Folgen der Pandemie

Halbleiter-Krise in Solingen spürbar: Markt für Neuwagen ist angespannt

Die Situation spitzt sich zu, berichtet der Obermeister der Kfz-Innung, Uwe Stamm. In einigen Autohäusern stehen statt Neu- nun Gebrauchtwagen auf den Verkaufsflächen. Foto: Christian Beier
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Die Situation spitzt sich zu, berichtet der Obermeister der Kfz-Innung, Uwe Stamm. In einigen Autohäusern stehen statt Neu- nun Gebrauchtwagen auf den Verkaufsflächen.

Wegen der Halbleiter-Krise droht verstärkt Kurzarbeit bei den Automobilzulieferern

Von Philipp Müller

Solingen. Der Autohändler Franz-Josef Schönauen spricht von „einem kleinen Wirtschaftskrieg“, der sich weltweit um die Lieferung von Halbleitern abspielt. Das hat jetzt auch Konsequenzen für die Autohäuser und den Arbeitsmarkt. So spricht die Agentur für Arbeit Solingen-Wuppertal davon, dass sie im Bereich der Automobilzulieferer schon in Kürze mit mehr gemeldeter Kurzarbeit rechne. Stephan Vogelskamp von „Automotiveland NRW“ rechnet nicht vor Mitte 2023 mit einer Entspannung der Situation.

„Es muss keiner zu Hause bleiben, die Händler nehmen Aufträge für neue Pkw entgegen.“

Uwe Stamm, Obermeister

Der Obermeister der Solinger Kfz-Innung, Uwe Stamm, sagt aber auch: „Es muss keiner zu Hause bleiben, die Händler nehmen Aufträge für neue Pkw entgegen.“ Denn es sei nicht so, dass es gar keine Pkw gebe. Schönauen verweist auf eher längere Wartezeiten für das bis ins Detail geplante Traumauto. Tatsächlich ist es so, dass momentan der Markt für Neuwagen angespannt ist, weil die Industrie wegen fehlelender Halbleiter, den Computer-Chips, weniger Stückzahlen produzieren kann.

Über das Problem der schleppenden Lieferketten rund um das Auto hatte das ST schon vergangenen Monat geschrieben. Uwe Stamm berichtet jetzt, ein paar Wochen später, dass sich die Situation weiter zuspitze. In verschiedenen Autohäusern stehen statt Neu- nun Gebrauchtwagen auf den Verkaufsflächen.

Und doch mache es keinen Sinn, nicht ins Autohaus zu kommen, betonen Stamm und Schönauen. Für spezielle Ausstattungsvarianten gibt es zwar Wartezeiten von rund einem Jahr. Aber der Markt biete auch Alternativen.

Das Problem ist im Grunde einfach beschrieben. Aus Asien kommen weniger Halbleiter nach Deutschland, was unter anderem an der Corona-Situation und fehlenden Rohstoffen liegt. „Damit startet die verhängnisvolle Kette“, sagt Stephan Vogelskamp, der nicht nur Vorstand von „Automotiveland NRW“ ist, sondern auch Geschäftsführer der Bergischen Struktur- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft.

Kann ein Autokonzern aber weniger Pkw produzieren, bezieht er auch weniger Teile aus der Zulieferindustrie, die in Solingen und im Bergischen recht stark ausgeprägt ist. Zuletzt hatte Adient, Hersteller für Autositze auch in Solingen, Kurzarbeit einführen müssen. Auch Firmen wie WKW in Wuppertal habe es getroffen, erklärt Vogelskamp. „Aber das Unternehmen ist wieder in sicherem Fahrwasser.“

Für die örtliche Bundesagentur kann deren Sprecherin Kerstin Dette aktuell nicht genau beziffern, wie viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer der Zuliefererindustrie von Kurzarbeit betroffen sind. Die Meldungen zur Kurzarbeit liefen verzögert ein. Vom Druck auf die Unternehmen wisse die Behörde und rechne mit mehr Fallzahlen.

Wenn Vogelskamp davon spricht, dass sich die Lage vermutlich erst in anderthalb Jahren bessert, dann hat er dabei Uwe Stamm an seiner Seite. Eine Alternative zu den Halbleitern aus Asien gibt es in Europa nicht. „Bosch arbeitet daran, eine Produktion aufzubauen“, sagt Uwe Stamm. So lange müssen sich nicht nur seine Kunden in Geduld üben.

Das gilt bei Schönauen teilweise auch. Aber das Autohaus sei mit zehn Standorten so groß, dass sich jetzt einiges ausgleichen lasse und die Schönauen-Gruppe selbst noch Neuwagen auf Lager habe, sagt Franz-Josef Schönauen. Zudem müsse nicht grundsätzlich lange gewartet werden. Hersteller aus Asien lieferten schneller, weil sie leichter an die begehrten Halbleiter kommen, die Navis, Mediensysteme, Motorelektronik und viele digitale Extras in modernen Autos steuern.

Vogelskamp gibt wirtschaftspolitisch zu bedenken, dass man sich vielleicht jetzt doch stärker mit der Frage befassen solle, Alternativen zum Partner China zu suchen: „Das ist ein heißes Thema.“

Kaufstrategie

Heute werden Pkw von der Reifenwahl und dem Soundsystem über die Farbe bis hin zur Sitzauswahl individuell konfiguriert und dann von den Herstellern angefertigt. Die Solinger Händler wollen mit jetzt bestellten Neuwagen nicht unnötig Plätze in der Warteliste verlieren: Wer als Kunde daher bei bestimmten Varianten Abstriche macht, wird schneller beliefert werden können.

Standpunkt

philipp.mueller@solinger-tageblatt.de

Kommentar von Philipp Müller

Der Kunde ist im Autohaus König. Das gilt weiterhin. Aber der König muss warten, bis der Kaiser Industrie liefert. Und der Kaiser ist manchmal in der Position des Bettlers, wenn er die digitalen Antriebseinheiten für die modernen Pkw braucht – egal ob E-Auto oder Verbrenner. Dazwischen sitzen die Händler, die alles versuchen, die Wartezeit für Neuwagen zu verkürzen. Da sitzen die Unternehmer und deren Beschäftigte aus der Zulieferindustrie, die teilweise morgens nicht wissen, was am Tag für wen produziert werden muss – oder auch nicht. Dass sich das Tageblatt bereits ein zweites Mal innerhalb eines Monats mit dem Thema beschäftigt, liegt daran, dass es sichtbarer wird. Vor allem die Beschäftigten trifft es im Geldbeutel durch Kurzarbeit. Stephan Vogelskamp liegt nicht falsch, wenn er die Debatte eröffnen will, sich Alternativen zu China zu suchen. Aber er weiß auch, wie stark mancher heimische Unternehmer von den Märkten und Produktionsstätten in Asien abhängt. Da ist die beste Nachricht die der Händler: Es gibt noch viele neue Autos!

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