Probleme auf Angebotsseite

Die Halbleiter-Krise trifft auch Betriebe in Solingen

Die Zahl der elektrisch betriebenen Fahrzeuge in Solingen hat sich in fünf Jahren mehr als versiebenfacht.
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Die Zahl der elektrisch betriebenen Fahrzeuge in Solingen hat sich in fünf Jahren mehr als versiebenfacht.

Die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen steigt, doch auf der Angebotsseite gibt es Probleme.

Von Manuel Böhnke

Solingen. Die Zahl der elektrisch betriebenen Fahrzeuge in Solingen hat sich in fünf Jahren mehr als versiebenfacht. Das zeigen Zahlen der Verwaltung. Ende September 2016 waren 157 vollelektrische und 335 Hybrid-Modelle in der Klingenstadt angemeldet. Im Juli dieses Jahres waren es 1038 und 2674. Allein zwischen Sommer 2020 und 2021 hat sich das Vorkommen elektrisch angetriebener Fahrzeuge mehr als verdoppelt. Hinzu kommt ein Plus im Hybrid-Bereich von mehr als 1100. Doch während die Nachfrage zunimmt, gibt es auf der Angebotsseite Probleme. Die Halbleiter-Krise macht sich im Bergischen bemerkbar.

„Das Kundeninteresse an Elektroautos hat zugenommen“, bestätigt Uwe Stamm. Vor allem Hybridfahrzeuge seien gefragt, weil Skepsis bezüglich der Lademöglichkeiten für vollelektrische Modelle herrsche. Die Bedenken kann der Obermeister der Solinger Kfz-Innung durchaus nachvollziehen: „Andere Länder sind da deutlich weiter.“ Auch in Solingen sei die Infrastruktur „bescheiden bis ausbaufähig“. Hier würde er sich größere Investitionen der öffentlichen Hand wünschen.

Auch für die Anschaffungskosten brauche es höhere Förderung, um den Anteil an Elektrofahrzeugen auf den Straßen nachhaltig zu erhöhen. Stamms Eindruck: „Die meisten Kunden sind nicht bereit, mehr zu bezahlen als für Verbrenner.“ Viele warten derzeit ab, welche Entwicklungen die neue Bundesregierung anstößt.

„Es ist eine Vollkatastrophe.“

Kfz-Obermeister Uwe Stamm über die Halbleiter-Krise

Derweil hat die Halbleiter-Krise die Branche fest im Griff. „Es ist eine Vollkatastrophe. Derzeit ist kaum an Neuwagen zu kommen“, bestätigt Uwe Stamm. Es sei nicht möglich, Kunden verbindliche Lieferzeiten mitzuteilen. In seinem Betrieb seien vereinzelt noch mehr als ein Jahr alte Bestellungen offen. Dazu, wann sich die Situation verbessern könnte, schweigen die Hersteller. Der Obermeister befürchtet, „dass 2022 ein ganz schwieriges Jahr für den Autohandel wird. Manche Unternehmen werden diese Krise nicht überstehen.“

Die Margen in der Branche seien in den vergangenen Jahren zu gering gewesen, um sich Polster aufzubauen. Außerdem schwächele inzwischen auch der Gebrauchtwagenhandel, weil Jungfahrzeuge nicht mehr auf dem Markt zu finden seien. „Wir sind darauf angewiesen, dass schnell Ware kommt.“

Stephan A. Vogelskamp zeigt sich wenig optimistisch, dass sich die Situation zeitnah normalisiert. „Ich denke, dass die Krise noch bis Sommer 2023 andauert“, erklärt der Geschäftsführer der Bergischen Struktur- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft sowie von Automotiveland NRW.

Die Auswirkungen seien immer stärker auch im Bergischen zu spüren. Betroffen sei nicht nur der Autohandel, sondern auch Zulieferbetriebe. „Wenn die Bänder bei den Herstellern stillstehen, sind einzelne Komponenten auch nicht mehr gefragt“, erläutert Vogelskamp. Einige Betriebe befinden sich seiner Einschätzung nach an einem „ganz kritischen Punkt“. Als Folge der Corona-Krise und des Transformationsprozesses der Branche sei die Lage vielerorts ohnehin angespannt – nun gebe es den nächsten Rückschlag.

Beispiel Adient: Am Solinger Standort des Zulieferbetriebs für Autositze ist Kurzarbeit angesagt. 240 Mitarbeiter sind an der Mühlenstraße davon betroffen. „Erst Corona, jetzt das. Dazwischen hatten wir nur wenige Monate zum Durchatmen“, erklärt Sprecherin Claudia Steinhoff. Kunden hätten aufgrund des Chipmangels die bestellten Volumina reduziert. Wann mit Besserung zu rechnen ist, sei unklar.

„Die derzeitigen Probleme sind nicht ohne“, sagt Marko Röhrig, Geschäftsführer und erster Bevollmächtigter der IG Metall Remscheid-Solingen. Ein Drittel der Betriebe, die die Gewerkschaft betreut, sind in der Automotivebranche tätig. Bei einigen führe die Halbleiter-Krise zu Kurzarbeit, Adient und Räderhersteller Borbet sind prominente Beispiele. Die IG Metall geht davon aus, dass es noch 12 bis 18 Monate dauern könnte, bis sich die Chip-Situation beruhigt hat. Röhrig fürchtet bis dahin mancherorts weitreichendere Folgen als Kurzarbeit.

Lademöglichkeiten

Die Stadtwerke betreiben in Solingen 32 öffentliche Ladesäulen für Elektrofahrzeuge an 27 Standorten. Konkrete Pläne für zusätzliche Möglichkeiten gebe es derzeit nicht, Ziel sei jedoch weiterhin ein „bedarfsgerechter Ausbau“. „Wir konzentrieren uns gerade darauf, Kunden- und Mitarbeiterparkplätze bei Unternehmen in Solingen auszustatten“, erklärt eine Sprecherin. Auch biete man Angebote für die Wohnungswirtschaft.

Standpunkt: Lehren ziehen

Von Manuel Böhnke

manuel.boehnke@solinger-tageblatt.de

Die Wirtschaft findet nicht zur Ruhe. Im Frühjahr 2020 verursachte die Corona-Krise ungeahntes Chaos. Nun bremsen knappe Roh- und Baustoffe, hohe Energiepreise und der Chipmangel den Aufschwung. Für die Betriebe im Bergischen ist das umso bitterer, da sie sich mit Problemen konfrontiert sehen, die sie zum Großteil nicht selbst verschuldet haben. Die meisten der vielbeschworenen Lehren aus der Corona-Pandemie müssen an anderer Stelle gezogen werden. Dazu gehört, ausreichende Produktionskapazitäten für zentrale Bauteile in Deutschland, zumindest aber im europäischen Ausland, vorzuhalten. Und das trotz aller Vorteile, die eine globale Arbeitsteilung mit sich bringen mag. Die Nachricht, dass das deutsche Traditionsunternehmen Bosch weitere 400 Millionen  in seine Chipfertigung stecken möchte zeigt, dass das längst erkannt worden ist. Bleibt zu hoffen, dass die Betriebe weiterhin so widerstandsfähig sind, wie sie sich in den vergangenen mehr als eineinhalb Jahren präsentiert haben.

Bergische Firmen setzen aus wirtschaftlichen Gründen vermehrt auf E-Autos.

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