Fahrgastbeirat

ÖPNV der Zukunft: Große Pläne, aber wenig Geld für Busse

Gutachter raten dazu, vor allem viel genutzte Linien wie die 682 gezielt zu stärken.
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Gutachter raten dazu, vor allem viel genutzte Linien wie die 682 gezielt zu stärken.

Die Stadt stellt ihre Ideen vor. Die Finanzierung steht noch nicht.

Von Andreas Tews

Solingen. Die Ideen externer Gutachter für den künftigen Solinger Linienbusverkehr reichen von einem 24-Stunden-Betrieb auf den Linien 681 und 682 über den Einsatz von Doppelgelenkbussen bis zu einer neuen Direktverbindung von Ohligs über Aufderhöhe und Höhscheid zur Krahenhöhe. Im ÖPNV-Fahrgastbeirat betonten Planungsdezernent Andreas Budde und Verkehrsplaner Carsten Knoch aber, dass die Stadt den angestrebten Ausbau finanziell nicht alleine stemmen könne. Dafür müssten der Bund und das Land den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) deutlich stärker mitfinanzieren.

30-Prozent-Marke: Ein Ziel des neuen Nahverkehrsplans ist, den Anteil des ÖPNV am gesamten Passagieraufkommen in der Stadt bis 2030 auf 30 Prozent zu verdoppeln. So sieht es die Nachhaltigkeitsstrategie der Stadt vor. Laut Knoch ist dies weiterhin das Ziel. Die Verkehrsexperten wollen die 30-Prozent-Marke mit möglichst effizienten Veränderungen erreichen. Darum stufen sie die Stärkung der Hauptlinien gegenüber der Erschließung von Randbereichen als wichtiger ein.

Premiumnetz: Eine der auffälligsten Neuerungen wäre ein „Premiumnetz“ für die mit Abstand am meisten genutzten Linien 681 und 682. Sie würden rund um die Uhr fahren, an Werktagen von 6 bis 21 Uhr im Fünf-Minuten-Takt. Die 682 soll das Klinikum ansteuern, dafür der Takt der Linie 683 auf der Schlagbaumer Straße verdichtet werden. Mit 24 Meter langen Doppelgelenk-O-Bussen für bis zu 180 Fahrgäste könnte auf den Linien 681 und 682 die Kapazität zusätzlich erhöht werden. Diese Busse, die unter anderem bereits im schweizerischen St. Gallen fahren, in Hamburg hingegen wieder abgeschafft wurden, sollen mehr Komfort bieten als die jetzigen Fahrzeuge. Das „Premiumnetz“ würde laut Gutachten 7,2 Millionen Euro pro Jahr kosten.

Südtangente: Einen Zehn-Minuten-Takt schlagen die Gutachter für die Südtangente Ohligs-Aufderhöhe-Krahenhöhe vor. Wegen fehlender Oberleitungen könnte diese Linie nicht mit Batterie-Oberleitungsbussen befahren werden. Die Gutachter schlagen alternative Antriebe vor.

Osttangente: Eine Osttangente soll mit den Linien 683 und 684 im Fünf-Minuten-Takt bedient werden. Die 683 soll von Vohwinkel und Gräfrath kommend künftig im Wechsel entweder an der Krahenhöhe enden oder nach Höhscheid fahren. Die Strecke nach Burg würde die von der Hasseldelle kommende 684 befahren.

Direktverbindung Wald-Gräfrath: Durch eine Neuordnung im Norden der Stadt sollen Wald und Gräfrath eine Direktverbindung erhalten. Zusätzlich zur bestehenden Linie 693 (Aufderhöhe-Wald-Mitte) ist in dem Gutachten eine weitere Linie über Central nach Gräfrath vorgesehen. In Wald würden diese beiden Linien kombiniert einen Zehn-Minuten-Takt ergeben.

Auch eine Verlängerung der Linie 692 (Mitte-Wald-Haan) über Haan hinaus nach Gräfrath gehört zum Konzept. Knoch sprach im Beirat von einem „Ringverkehr“ zwischen Wald und Gräfrath, der durch bestehende und neue Linien entstehen solle.

