Innenstadt

So steht es um die Leerstände auf der Hauptstraße

Die Hauptstraße in der Solinger Innenstadt.
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Die Hauptstraße in der Solinger Innenstadt.

Leerstände haben in den vergangenen vier Jahren um 50 Prozent zugenommen – aber auch neue Geschäfte wagen den Start an der Hauptstraße.

Von Simone Theyßen-Speich

Solingen. Der Blick auf die Hauptstraße offenbart, dass die Erneuerung der Solinger Innenstadt ein weiter Weg werden wird. Zuletzt ist mit dem „Eiscafé 2000“ ein langjähriger fester Anlaufpunkt in der City verschwunden. „Nach über 30 Jahren haben wir uns entschlossen, unsere Eisdiele zu schließen und in den wohlverdienten Ruhestand zu gehen“, informierten die Inhaber ihre Kunden. Ein weiterer Leerstand in der insgesamt lückenhaften Solinger Einkaufsmeile.

Von den insgesamt 82 Ladenlokalen an der Hauptstraße in dem dargestellten Abschnitt zwischen Clemens-Galerien und Entenpfuhl sind aktuell 57 vermietet und 25 leerstehend. Vor vier Jahren, als das ST diesen Überblick zuletzt veröffentlichte, waren es noch 17 Leerstände und 65 vermietete Geschäfte. Zu der Zunahme von Leerständen um etwa 50 Prozent kommt hinzu, dass sich mit Abgängen von großen Geschäften wie Woolworth, Adler, oder Galeria Kaufhof die optische Tristesse verstärkt.

Aber es gibt auch positive Nachrichten. Direkt neben dem jetzt geschlossenen Eiscafé in den ehemaligen Räumen von Ernsting’s Family hat „Der Schlesier“ mit Wurstwaren und Feinkost neu eröffnet. Inhaber Thaddäus Bulczak hat damit sein fünftes Geschäft neben zweien in Köln sowie Filialen in Dormagen und Leverkusen aufgemacht. Seit fünf Monaten bietet er dort jetzt schlesische Lebensmittel an und ist bislang durchaus zufrieden. „In unser Geschäft in Leverkusen kamen immer viele Kunden aus Solingen, die angeregt haben, auch hier eine Filiale zu eröffnen“, schildert er seine Motivation. Jede Neueröffnung sei ein Risiko, „aber ich bin seit 25 Jahren in diesem Geschäft und optimistisch, dass es in Solingen gut läuft.“ Thaddäus Bulczak hat sich verschiedene Ladenlokale in der Solinger City angeschaut und sich letztlich für die zentrale Lage an der Hauptstraße entschieden.

Auch der Optiker Fielmann setzt langfristig auf den Standort in der City. 950 000 Euro hat das Unternehmen im vergangenen Herbst in den Umbau seiner Filiale an der Hauptstraße, die auch Ausbildungsstandort ist, investiert. Niederlassungsleiter Michael Jaspert freut sich, den Kunden in dem modernisierten Ladenlokal unter anderem vier Räume für Sehtests anbieten zu können.

Intersport Borgmann ist 2018 von der unteren Hauptstraße in die Clemens-Galerien umgezogen. Filialleiter Andreas Bieber sieht die aktuelle Situation zwiegespalten. „Die Zielgruppe der Käufer hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Auch durch den Weggang von P&C und Kaufhof haben wir gemerkt, dass viele Kunden, die sonst alles in der Innenstadt gefunden haben, weggeblieben sind“, bedauert er. Das Sportfachgeschäft habe seine Kunden zwar halten können, „aber es wäre natürlich schöner, wenn alles ringsherum besetzt wäre“, so Bieber mit Blick auf viele Weggänge auch in den Clemens-Galerien. Intersport Borgmann wird jetzt sein Sortiment erweitern, etwa auch Fahrräder anbieten. „Auch die Sport-Kunden sind älter geworden und setzen andere Schwerpunkte, darauf wollen wir reagieren.“

Solingen: Viele Leerstände gibt es vor allem auf dem unteren Bereich der Hauptstraße

In den kleinen Seitenstraßen sieht die Situation deutlich besser aus als auf der Hauptstraße. Rund um Kirchstraße, Küstergasse, Linkgasse und Ohliger Tor sind aktuell kaum leere Geschäfte und zugeklebte Schaufenster zu beklagen. Auch in das Bachtor-Center ist mit dem Einrichtungsgeschäft Hedi’s Home, Herrenbekleidung, Reisebüro, Asiatischem Imbiss, Eiscafé und Nagel-Boutique wieder etwas neues Leben eingezogen.

