„Gott macht uns frei, Verantwortung zu übernehmen“

Thomas Förster ist Pressepfarrer des Evangelischen Kirchenkreises. Er wirkt beim Reformationsgottesdienst morgen mit. Archivfotos: cb/mis
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Thomas Förster ist Pressepfarrer des Evangelischen Kirchenkreises. Er wirkt beim Reformationsgottesdienst morgen mit. Archivfotos: cb/mis

Theologen laden im ST zur Andacht ein – heute der evangelische Pfarrer Thomas Förster

Liebe Leserin, lieber Leser,

morgen erinnert die Evangelische Kirche daran, dass der Reformator Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg hängte. Für viele evangelische Christen in aller Welt ist das ein wichtiger Gedenktag. Auch bei uns ist der 31. Oktober in den meisten Bundesländern ein gesetzlicher Feiertag.

Der Reformationstag erinnert nicht nur an ein legendäres Ereignis der Weltgeschichte. Er soll vor allem an die Botschaft der Reformation mahnen: Gott schenkt uns Freiheit! Zu Luthers Zeiten war das gesellschaftliche Klima geprägt von einem Klima der Angst. Die damalige Kirche hatte maßgeblich dazu beigetragen. Es hielt die Menschen gefangen: Angst vor Gott, Angst vor Gottes ewigen Strafen. Luther und andere Reformatoren predigten, um Menschen aus dieser Angst zu befreien: Nicht der Mensch müsse alles geben, um sich von Gottes drohender Strafe für die Fehler des eigenen Lebens loszukaufen! Sondern Gott hat in Jesus Christus bereits alles eingesetzt, um Frieden mit den Menschen zu machen. So lautete die Predigt Luthers an die Verängstigten seiner Zeit: Gott hat die Zwangsjacke eurer Angst gesprengt. Gott schenkt uns Freiheit! Und diese Freiheit, so predigte Luther weiter, sollen die Menschen nutzen: nicht nur für sich selbst, sondern auch zum Wohle der Nächsten und der ganzen Gesellschaft.

Luther wusste: Angst um sich selbst macht den Blick eng. Sie kann leicht dazu führen, dass man vor allem um sich selbst kreist. Befreiung von dieser Angst weitet den Blick. Menschen richten sich wieder auf. Der Blick geht auch wieder zu den anderen und deren Bedürfnissen. Gott macht uns frei, auch Verantwortung für andere und für das Ganze zu übernehmen.

Ich finde: An diesem Reformationstag sind die Überlegungen der Reformation hochaktuell. Für die meisten von uns ist die persönliche Freiheit auch im Corona-Jahr 2020 längst selbstverständlich. Gleichzeitig bin ich froh, in einem Land zu leben, in dem nicht nur die Freiheit der Einzelnen, sondern auch die Verantwortung für das Gemeinwohl eine hohe Bedeutung haben.

„Der Tag soll vor allem an die Botschaft der Reformation mahnen: Gott schenkt uns Freiheit!“

Konkret bedeutet das vor allem, dass besonders die Schwächsten den nötigen Schutz durch die Gesellschaft erfahren sollen. Das sind zuerst die Menschen mit höherem Alter oder mit Vorerkrankungen. Darum empfinde ich die meisten gegenwärtigen Einschränkungen nicht als Freiheitsberaubung, sondern als Ausdruck der Verantwortung gegenüber den Schwächsten. Und es ärgert mich, wenn Einzelne ihre persönliche Freiheit verantwortungslos über den notwendigen Schutz vor einer Weiterverbreitung des Virus stellen. Wenn sie sich weigern, Masken zu tragen, oder große private Feiern ohne Abstand veranstalten. Mit unserem persönlichen Verhalten können wir alle dazu beitragen, dass wir unserer Verantwortung gerecht werden und das Infektionsgeschehen so weit wie möglich bremsen.

Darum werden wir als Evangelische Kirche in Solingen auch den morgigen Reformationsgottesdienst nicht wie ursprünglich geplant mit Teilnehmern in der Kirche feiern, sondern via Internet übertragen. Darum feiern wir die Gottesdienste in unseren Kirchen mit viel Abstand zueinander und zusätzlich mit Masken die ganze Zeit auch am Platz. Darum verzichten wir bereits seit dem Frühjahr auf Gemeindegesang in unseren Räumen und halten uns an detaillierte Hygienekonzepte. Nicht aus blinder Angst vor dem Virus. Nicht aufgrund staatlichen Zwangs. Sondern aus freier Verantwortung für unser Gemeinwohl und für unsere schutzbedürftigen Nächsten. Auch in dieser bedrängenden Situation gilt, was wir vom Apostel Paulus in der Bibel lesen können: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ (Galaterbrief, 5,1)

Ihr Pfarrer Thomas Förster

Zur Person

Thomas Förster ist Pfarrer für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und stellvertretender Superintendent im Evangelischen Kirchenkreis Solingen. Er war zuletzt 2017 in der Lutherstadt Wittenberg und besuchte dort auch die Schlosskirche. Für morgen freut er sich darauf, beim Solinger Reformationsgottesdienst mitzuwirken.

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