Weitere Direktverbindungen: Neu wären auch eine Direktverbindung von Wald über Wiedenkamp und Höhscheid nach Widdert und eine Verlängerung der Linien 685 und 686 bis Ohligs.

City-Ring in Ohligs: Als wichtiges Projekt, um das Fahrgastaufkommen zu erhöhen, stufte der Verkehrsplaner auch einen neuen City-Ring für die Linien 693 und 783 in Ohligs ein. Stadtauswärts würden die Busse über Talstraße und Weststraße zur Düsseldorfer Straße fahren, stadteinwärts über Heiligenstock und Parkstraße zum Hauptbahnhof. Die 782 soll wegen des Gelenkbuseinsatzes über Bahnstraße und Obere Hildener Straße fahren, der Linienweg der 791 bliebe unverändert.

Weitere Ideen:Weitere Vorschläge sehen eine Anbindung des erhofften Bahnhaltepunkts Landwehr und einen dichteren Takt auf den Linien 695 (Meigen-Mitte-Gräfrath) und 696 (Mitte-Untenkatternberg) vor. Schnellbuslinien in andere Städte sind genauso angedacht wie eine Verlängerung des Nachtverkehrs an Wochenenden und vor Feiertagen bis in die Morgenstunden.

Hindernisse: Bei den Vorschlägen handelt es sich laut Knoch um Ideen der Gutachter, durch die die 30-Prozent-Ziele zu erreichen seien. Keiner der Vorschläge sei aber bisher ausfinanziert. Nicht nur wegen der durch Corona zurückgegangenen Fahrgastzahlen wird es laut Knoch zusätzlich schwer, die 30-Prozent-Marke zu erreichen. Nötig wären nach seiner Einschätzung auch Einschränkungen für den individuellen Autoverkehr. Dafür fehle in Solingen aber der politische Konsens. Auch der Fachkräftemangel bei Busfahrern sei ein Problem.

Umsetzung: Im weiteren Verfahren werde die Verwaltung bis zum Frühjahr Wege der Finanzierung aufzeigen, kündigte Budde an. Eine Umsetzung der Planung werde allmählich erfolgen.

Lesen Sie dazu auch: Beirat fordert bessere Anbindung für Randbereiche

Kosten

Allein die kurzfristig (bis 2026) empfohlenen Umstellungen (Südtangente, neue Linie 693 und Ringverkehr in Ohligs) würden laut Gutachten 6,7 Millionen Euro pro Jahr kosten. Insgesamt gehen die Gutachter für die effektivsten Neuerungen von jährlichen Zusatz-kosten von 23,7 Millionen Euro aus. Allein auf das „Premiumnetz“ entfallen 7,2 Millionen. Hinzu kommen Investitionen in neue Busse sowie der Ausbau des Busbahnhofs Graf-Wilhelm-Platz und auch diverser Buswendeschleifen und Haltestellen.

Standpunkt von Andreas Tews: Anspruch und Realität

andreas.tews@solinger-tageblatt.de

Es klingt wie eine Geschichte aus einer anderen Welt: Moderne XXL-Busse mit ausreichend vielen und bequemen Sitzplätzen, mit modernen und funktionierenden Info-Bildschirmen sollen im 5-Minuten-Takt durch die Stadt rollen. Neue Direktverbindungen sollen die seit Jahren beklagten Lücken zwischen benachbarten Stadtteilen schließen. Doch diese Ideen beziehen sich nicht auf Wien oder Porto, sondern auf Solingen. Und schnell wird leider deutlich, dass hier Anspruch und Realität weit auseinanderliegen.

Es ist zwar ein löbliches Ziel, das Fahrgastaufkommen im Linienbusverkehr zu verdoppeln. Doch fehlt für den nötigen Ausbau das Geld. Vielmehr muss die Stadt aktuell sogar Geld zuschießen, um Kürzungen im Angebot zu vermeiden. Die Aufgabe der städtischen Planer und der Politik ist es jetzt, aus den Maximalforderungen der Gutachter das Machbare herauszufiltern und damit einen möglichst großen Effekt zu erzielen. Und zusätzlich auf das nötige Geld aus Düsseldorf und Berlin zu hoffen.

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