Mehr Leerstände gibt es im unteren Bereich der Hauptstraße. So ist auch das Ladenlokal, in dem bis 2020 die Bergische Krankenkasse Geschäftsräume hatte, nicht wieder vermietet. „Wir haben die Geschäftsstellen an unserer Zentrale in Wald zusammengelegt und zudem noch das Kundenzentrum mit vielen digitalen Angeboten an der Düsseldorfer Straße in Ohligs“, erklärt BKK-Pressesprecherin Heike Ambaum. Das Angebot in der City ohne Parkplätze sei nicht stark nachgefragt gewesen.

„Vermieter müssen außerordentlich flexibel sein.“

Rainer Post, Eigentümer

Mieter für Geschäftsimmobilien entlang der Hauptstraße zu finden und zu halten – das ist Immobilienbesitzer Rainer Post gelungen. Er besitzt drei Häuser mit vier Gewerbeeinheiten. „Es ist mit Parfümerie Pieper, brillen.de, einem Nagelstudio und einem Bubble-Tea-Shop alles vermietet“, erzählt er im ST-Gespräch. „Man muss natürlich außerordentlich flexibel sein – bei der Branche, der Laufzeit und der Miete.“ Vermieter dürften nicht auf 1A-Mieter warten. „Es müssen Branchen sein, die mit der geringen Frequenz der Hauptstraße klar kommen.“ Auch könne man bei Neuabschlüssen nicht mehr auf langfristige Verträge hoffen, „Zehn-Jahres-Verträge gibt es nur noch selten“.

All diese Faktoren hat auch die Stadt im Blick, die sich mit dem Programm „City 2030“ zur Verbesserung der Situation in der Innenstadt aufgestellt hat. Das Hof- und Fassadenprogramm soll ein Anreiz für Eigentümer sein. „Zudem ist der Anmietungsfonds ,WIN – Wagen.Investieren.Nutzen‘, welcher der Stadt ermöglicht, leerstehende Ladenlokale mit einer reduzierten Miete anzumieten und zu günstigen Konditionen an Interessenten mit guten Nutzungskonzepten weiterzuvermieten, gut angekommen“, so Stadt-Sprecher Thomas Kraft. Erste leerstehende Ladenlokale seien auf diesem Weg schon wieder genutzt. Neben der Gläsernen Werkstatt plant das Innenstadtmanagement, das im „Coworking Space“ an der Ecke Hauptstraße/Linkgasse angesiedelt ist, weitere Fördermaßnahmen und Aktionen zur Belebung der Innenstadt.

Gläserne Werkstatt

Zeitplan: Geplant ist, die Gläserne Werkstatt im Herbst zu eröffnen. Während der Sanierung wurden Elektroinstallation, Lüftungssystem und Brandschutz erneuert. Lieferprobleme im Bausektor bergen noch eine zeitliche Unsicherheit.

Aussteller: Das Anmeldeverfahren für die einzelnen Arbeitsplätze („Kuben“) läuft. Für den Start gibt es schon ausreichend Bewerber. Da es ein rollierendes System ist, können sich weitere melden.

www.seg-solingen.de/projekte/glaeserne-werkstatt/die-anmeldung

Standpunkt: Der City eine Chance geben

simone.theyssen-speich@solinger-tageblatt.de

Kommentar von Simone Theyßen-Speich

Der Weg ist lang, aber alternativlos. Um das Image der Hauptstraße als Fußgängerzone und Einkaufsstraße aufzubessern, müssen alle gemeinsam an einem Strang ziehen. Es ist ein Puzzle mit vielen Teilen. Gute Ideen, wie der Rückgang an Einzelhandel mit neuen Ideen für Gastronomie, Wohn- oder Büroräume kompensiert werden kann, gehören ebenso dazu wie die Stadt, die dafür Konzepte und Fördermittel organisiert, und letztendlich die Immobilienbesitzer, die von einer Investition in den Standort überzeugt werden müssen. Aber vor allen Dingen müssen die Solinger mit ins Boot geholt werden. Die müssen den alt-eingesessenen Händlern die Treue halten und den neuen eine Chance geben. Der Gang die Hauptstraße rauf und runter, in die zahlreichen Seitenstraßen, in Clemens-Galerien und Hofgarten, den ich dieser Tage für die Berichterstattung mehrfach intensiv gemacht habe, lässt doch immer wieder Interessantes entdecken. Vieles ist tatsächlich einen zweiten Blick wert. Aber klar ist: Wer nur meckert und dann alles im Internet kauft, leistet keinen Beitrag dazu, dass die City wieder attraktiver wird.

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