Hauptversammlung des Schneidwarenverbands

Günter Oettinger im Klingenmuseum: „Wir brauchen eine europäische Weltpolitik“

Jens-Heinrich Beckmann (r.), Geschäftsführer des Industrieverbandes Schneid- und Haushaltswaren (IVSH) sowie Hartmut Gehring (l.) einer der drei Vorstände, freuten sich über den Besuch von Günter Oettinger im Klingenmuseum. Foto: Christian Beier
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Jens-Heinrich Beckmann (r.), Geschäftsführer des Industrieverbandes Schneid- und Haushaltswaren (IVSH) sowie Hartmut Gehring (l.) einer der drei Vorstände, freuten sich über den Besuch von Günter Oettinger im Klingenmuseum.

Der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg und EU-Kommissar Günther Oettinger sprach bei der Hauptversammlung des Schneidwarenverbands.

Von Susan Jörges

Solingen. Für steile Thesen und harte, aber ehrliche Worte ist Günther Oettinger (CDU), ehemaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg und EU-Kommissar, bekannt. Diese fand er auch auf der jährlich stattfindenden Mitgliederversammlung des Industrieverbandes Schneid- und Haushaltswaren (IVSH), die am Dienstagnachmittag im Deutschen Klingenmuseum stattfand. Anwesend waren mehr als 80 Personen, darunter Verbandsmitglieder und weitere Gäste. Als Redner legte Oettinger in seinem Vortrag „Die Agenda für Deutschland und Europa 2021“ eine Querschnittsanalyse der aktuellen wirtschaftlichen Lage von Deutschland und Europa vor, die so manche Anwesenden aus der Industriebranche aufhorchen ließ.

Drei Entwicklungen stellte Oettinger in den Mittelpunkt:

Deutschland – ein „Absteigerland“: Für die deutsche Wirtschaft zeichnete Oettinger ein recht düsteres Bild: Die Corona-Krise hat die Wirtschaftsleistung des Landes zurückgeworfen, 2020 schrumpfte die Gesamtleistung um 4,9 Prozent. Seit dem zweiten Quartal dieses Jahres erholt sich die deutsche Wirtschaft wieder, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) steigt. Im Vergleich zu den konkurrierenden Weltmächten China und den USA jedoch viel zu langsam, wie Oettinger feststellte: „Wir sind Mittelmaß und bleiben deutlich unter unseren Möglichkeiten“. Seine Forderungen: Wertschöpfung in Deutschland antreiben, Technologien und Forschung massiv fördern und deutsche Universitäten im Ländervergleich nach vorne bringen.

Das Sozialsystem sichern: Aufgrund weniger Beitragszahler und mehr Rentenjahren sei das Umlageverfahren des Sozialversicherungssystems nicht gesichert. Aufgabe sei es, „das System zukunftsfest zu machen“. Menschen müssten so lange wie möglich im Arbeitssystem gehalten werden, und zwar durch Umschulungen, Fortbildungen und angemessene Löhne. „Wir brauchen Arbeitsjahre statt Rentenjahre“, betonte er.

Verteidigungsfähigkeit stärken: Mit Blick auf aktuelle Ereignisse in Afghanistan und dem Nahen Osten forderte Oettinger eine Debatte über die äußere und innere Sicherheit der Europäischen Union. Statt sich im Bundestag mit Gendersternchen zu beschäftigen, müsse weiter in die Ausstattung der Bundeswehr investiert werden. Gelingen könne all das nur durch grundlegende Veränderungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik: „Wir brauchen eine europäische Weltpolitik“, die Europas Kräfte bündele und selbstsicher vertrete. Auf seinem Wunschzettel stehe dabei eine europäische Armee, ein europäischer Sicherheitsdienst und eine länderübergreifende Forschung. Nötig sei EU-weite Zusammenarbeit auch in der Energie- und Klimapolitik: Weiterhin würden Stromleitungen fehlen, die ökologisch produzierten Strom über weite Strecken transportieren, kritisierte Oettinger, der sich für einen offeneren Umgang mit Kernenergie ausspricht.

Solingen – weiterhin ein wichtiger Standort für Schneidwaren

Jens-Heinrich Beckmann, seit 26 Jahren Geschäftsführer des IVSH, beobachtet zwar durch Spezialisierungen, Modernisierungen und Outsourcing ebenfalls deutliche Veränderungen in der Branche. Deutschland, besonders Solingen, sei jedoch weiterhin ein wichtiger Standort für den Industriezweig. Seit Juli fördert ein neu geschaffenes Büro in der Klingenstadt die Zusammenarbeit und Kommunikation mit anderen europäischen Sektionen der Schneid- und Haushaltswarenindustrie. Frei von Sorgen ist Beckmann nicht, die Verteuerung von und die Engpässe in Grundmaterialien wie Holz, Stahl und Kunststoff sei eine Belastung für die Firmen, denn höhere Kosten im Einkauf können nicht ohne weiteres auf Kaufpreise draufgeschlagen werden. Hartmut Gehring, einer von drei Vorständen des Verbandes, animierte dazu, das „Made in Germany“-Siegel und die Solinger Produktion zu behüten.

Auch Günther Oettinger honorierte die Verbandsleistungen: Gut ausgebildete Fachkräfte, ein gelungener Generationswechsel in den Firmen und eine starke Position auf dem Weltmarkt seien entscheidend für die Zukunft der vom Mittelstand geprägten Branche.

Zur Person

Günther Oettinger wurde 1953 in Stuttgart geboren. Er war von 2005 bis 2010 CDU-Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg. Von 2010 bis 2019 gehörte er der Europäischen Kommission an, zunächst als Kommissar für Energie, darauf als Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft und zuletzt als Kommissar für Haushalt und Personal. Seit seinem Ausscheiden aus der Politik bekleidet er zahlreiche Neubeschäftigungen in der freien Wirtschaft und hat Oettinger Consulting, eine Wirtschafts- und Politikberatung GmbH, gegründet.

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