Gott liebt jedes Kind von Anfang an

Auf dem Parkfriedhof begleitet Renate Tomalik Trauerfeiern für verstorbene Kinder. Fotos: Christian Beier, Thomas Förster
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Auf dem Parkfriedhof begleitet Renate Tomalik Trauerfeiern für verstorbene Kinder. Fotos: Christian Beier, Thomas Förster

Theologen laden im ST zur Andacht ein – heute die evangelische Pfarrerin Renate Tomalik

Liebe Leserin, lieber Leser!

Zögernd betreten sie den Raum, andere bleiben lieber draußen. Manche kommen mit gesenktem Kopf, andere mit roten Augen, manche haben Blumen in der Hand oder ein Stofftier. Sie kommen allein, zu zweit, manchmal auch als größere Familie.

Junge Frauen und Männer. Kinder und Ältere. Menschen mit ganz unterschiedlichem religiösem Hintergrund. Zweimal im Jahr kommen so Menschen zusammen in die Trauerkapelle des Parkfriedhofs. Was verbindet all diese Menschen miteinander? Es ist die Trauer um ein viel zu früh verstorbenes Kind. Sie haben während der Schwangerschaft oder während der Geburt ein Kind oder sogar Zwillinge verloren.

Jedes Menschleben, egal wie klein oder groß, jung oder alt, hat seinen Wert.

Pfarrerin Renate Tomalik

Manche Kinder waren erst wenige Wochen alt, andere waren schon reif für die Geburt. Für jedes Kind ist ein eigener kleiner Platz in dem kleinen weißen Kindersarg, der vorne in der Kapelle steht. Für viele Mütter und Väter ist es tröstlich, dass ihre Kinder nicht alleine, sondern mit anderen gemeinsam in einem Sarg begraben werden.

Sie selbst fühlen sich dagegen sonst sehr alleine mit ihrer Erfahrung. Für ihre Umgebung ist es manchmal schwer verständlich, warum die Mutter, der Vater so um dieses Kind trauern, das doch noch gar nicht geboren war. Aber hier merken sie: Andere haben genau dasselbe erlebt wie sie, haben auch viel zu früh ihr Kind verloren. Für die, die sich auf ihr Kind gefreut haben, ist der Schmerz über den Tod ihres kleinen Kindes groß. Mit ihm zerbrachen Träume, Hoffnungen, Sehnsüchte, ein Stück Zukunft, die sie mit ihrem Kind teilen wollten.

Zweimal im Jahr ist die Kapelle für diese besondere Trauerfeier liebevoll geschmückt. Zweimal steht der kleinen Kindersarg im Zentrum. Wir hören Musik, oft Orgel und Querflöte. Wir lesen Texte, oft aus der Bibel, sprechen Gebete, suchen Worte für das schwer Begreifliche, dass kleine Kinder schon so früh sterben müssen. Solche Worte sind nicht leicht zu finden. Am Ende gehen wir gemeinsam zum Grab, viele mit verweinten Augen. Langsam. Bedrückt. Wir tragen alle mit. Lauschen dem muslimischen Totengebet. Ein Raum für den persönlichen Abschied.

Mit der Trauerfeier geben wir jedem gestorbenen Kind eine für alle sichtbare und erfahrbare Bedeutung und Wirklichkeit. Jedes Menschleben, egal wie klein oder groß, jung oder alt, hat seinen Wert. Das Leben der viel zu früh gestorbenen Kinder, die geliebt und ersehnt waren: Es hat seinen Sinn, auch wenn sie nur ganz kurz leben konnten.

In Psalm 8,5 heißt es: „Was ist der Mensch, dass du, Gott, seiner gedenkst? Und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ Von Gott ist jedes Kind von Anfang an geliebt. Egal wie groß es ist, egal ob es krank oder gesund ist. Sein Leben ist einmalig. Und jedes Kind hat einen Platz bei Gott, keines geht verloren. Das ist uns allen wichtig, die wir die Mütter und Paare begleiten, wenn sie ein Kind verlieren, sei es in der Klinik, bei der Trauerfeier auf dem Friedhof oder in der Beratungsstelle: den Hebammen, Schwestern, Ärztinnen, Pathologen, der Bestatterin, der Floristin, den Musikerinnen, den Seelsorgern und den Beraterinnen.

Jede und jeder von ihnen trägt mit seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten dazu bei, dass die betroffenen Familien in dieser schwierigen Situation des Abschieds gut unterstützt und liebevoll begleitet werden. Wir kümmern uns um diese kleinen Menschen, die von ihren Müttern und Vätern geliebt werden. Und wir unterstützen die Familien bei dem Abschiednehmen und der Trauer um ihr totes Kind. „Was ist der Mensch?“, fragt der Psalm. Die Antwort: ein Geschöpf Gottes! „Und des Menschen Kind?“ Ein von Anfang an geliebtes Gotteskind. Das gilt. Immer.

Ihre Pfarrerin Renate Tomalik

Zur Person

Renate Tomalik ist evangelische Theologin und ausgebildete Psychologische Beraterin. Die verheiratete Mutter dreier (fast) erwachsener Kinder arbeitet seit 1999 als Seelsorgerin im Städtischen Klinikum Solingen.

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