Aktion

Hasseldelle: Stadt startet mit Sonderimpfungen im Quartier

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Die Impfung fand im Vereinsheim von „Wir in der Hasseldelle“ an der Rolandstraße statt.

Rund 400 Menschen wurden aufgrund hoher Infektionszahlen und beengter Wohnverhältnisse geimpft – Aktion soll an der Zietenstraße fortgesetzt werden.

Von Björn Boch

Solingen. In der Hasseldelle hat die Stadt am Wochenende mit den Impfungen in sozial benachteiligten Stadtteilen begonnen – nach Angaben der Pressestelle wurden rund 400 Menschen geimpft. Einzelne Wohneinheiten und Häuserblocks seien vorab mit mehrsprachigen Flugblättern und Aushängen informiert worden, erklärte Rüdiger Mann, Leiter des Stadtdienstes Jugend. Kita und der Verein Wir in der Hasseldelle samt Quartiersmanagement hätten gezielt Eltern angesprochen und beraten. Im Einsatz waren am Wochenende neben dem Verein das Gesundheits- und das Ordnungsamt, das Impfzentrum, Ärzte, das Medimobil und Dolmetscherinnen des Kommunalen Integrationszentrums.

Für die landesweite Impfaktion hat das Land NRW rund 33 000 Dosen des Impfstoffs von Johnson & Johnson zur Verfügung gestellt. 807 davon gingen nach Solingen. Die Herausforderung bestehe laut Mann nun darin, möglichst viele Dosen zu verbrauchen, ohne das Angebot zu groß zu fassen, um nicht viele Enttäuschte abweisen zu müssen. Die Aktion soll zeitnah an der Zietenstraße fortgesetzt werden – und wird ausgeweitet, sofern das Land mehr Impfstoff bereitstellt.

Solingen: Hohe Werte gibt es auch in anderen Stadtquartieren

Die Auswahl des Kerngebiets sowohl der Hasseldelle als auch der Zietenstraße basiere auf der überdurchschnittlich hohen Inzidenz über eine längere Zeit und auf der Möglichkeit, gezielt wenige Blöcke auszuwählen, um die Bewohner auch ansprechen zu können, heißt es in einer Analyse der städtischen Statistikstelle. Dabei werden die Infektionen in den letzten sechs Monaten betrachtet – sie lagen etwa doppelt (Hasseldelle) beziehungsweise dreimal so hoch (Zietenstraße) wie im Durchschnitt der Stadt. „Enge Wohnverhältnisse bei vielen großen Familien münden dann schnell in hohe Fallzahlen“, so Thomas Groos, Abteilungsleiter Statistik.

Soziale Benachteiligung und eine kleinräumliche Infektionslage sind Voraussetzungen für die Sonderimpfungen. Das Quartier Mangenberg-Untengönrath etwa weist höhere Zahlen auf als die Hasseldelle, ist aber kein Quartier mit prekärer sozialer Lage. Und der Innenstadt-Kernbereich ist zu groß für die wenigen Sonderimpfdosen, die es derzeit gibt.

Auch das das Medimobil war vor Ort.

Einer der ersten, der das Angebot am Samstagmorgen wahrgenommen hatte, war Christoph Beck. Er brachte zuerst seine 88-jährige Mutter zum Vereinsheim an der Rolandstraße und ließ sich danach gemeinsam mit seiner Frau impfen. Sie darf seit kurzem wieder in der Gastronomie arbeiten, er ist noch in Kurzarbeit. „Die Impfung ist eine tolle Aktion und eine große Erleichterung für uns.“ Janine Lewandowski und Tochter Celina waren ebenfalls bei der Impfung – auch sie hatten über Flugblätter im Haus von der Aktion erfahren und Freunde und Bekannte informiert.

Solingen: Am Samstag drohte Impfstoff zu verderben

Zu Beginn der Aktion habe es am Samstag guten Zulauf gegeben, so Stadtsprecherin Sabine Rische. Für einen zügigen Ablauf seien daher rund 100 Impfdosen aufgezogen worden. In der Mittagszeit sei der Zulauf jedoch abgebrochen – es gab die Sorge, dass die aufgezogenen Dosen nicht rechtzeitig verimpft werden können. Das Einzugsgebiet der Hasseldelle, das zunächst nur einige Wohnblöcke umfasste, sei daher ausgeweitet worden. „Am Nachmittag fuhr das Rote Kreuz mit dem Lautsprecherwagen durch die Siedlung. Darüber hinaus haben das Kommunale Integrationszentrum und die Jugendförderung auch weitere Personen kontaktiert, die nicht im Quartier wohnen, aber zur Zielgruppe gehören“, so Rische. Am Nachmittag habe sich der Zulauf gesteigert, kein Impfstoff verdarb.

Als „richtig und gut“ empfindet Christian Petschke vom Verein Wir in der Hasseldelle die Impfaktion. Er lobt die Zusammenarbeit und das Engagement rund um die Impfaktion und wehrt sich gegen eine Stigmatisierung des Stadtteils, gegen Begriffe wie „Brennpunkt“ oder „Problemquartier“. Die Hasseldelle sei benachteiligt aufgrund der Infrastruktur: Es gebe nur einen Arzt in einem Kilometer Entfernung und keinen Kinderarzt in dem nicht gewachsenen, am Reißbrett geplanten Quartier. „Es gibt hier ökonomisch schwache Familien und viele verschiedene Nationen auf engem Raum.“ Für viele sei das Angebot, einen Termin im Impfzentrum zu buchen, mit sprachlichen und kulturellen Barrieren verbunden.

Dr. Cornelia Kochen war als Ärztin vor Ort

So viele Menschen wie in der Hasseldelle auf so engem Raum gebe es sonst kaum in Solingen. Und genau diese Enge mache in der Pandemie Probleme – etwa wenn sich mehrere Geschwister ein Zimmer teilen und über Monate das Leben stillsteht wegen des Virus. Dazu komme bei einigen Familien eine fehlende Perspektive im Leben. „Da kommt es dann schon mal zu Verstößen. Natürlich gibt es Einzelne, die sich nicht an die Regeln halten. Aber nur, weil manche dieser Menschen einen Migrationshintergrund haben, kann man doch nicht alle über einen Kamm scheren.“

Petschke arbeitet seit 20 Jahren im Quartier. Die Unterschiede zum Rest der Stadt seien so groß nicht. „Es macht betroffen, dass wir auf einen schlechten Ruf reduziert werden.“ Ebenso betroffen macht ihn, dass manche Solinger nun beklagten, dass die Hasseldelle eine Sonderbehandlung bekäme – was nur bedingt stimmt. Zum Impfneid hat er eine klare Meinung: „Das ist kein Neid, das ist Missgunst.“

Priorität

Impfverordnung: In der Verordnung zum Anspruch auf Schutzimpfung gegen das Coronavirus wird derzeit noch die sogenannte dritte Gruppe mit „erhöhter Priorität“ geimpft. Dazu gehören unter anderem „Personen mit prekären Arbeits- oder Lebensbedingungen“.

Aufhebung: Zum 7. Juni wird die Priorisierung aufgehoben, dann kann sich jeder um einen Termin bemühen.

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