Gräfratherin war erste Studentin der Kölner Uni

Ein Klassenfoto aus der Höheren Töchterschule an der Friedrichstraße ist das einzig erhaltene Bild von Jenny Gusyk. Wer die spätere Kölner Studentin ist, bleibt allerdings im Dunkel. Ihr Sohn, der 17-jährig Berlin in Richtung USA verließ, konnte seine Mutter nicht wiedererkennen. Foto: rom/Archiv

Hochschule erinnert zum 100-jährigen Bestehen an Jenny Gusyk. Sie wurde zur Vorzeigefrau.

Von unserer Redaktion

Natürlich verknüpft die Domstadt am Rhein, die in diesem Jahr das 100-jährige Bestehen ihrer 1919 wiedereröffneten Universität feiert, das bedeutende Ereignis mit der Erinnerung an den damaligen Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, der kommunalpolitisch dazu die entscheidenden Weichen stellte.

Dass im Jubiläumsjahr freilich in den Festreden eine „bergische Studentin“ vorkommt, würde den Alten aus Rhöndorf vermutlich amüsieren, hatte er doch das rechtsrheinische Bergische, ganz in der Tradition des 19. Jahrhunderts, mal flott als „Sibirien“ karikiert.

Für Solingen jedoch ist diese angesprochene Studentin eine bemerkenswerte Person der Stadtgeschichte geworden. Denn Jenny Gusyk von der Wuppertaler Straße 36 kam im Alter von 13 Jahren als russische Jüdin mit türkischem Pass, aus Litauen nach Gräfrath und absolvierte eine erfolgreiche Schulzeit an der Höheren Mädchenschule an der Friedrichstraße, ehe sie sich in Köln später, als erste Studentin überhaupt, immatrikulieren konnte.

Gleichstellungspreis wurde nach der Gräfratherin benannt

Sie ist für Köln seither eine Art Vorzeigefrau, stellvertretend für politisch-interessierte, engagierte junge Frauen, die die neu gewonnenen Bildungschancen in der Männerdomäne Hochschule entschlossen für sich reklamierten. Die rheinische Hochschule hat deshalb nach ihr 2009 auch einen jährlich ausgeschriebenen Preis zur Förderung der Gleichstellung benannt.

So wundert es nicht, dass Jenny Gusyk eine maßgebliche Rolle in einem Buch spielt, dass die Kölner Professorin Dr. Ute Planert jetzt unter dem Titel „Alberts Töchter – Kölner Frauen zwischen Stadt, Universität und Republik (1914-1933) herausgegeben hat. Angelegt als „studentisches Publikationsprojekt“ soll das 471-Seiten-Kompendium dazu beitragen, „Geschlechtergeschichte als wichtigen Teil der historischen Forschung zu etablieren“. Mit dieser Zielsetzung ist die Historikerin Ute Planert, die seit 2008 an der Bergischen Universität Wuppertal forschte und lehrte, 2016 in Köln angetreten.

So bildet das Bergische Land, dessen Studentinnen selbstverständlich in den Anfangsjahrzehnten zwischen Kaiserzeit und Weimarer Republik dieses Köln als ihren Studienort wählten, mit Stichworten und Bezugspunkten einen Teil der Analyse, wenn zum Beispiel vom Barmer Bank-Verein, von der Eisenbahnstrecke Solingen-Remscheid, von der Müngstener Brücke oder von Quellen des Remscheider Stadtarchivs die Rede ist.

In den Archiven findet sich Jenny Gusyks Studentenausweis

Jenny Gusyk selbst wird – basierend auf der Biografie, die der Solinger Autor Wilhelm Rosenbaum 2003 veröffentlichte – ein ganzes Kapitel gewidmet, und aus den lokalen Universitätsarchiven finden sich zusätzlich neue Details: So tauchte dort etwa ihr erster Studentenausweis auf, den Professorin Ute Planert bei ihrem Vortrag zum Thema „100 Jahre Frauenstudium an der Uni Köln“ im April präsentierte.

So stellte sich heraus, dass von den 1919 eingeschriebenen 194 Frauen nur zwei aus dem Ausland stammten, nämlich die Solingerin Jenny Gusyk und eine Kommilitonin aus der Tschechoslowakei. Erst im Laufe der 20er Jahre stieg die Zahl der ausländischen Studentinnen an der Kölner Universität langsam an. Fazit: eine akademische Studie, die überwiegend von jungen Autorinnen informativ und verständlich als Lesebuch mit zahlreichen Biografien geschrieben wurde.

Rheinisch-heitere Pointe: Der zunächst irritierende Haupttitel „Alberts Töchter“ lässt amüsiert stutzen, denn dahinter verbirgt sich schließlich der hehre Name der „Albertus-Magnus-Universität“. Aber die Damen holten den berühmten mittelalterlichen Kirchenlehrer als ihren „Albert“ sprachlich ein Stück von seinem Ehrfurcht heischenden Podest herunter.

DREI STOLPERSTEINE FÜR DIE FAMILIE GUSYK

ANFANG Dezember 2010 wurde vor dem Haus Wuppertaler Straße 36, in dem die Familie Gusyk lebte, ein Stolperstein (Archivfoto: Christian Beier) für die in Auschwitz ermordete Jenny Gusyk gelegt. Es sollte nicht die einzige Ehrung dieser Art für die jüdisch-russische Familie aus Gräfrath bleiben. Nach der Lektüre der Solinger Biografie entschlossen sich in Berlin Susanne Gutsche und Peter Schmitz, Paten zu werden – auch angeregt durch eine Initiative ihrer Kinder in der Schule. Sie ließen zwei Stolpersteine in Erinnerung an Jennys Bruder Max und dessen Ehefrau Lydia vor deren früherer Wohnung Hirschgartenstraße 4 legen. Die beiden Gusyks wurden im ersten Halbjahr 1943 ebenfalls in Auschwitz ermordet.

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