Aktionswoche

Häusliche Gewalt: Mehr Frauen suchen Hilfe

Jede vierte Frau wird laut Statistiken in ihrem Leben Opfer von häuslicher Gewalt. Symbolfoto: Christian Beier
+
Jede vierte Frau wird laut Statistiken in ihrem Leben Opfer von häuslicher Gewalt.

Die Pandemie hat die Partnerschaftsgewalt vielfach verschärft – Aktionswoche macht auf das Problem aufmerksam.

Solingen. Es sind Delikte, die viele Frauen treffen: Etwa jede Vierte erfahre in ihrem Leben häusliche Gewalt, zitiert Beate Standop von der Frauenberatungsstelle aus bundesweiten Statistiken. „Bei Partnerschaftsgewalt sind 81 Prozent der Opfer weiblich.“ Hinzu komme eine hohe Dunkelziffer. Ein Netzwerk aus vielen Solinger Einrichtungen will nun mit der Aktionswoche „Nein! zu Gewalt gegen Frauen“ auf das Thema aufmerksam machen. Vom 17. bis 27. November finden 19 Veranstaltungen und Aktionen statt.

Die Coronapandemie hat die Situation für viele Betroffene offensichtlich verschärft. „Im ersten Lockdown im vergangenen Jahr war es leer bei uns“, erklärt Martina Zsack-Möllmann, Leiterin des Solinger Frauenhauses und Sprecherin des Runden Tisches gegen häusliche Gewalt. Als die Beschränkungen erstmals wieder aufgehoben wurden, verkehrte sich das ins Gegenteil. „Sobald wir einen freien Platz haben, ist dieser innerhalb von Stunden wieder belegt.“ Das gelte für alle Frauenhäuser in Deutschland. Vermehrt suchten auch Frauen mit vielen Kindern Schutz.

Beate Standop berichtet ebenfalls von vielen Anfragen in der Frauenberatungsstelle. „Auch bei uns war es im Lockdown ruhig, aber danach ging es los.“ Die polizeiliche Kriminalstatistik spiegelt das zum Teil wider. So wurden im vergangenen Jahr in Solingen 396 Strafanzeigen wegen häuslicher Gewalt gestellt: Das waren zwar 29 weniger als 2019 (425). Die Zahl der Anzeigen wegen Körperverletzung im häuslichen Bereich stieg jedoch von 251 auf 269. Auch die Zahl der Wohnungsverweisungen, bei denen der Täter zum Schutz der Opfer für zehn Tage der Wohnung verwiesen oder ein Rückkehrverbot ausgesprochen wurde, erhöhte sich auf 230 (2019: 209). Dieser Trend setze sich auch 2021 fort, teilt Polizeipressesprecherin Hanna Meckmann auf Anfrage mit.

Solingen: Am 25. November sollen Gebäude orange angestrahlt werden

Mit der Aktionswoche wollen die Organisatorinnen ein Zeichen gegen Gewalt gegen Frauen setzen und die Öffentlichkeit sensibilisieren, erklärt Astrid Hofmann, Leiterin der städtischen Gleichstellungsstelle. „Gewalt ist keine Privatsache.“ Thema seien auch Kinder, die Opfer von Gewalt in Familien werden.

Die Veranstaltungen würden von über 20 Akteuren angeboten, davon rund die Hälfte aus der Jugendarbeit, berichtet Hofmanns Kollegin Sandra Ernst. So sind der Jugendstadtrat und die städtische Jugendförderung mit im Boot. Das vollständige Programm mit Informationen zu Zeiten und Anmeldedaten für Veranstaltungen ist in einer Broschüre und online zu finden.

