Zeithistorisches Dokument

Goldenes Buch aus NS-Zeit ist zurück in Solingen

„James Brown, ein rühriger Solingen-Sammler, erwarb das Goldene Buch.“Ralf Rogge, Stadtarchivar
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Das Goldene Buch der Stadt Solingen ist wieder da.

Das als Beutekunst markierte und verlorene Zeitdokument von 1933 befand sich in den USA.

Von Philipp Müller

Solingen. Das 1933 von der Solinger Nazi-Stadtspitze in Auftrag gegebene „Goldene Buch der Stadt“ ist zurück in Solingen. Schon 2018 hatte zunächst das Solinger Tageblatt exklusiv berichtet, dass sich das verschollene Buch in den USA befindet. Der Sammler James Brown gab es nun in diesem Sommer zurück an die Klingenstadt. Statt der ursprünglich verlangten und im Raum stehenden Kaufsumme von rund 17 000 Euro erhielt er im Gegenzug digitale Kopien zur Solinger Stadtgeschichte aus dem Stadtarchiv. Jedoch werde das Buch nicht wieder für seinen ursprünglichen Zweck eingesetzt, dass sich Besucher der Klingenstadt darin verewigen, sondern gilt im Stadtarchiv als zeithistorisches Dokument, teilt die Stadt Solingen mit.

Der Leiter des Stadtarchivs, der Historiker Ralf Rogge, erklärt, dass das Buch bereits 2012 in einem Auktionskatalog für Militaria aufgetaucht sei. „Damals gelang es dem Stadtarchiv Solingen nicht, es in städtischen Besitz zurückzuführen“, sagt Rogge in der Rückschau. Aber mit der Aufnahme in die Lost-Art-Datenbank, die auch das sogenannte Beutegut des Zweiten Weltkrieges nachweist, habe die Stadt Solingen ihren Anspruch am Goldenen Buch rechtsverbindlich geltend gemacht. Die Auktion wurde dann durch den Verkäufer abgeblasen.

James Brown, ein rühriger Solingen-Sammler, erwarb das Goldene Buch.

Ralf Rogge, Stadtarchivar

Im Anschluss wechselte der Band in den USA den Besitzer. „James Brown, ein rühriger Solingen-Sammler, erwarb das Goldene Buch und signalisierte seine Bereitschaft, das Exemplar an die Klingenstadt zu übergeben“, berichtet der Stadtarchivar. Die Corona-Pandemie verzögerte die Rückgabe. James Brown kam in diesem Sommer dann zu einem Besuch nach Solingen und überreichte das Goldene Buch aus der NS-Zeit an Ralf Rogge im Austausch gegen digitale Dokumente aus dem Archiv. Davor gab es, wie das Tageblatt berichtet hatte, Verhandlungen um die Rückgabe. So erklärte sich ein ST-Leser Ende 2019 bereit, die Kaufsumme von 17 000 Euro zur Verfügung zu stellen. Das wurde nicht notwendig, die Stadt konnte sich selbst mit James Brown einigen.

Ein Goldenes Buch einer Stadt dient dazu, dass sich Würdenträger bei Besuchen eintragen. Das war auch mit dem Stück aus der NS-Zeit nicht anders. „Der erste Eintrag ins Buch erfolgte, als es den Band noch gar nicht gab, auf einem losen Blatt“, erläutert Ralf Rogge. Unter dem Eintrag „Zum Gedenken an den Besuch des Herrn Reichsbankpräsidenten Dr. Hjalmar Schacht in der alten Klingenstadt Solingen im Siegesjahre der nationalsozialistischen Bewegung 1933“ unterschrieben Schacht und viele Mitglieder seiner Entourage am 24. November 1933.

1936 wird ein NS-Prunkbuchaus der losen Blattsammlung

1936 wurde als Auftrag an die Fachschule Solingen aus der losen Blattsammlung das echte „Goldene Buch“. Wie Ralf Rogge erläutert, waren dabei viele Solinger Kunsthandwerker beteiligt: „Der Gesamtentwurf und die grafische Gestaltung stammen von Willy Schwickerath.“ Die Buchbindearbeiten habe Heinrich Odenthal ausgeführt, Max Lessenich fertigte die Stahlbänder und Verschlüsse. „Den Wappenschnitt und die Emaillierung führte Paul Voß aus, die Goldtausia der Stahlbänder bearbeitete Ernst Gämlich.“ Die fachliche und künstlerische Beratung des Projektes hatte laut Rogge Prof. Paul Woenne von der Solinger Fachschule für die Stahlwarenindustrie übernommen.

160 Seiten, gebunden in Schweinsleder, entstanden so. Doch bis 1943, dem Tag des letzten Eintrags durch Ritterkreuzträger, füllten sich lediglich 13 Seiten. „Dabei irritiert weniger der provisorische Charakter der Eintragungen während des Zweiten Weltkrieges als die nicht erfolgte Nutzung des Goldenen Buches in den Jahren 1935 bis 1938“, sagt Rogge. Zur Aufmachung des Buches erklärt der Stadtarchivar: „Das Buch ist ein typisches Produkt des schwülstigen NS-Kunstverständnisses, auch wenn die vergleichsweise kleinen und dezent angebrachten Hakenkreuze (an den Verschlüssen, siehe Foto) dabei überraschen.“

Eine besondere und herausgehobene Präsentation des Goldenen Buchs ist aber selbstredend nicht vorgesehen.

Ralf Rogge zur Zukunft des NS-Buchs im Stadtarchiv

Die NS-Zeit belegt laut Rogge auch die Aufmachung des Buchs: „Zwei schwere Bänder aus rostfreiem Stahl mit Verschlüssen, verziert mit vergoldeten Hakenkreuzen, halten das gewichtige Buch zusammen.“ Die Bänder sind in einer kostbaren Solinger Technik, der Goldtausia, ausgeführt. Die Worte „Soli Deo Gloria“ (Gott allein die Ehre), die den Rücken des Einbandes schmücken, seien der Spruch des Solinger Stadtwappens. Der Satz sei auf vielen Schwert- und Degenklingen Solinger Herkunft zu finden. Die Mischung historisch passender Motive und Zusammenhänge mit solchen der NS-Zeit sind typisch für Kunst und Kunsthandwerk während des Dritten Reichs.

Zur Zukunft des Buches mit der NS-Vergangenheit äußert sich Rogge ebenfalls: „Als wichtiges Zeugnis der Selbstdarstellung der kommunalen Repräsentanten des NS-Regimes bereichert es die Bestände des Stadtarchivs und die Überlieferung zur Geschichte der Klingenstadt. Eine besondere und herausgehobene Präsentation des Goldenen Buchs ist aber selbstredend nicht vorgesehen.“

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Die Geschichte des Goldenen Buchs

Auftrag: Auf Initiative des nationalsozialistischen Solinger Oberbürgermeisters Dr. Dr. Helmut Otto wurde die Idee für das Goldene Buch im Jahr 1933 nur wenige Monate nach der NS-Machtübernahme umgesetzt.

Prunkausgabe: Ende 1936 erhielt die Fachschule Solingen den offiziellen Auftrag der Stadtspitze, das Provisorium der losen Blätter zu beenden und nun tatsächlich ein repräsentatives Goldenes Buch zu schaffen. Die Anfertigung nahm mehr als zwei Jahre in Anspruch. Es wurde im Februar 1939 fertiggestellt.

Raubkunst: Wie das Goldene Buch nach Ende des Zweiten Weltkriegs aus Solingen verschwand, ist bis heute unbekannt.

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