Mordprozess geht weiter

Polizist über Wohnung in der Hasseldelle: „Es sah aus wie ganz normales Leben“

Dritter Verhandlungstag im Mordprozess am Landgericht Wuppertal findet statt. 
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Dritter Verhandlungstag im Mordprozess am Landgericht Wuppertal findet statt. 

Polizisten schilderten vor Gericht den Einsatz nach der fünffachen Kindstötung in der Hasseldelle.

Von Kristin Dowe

Solingen. Im Prozess um die fünffache Kindstötung in Solingen kamen am Verhandlungstag am Montag vor dem Landgericht Wuppertal mehrere Polizeibeamte zu Wort, die an jenem Tag im September 2020 als erste am Tatort eingetroffen waren. Eine 28-jährige Solingerin muss sich derzeit wegen Mordes an fünf ihrer sechs Kinder verantworten, die sie im Herbst vergangenen Jahres in ihrer Wohnung im Stadtteil Hasseldelle zuerst mit Medikamenten ruhiggestellt und dann der Reihe nach in der Badewanne erstickt oder ertränkt haben soll.

Ein 28-jähriger Polizeibeamter schilderte, dass er zunächst nur grobe Informationen über die Sachlage hatte. Ursprünglich hatte die Leitstelle der Polizei Mönchengladbach einen Notruf von der Mutter der Angeklagten erhalten, dass sich die toten Kinder in der Wohnung befänden. Darüber soll die Beschuldigte ihre Mutter selbst informiert haben. Als an der Wohnungstür niemand auf das Klingeln und Klopfen der Polizei reagierte, habe er die Tür eingetreten. In den Räumen machte der Beamte dann den tragischen Fund: Unter einer Bettdecke seien nur die Füße eines Jungen zu sehen gewesen, an dessen Körper bereits die Leichenstarre eingesetzt habe.

Fünffache Kindstötung in Solingen: Angeklagte ringt mit den Tränen und wendet sich ab

Fotos vom Tatort dokumentieren die Auffindesituation auch bei den anderen Kindern – in Handtücher gewickelt oder nur teilweise bedeckt hatte die mutmaßliche Täterin sie ordentlich gebettet. „Wer das nicht sehen möchte, sollte jetzt wegschauen“, warnte der Vorsitzende Richter Jochen Kötter die Prozessbeteiligten. Die Angeklagte rang mit den Tränen und wandte sich ab, als er durch die Aufnahmen scrollte.

Die Wohnung selbst zeigte einen scheinbar gewöhnlichen Familienalltag. Auf dem Boden stand eine große Spielzeugkiste, die Wohnung war hell und freundlich mit vielen Bildern gestaltet – nichts deutete sonst darauf hin, dass das Leben ihrer Bewohner aus den Fugen geraten sein könnte. „Es sah aus wie ganz normales Leben“, brachte dies später im Prozess auch der Dienstgruppenleiter der Polizei auf den Punkt, der außerdem keine Spuren eines Kampfgeschehens in der Wohnung ausmachen konnte. Auf dem Tisch standen noch Becher und Flaschen vom Frühstück – offenbar die Reste der Getränke, denen die Angeklagte mutmaßlich sedierende Medikamente beigemischt hatte.

Nachdem der 28-jährige Polizist die Vitalfunktionen der Kinder durch Fühlen des Pulses überprüft hatte und nur noch deren Tod feststellen konnte, habe er den Tatort schnell verlassen, „um ihn nicht zu verunreinigen“. Eine 29-jährige Beamte schilderte sichtlich bewegt, dass eine Leiche Schaum vor dem Mund gehabt habe. In einem weiteren Zimmer habe sie nur „die blonden Schöpfe“ der Kinder gesehen. Auch zwei Auszubildende seien an dem Einsatz beteiligt gewesen.

Polizeipräsident Markus Röhrl hatte im Nachgang der Tat angemerkt, dass alle Polizeibeamten, die an jenem Tag zu der Wohnung in dem Hochhaus in der Hasseldelle ausgerückt waren, psychologische Hilfe in Anspruch nehmen mussten. Auch in der gerichtlichen Vernehmung wurde deutlich, dass der Einsatz bei den Beamten Spuren hinterlassen hat. „Sie wirken auch heute noch angefasst von der Situation“, wandte sich Richter Kötter an die Polizeibeamtin.

Fünffache Kindstötung in Solingen: Angehörige der Angeklagten verweigern die Aussage

Derweil sagten die Mutter der Angeklagten sowie die Mutter von deren getrennt lebendem Ehemann am Montag nicht als Zeuginnen vor Gericht aus. Beide machten von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch – sie müssen die Beschuldigte als direkte Angehörige nicht mit einer Aussage belasten. Auch der Bruder der Angeklagten und ihr Ehemann, die am Montag nicht geladen waren, hatten über Dritte bereits angekündigt, sich nicht zu dem Fall äußern zu wollen. Letzterer wolle den Inhalt der polizeilichen Vernehmung für das Gericht freigeben, hieß es. Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

Unser Artikel vom 21. Juni, 14.30 Uhr

Solingen. Beim Prozess um die fünffache Kindstötung in Solingen machte die Mutter der 28-jährigen Angeklagten Gebrauch von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht. Damit muss sie keine Angaben zu der Tat am 3. September 2020 machen.

Am Tag der Tat hatte die Angeklagte ihrer Mutter mitgeteilt, dass diese die Polizei rufen soll, weil fünf ihrer sechs Kinder tot seien. Danach setzte sie in Düsseldorf den ältesten Sohn in den Zug nach Mönchengladbach zu ihrer Mutter und warf sich selbst vor einen Zug. Wie gewünscht hatte die Mutter der 28-Jährigen die Leitstelle informiert. Im Gericht wird sie keine Aussagen tätigen. Auch der Bruder der Angeklagten, der heute noch nicht geladen war, hat bereits erklärt, dass er ebenfalls von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen werde.

Am heutigen dritten Verhandlungstag sagten mehrere Polizeibeamte aus und berichteten, wie sie nach der Alarmierung die Türe der Wohnung der Familie eingetreten und jedes der fünf Kinder tot in ihren Betten aufgefunden hatten. KDow

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