladen, das Leben zu feiern, Hochzeit zu feiern. Die Eingeladenen sind aber gleichgültig und haben tausenderlei Ausreden. Sie ignorieren die Einladung und ermorden die Boten. Jetzt wird der König zornig. Er tötet die Mörder und lädt andere ein, als geplant.

Die Geschichte ist schwierig und es fällt mir schwer, darin eine frohe Botschaft zu erkennen. Eines aber ist befreiend und erlösend. Der König, der mit Gott identifiziert wird, ist zornig. Es gibt nicht nur selige Sanftmut, sondern auch heiligen Zorn. Wo es um die Würde der Geschöpfe geht, wo Leben aufs Spiel gesetzt wird, wo Menschen arrogant über andere hinweggehen, da darf, da muss ich mich als Christ aufregen. Sicher entspricht das Gleichnis in seiner Radikalität nicht mehr unserer heutigen Vorstellungswelt – Gott sei Dank. Und ganz bestimmt sollten wir als Christen Frieden stiften und großzügig sein. Aber gerade um dieser Werte Willen dürfen wir nicht gleichgültig sein. Wo nötig, ist heiliger Zorn und Widerstand notwendig.

Ihnen allen eine gesegnete Woche, Ihr Meinrad Funke

Zur Person

Meinrad Funke ist seit 2015 leitender Pfarrer der Pfarrgemeinde St. Sebastian (Aufderhöhe, Merscheid, Ohligs und Wald). Aufgewachsen und geprägt in Düsseldorf-Wersten. Nach dem Abitur und dem Zivildienst studierte er Theologie. Der 56-Jährige war viele Jahre als Sozialarbeiter tätig. 1998 zum Priester geweiht. Zudem hat er weitere Ausbildungen: zum Geistlichen Begleiter und zum systemischen Familienberater.

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