Auftakt für die Aktionswoche ist bereits am Mittwoch mit einem Experten-Workshop, für den keine Anmeldung mehr möglich ist. Um Täterstrukturen geht es bei einer Fachveranstaltung des Runden Tischs gegen häusliche Gewalt am Donnerstag. Weitere Aktionen sind unter anderem: ein Vortrag zu „Hate Speech/digitale Gewalt“ (22. November), eine Zoom-Konferenz zu Diskriminierung (23. November), Filmvorführungen (23. und 24. November) sowie ein Wendo- und ein Tanz-Workshop (27. November).

Zum „Orange Day“, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen am 25. November, lassen erstmals auch in Solingen Einrichtungen ihre Gebäude orangefarben anstrahlen. Wo Opfer häuslicher Gewalt Hilfe bekommen, wird durch eine ungewöhnliche Aktion bekannt gemacht: In 18 Filialen der Bäckereien Evertzberg, Schüren und Stöcker werden an diesem Tag 25 000 Brötchentüten mit der Aufschrift „Gewalt kommt nicht in die Tüte“ ausgegeben, die mit den Adressen von Anlaufstellen für Frauen bedruckt sind.

Die Aktionswoche

Veranstaltungen: Vom 17. bis 27. November finden 19 Aktionen statt.

Beratungsstellen: Fachberatungsstelle bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche (Fabs): Tel. 58 61 18; Frauenhaus: Tel. 5 45 00; Frauenberatungsstelle: Tel. 5 54 70; Hilfetelefon des Bundes: 0 80 00 11 60 16.

Video: „Solingen zeigt Haltung gegen Gewalt“ wird am 22. November auf www. solingen.de veröffentlicht.

Gremium: Sei 19 Jahren gibt es in Solingen den Runden Tisch gegen häusliche Gewalt. Dessen Plenum tagt am 24. November.

gegen-gewalt.solingen.de

Standpunkt: Frauenhäuser ausbauen

anja.kriskofski@solinger-tageblatt.de

Kommentar von Anja Kriskofski

Die Coronapandemie hat vieles verschärft. Vor allem in den Lockdown-Phasen ist der Druck in gewalttätigen Beziehungen noch weiter gestiegen. Mit fatalen Folgen für die Opfer: Wenn alle zuhause sitzen, wird es noch schwieriger, sich Hilfe zu holen. Bei Kontaktbeschränkungen fällt Außenstehenden weniger auf, dass die Nachbarin blaue Flecken hat, weil sie von ihrem Mann geschlagen wird. Der Täter kann sein Tun leichter verschleiern und noch mehr Kontrolle ausüben. Ja, es gibt auch Männer, die Opfer von Partnerschaftsgewalt werden. In vier von fünf Fällen sind jedoch Frauen betroffen. Die von der Polizei aufgenommenen Anzeigen wegen häuslicher Gewalt dürften dabei nur die Spitze des Eisbergs sein. Viele Opfer zeigen die Taten nicht an. Umso wichtiger ist es, Betroffenen Mut zu machen, sich Hilfe zu holen. Und andere für das Problem zu sensibilisieren. Die Aktionswoche holt das Thema zurecht dahin, wo es hingehört: ins Licht der Öffentlichkeit. Doch es braucht nicht nur Aufmerksamkeit. Auch die Hilfsstrukturen müssen in den Blick genommen werden. Bundesweit fehlen Plätze in Frauenhäusern, auch in Solingen. Sie müssen dringend ausgebaut werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Hofgarten: Edeka Pauli wird größer
Hofgarten: Edeka Pauli wird größer
Hofgarten: Edeka Pauli wird größer
Sexueller Missbrauch: Arzt aus Solingen steht vor Gericht
Sexueller Missbrauch: Arzt aus Solingen steht vor Gericht
Sexueller Missbrauch: Arzt aus Solingen steht vor Gericht
Die ganze Familie ist von Krankheiten betroffen
Die ganze Familie ist von Krankheiten betroffen
Die ganze Familie ist von Krankheiten betroffen
S-Bahn 7: Abellio gibt auf
S-Bahn 7: Abellio gibt auf
S-Bahn 7: Abellio gibt auf

Kommentare